Margarete Stokowski

Projekte gegen rechts Welcher Widerstands-Typ sind Sie?

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Das Ziel von Widerstand muss nicht immer sein, alles sofort umzustürzen. Auch kleinere Gesten bekunden Protest - und zeigen anderen, dass sie nicht allein sind.
Demonstration gegen Faschismus in Erfurt

Demonstration gegen Faschismus in Erfurt

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JENS SCHLUETER/ AFP

Heute vor 77 Jahren wurden Sophie und Hans Scholl festgenommen, als sie in der Münchner Universität das sechste Flugblatt der Weißen Rose verteilten. Vier Tage später wurden sie hingerichtet. Welchen Sinn hatten die Aktionen der Weißen Rose? Die Frage mag etwas bescheuert wirken, denn es gibt eine sehr offensichtliche Antwort darauf: Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Trotzdem: Welchen Sinn? Dachten die Mitglieder der Weißen Rose, dass sie mit ihren Flugblättern wirklich Hitler stürzen könnten, den Krieg beenden, Menschenleben retten?

Wenn man sich ansieht, wie viele Straßen, Plätze, Einrichtungen heute nach den Geschwistern Scholl benannt sind, dann kann man davon ausgehen, dass es heute sehr viele Menschen in Deutschland gibt, die die Aktionen der Weißen Rose als sinnvollen Widerstand einordnen würden: Menschen, die sagen würden, ja, es war vielleicht aussichtslos, mit bedruckten Zetteln eine faschistische Diktatur bekämpfen zu wollen, aber es war trotzdem richtig und gut. Das ist einerseits ein beruhigender Gedanke, dass es diesen Konsens zu geben scheint. (Wobei man von diesem Konsens die paar AfD-Leute wegrechnen muss, die versucht haben, die Weiße Rose für sich zu vereinnahmen, indem sie Sophie Scholl als Patriotin und damit potenzielle AfD-Wählerin darstellten .)

Andererseits kann man sich fragen, wie überzeugt die Menschen heute wirklich davon sind, dass der Widerstand der Weißen Rose richtig war. Die Aufrufe zum passiven Widerstand , die die Gruppe verteilte: Wer würde sich ihnen heute anschließen? Wie würde dieser passive Widerstand heute aussehen, was würde man boykottieren, außer ein paar Talkshows? Und: Was müsste noch passieren, damit Leute das Gefühl bekommen, es geht um etwas?

Wir leben in einem Land, in dem in ungeheurer Regelmäßigkeit immer wieder Netzwerke von bewaffneten Rechtsextremen aufgedeckt werden, mit Verbindungen zur Polizei, zur Bundeswehr. Vor ein paar Tagen wurden wieder Rechtsextreme verhaftet, sie hatten offenbar Anschläge auf betende Menschen in Moscheen geplant. Innenminister Seehofer hat - ziemlich genau wie nach dem Mord an Walter Lübcke – ein "unermüdliches" Vorgehen gegen rechtsextreme Straftaten angekündigt . Hoffentlich noch unermüdlicher als das Vorgehen der Polizei in Halle, die während des Anschlags auf die Synagoge laut Recherchen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR die Verfolgung des Täters eher gemächlich anging . Hoffentlich auch unermüdlicher als die Passanten, die laut derselben Recherche an der niedergeschossenen Frau vor der Synagoge vorbeigingen, ohne Erste Hilfe zu leisten.

Wenn man sich diese Dinge anschaut – wie viele gewaltbereite Rechtsextreme es in Deutschland gibt, wie siegessicher sie Anschläge planen, wie schlecht bisweilen ihre Verfolgung läuft  –, dann kann man mit guten Gründen verzweifeln. Es gibt Menschen in Deutschland, die ernsthaft übers Auswandern nachdenken oder bereits Pläne dafür machen und zwar nicht aus Wetter- oder Selbstverwirklichungsgründen, sondern weil sie Angst um sich oder ihre Familie haben. Es sind jüdische Menschen, muslimische Menschen, People of Color, queere Menschen, die nicht wissen, wie lange sie es hier noch aushalten. Es gibt Politikerinnen und Politiker, die zurücktreten, weil sie bedroht werden. Ehrlich gesagt kann ich sie alle verstehen. Ich würde aber gleichzeitig auch gern verstehen, wie ernst es die Leute meinen, die die Mitglieder der Weißen Rose als WiderstandskämpferInnen verehren: Was tun Sie heute?

Es gibt unzählige kleine bis mittelgroße Protestformen

Es gibt nicht "den einen Ort der Großen Weigerung", hat Foucault geschrieben. Es gibt nicht den einen zentralen, sondern lauter einzelne Widerstände: "mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände" – choose your fighter!

Sie müssen nicht Ihr Leben riskieren, Sie müssen auch nicht gewalttätig werden. Das Ziel von Widerstand muss nicht immer sein, alles auf einmal und sofort umzustürzen. Es kann auch das Ziel sein, anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind; dass man auch nicht einverstanden ist.

Zwei Akte des Widerstands gegen rechts, die in den vergangenen Tagen sehr viel Beifall bekommen haben, waren maximal simpel und trotzdem gut: die Linkenlandeschefin Susanne Hennig-Wellsow, die dem frisch gewählten thüringischen Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße warf, und die Demokratin Nancy Pelosi, die das Redemanuskript von Donald Trump zerriss. Beides hat im direkten Sinne nichts geholfen: Kemmerich ist nicht wegen der Sache mit den Blumen zurückgetreten, Trump hatte seine Rede bereits gehalten. Und dennoch war beides – der hingeworfene Blumenstrauß, die zerrissene Rede – wertvoller Protest.

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Es gibt unzählige solcher kleiner bis mittelgroßer Protestformen. Die Aufkleber in den Berliner U-Bahnen, die unter den Original-BVG-Stickern mit durchgestrichener Zigarette und durchgestrichenem Eis im selben Layout einen durchgestrichenen AfD-Schriftzug zeigen. Die JournalistInnen, die ihre Absagen an Talkshows öffentlich posten, weil sie nicht mit dem Rassisten Thilo Sarrazin diskutieren wollen. Die Spendensammlung für das antirassistische Netzwerk Polylux, organisiert von Moritz Krawinkel, dessen Onkel 100.000 Euro an die AfD spendete: Der Neffe will jetzt im Gegenzug 100.000 Euro für Projekte gegen rechts sammeln. Alles sehr gute Ideen. Wenn Sie weitere gute Ideen haben, posten Sie sie gern im Kommentarbereich, denn dazu ist er ja da.