Christoph Twickel

Umgang mit Corona-Protesten Sieg der Vernunft

Christoph Twickel
Ein Essay von Christoph Twickel
Viele Menschen in Deutschland fühlen sich derzeit von einer "Hygiene-Diktatur" unterdrückt, Rechte springen auf die Proteste auf. Für eine neue politische Linie taugt dieses Gefühl aber nicht.
Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Stuttgart am 16. Mai: Dass diese Szene während der Coronakrise Auftrieb erhält, ist kein Wunder

Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Stuttgart am 16. Mai: Dass diese Szene während der Coronakrise Auftrieb erhält, ist kein Wunder

Foto:

Arnulf Hettrich/ imago images/Arnulf Hettrich

Auch am Wochenende werden wohl wieder Menschen auf die Straße gehen, um gegen einen Impfzwang zu demonstrieren, den es nicht gibt. Sie werden eine "Hygiene-Diktatur" anprangern, während überall gerade die Corona-Maßnahmen aufgehoben werden. Und sie werden vor der Macht von Bill Gates warnen - ein Milliardär, der seine Milliarden ausnahmsweise nicht vor der Steuer versteckt, sondern sie für Gesundheitsmaßnahmen vor allem im globalen Süden einsetzt.

Man könnte prognostizieren: Eine Bewegung, deren Zulauf vor allem auf eingebildeten Missständen beruht, wird schnell verebben. Aber so funktioniert der Volkszorn erfahrungsgemäß nicht - sonst käme die AfD in Regionen mit wenigen Geflüchteten und geringem Anteil an Migrantinnen und Migranten kaum über die Fünfprozenthürde. Deshalb ist die Frage durchaus berechtigt: Tragen die Querdenker-Proteste, die mit der Coronakrise entstanden sind, den Keim einer neuen politischen Bewegung in sich? 

In keinem anderen europäischen Land gibt es vergleichbare Proteste gegen die Corona-Auflagen, obwohl sie teilweise deutlich strenger sind. Deutsche können offensichtlich hartnäckig sein, wenn es darum geht, sich unterdrückt zu fühlen von Maßnahmen, die man anderswo einfach für ein notwendiges Übel hält, um ein aggressives neues Virus einzudämmen.

Die "Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen" sei der "wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht" wusste schon Hannah Arendt, als sie das Nachkriegsdeutschland des Jahres 1950 besuchte. Sie sah sich mit Deutschen konfrontiert, die den Holocaust und die deutsche Kriegsschuld abstritten, sich aber für gute Demokraten hielten. Der Durchschnittsdeutsche glaube ernsthaft, "dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie".

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Arendts Analyse ist erstaunlich aktuell. Auch heute rebellieren die Demonstrantinnen und Demonstranten in deutschen Städten gegen Infektionsschutzmaßnahmen mit dem Argument, es sei ja nur die "herrschende Meinung", dass Covid-19 so gefährlich sei.

"Wir fordern eine Experten-Anhörung" stand etwa auf einem Protestplakat in Hamburg - als würden die Deutschen nicht unaufhörlich von Expertinnen und Experten über den Stand der Corona-Forschung aufgeklärt. Die Protestierenden missverstehen offensichtlich den Begriff der "herrschenden Lehrmeinung".

Wo die Wissenschaft darunter einfach den aktuellen Forschungsstand versteht, vermuten sie eine Hegemonie über die Meinungen. Sie stellen sich auf den Standpunkt, in einer Demokratie müsse eine Expertenstimme so berechtigt wie die andere sein. Sie halten es für ihr demokratisches Recht, sich andere Expertinnen und Experten zu suchen und landen bei Ärzten, meistens Männer, die zwar keine Spezialisten für Coronaviren sind, sich aber dennoch berufen fühlen, via YouTube den Menschen ihre abweichenden Erkenntnisse über das Virus zu verkünden.

Man könnte auch mal umgekehrt konstatieren: Ist es nicht erstaunlich, wie viele systemkritische Menschen angesichts der Pandemie den Hebel umgelegt haben?

Ein gutes Beispiel ist Dr. Bodo Schiffmann, ein HNO-Arzt mit vertrauenerweckend sonorer Stimme. Mehrere Hunderttausend schauen seine "Richtigstellungen zu Corona" auf YouTube an, in denen er gern mit Arztkittel und Stethoskop auftritt. Darin erklärt er, die Heinsberg-Studie habe gezeigt, dass Deutschland längst auf dem Weg zur Herdenimmunität sei, eine Übersterblichkeit gäbe es nicht, die Corona-Maßnahmen seien Ergebnis einer Panikmache.

Schiffmann hat die neue Partei "Widerstand 2020" gegründet, deren Schilder viele auf den Demos derzeit hochhalten. Das Recht auf abweichende Meinungen zu Covid-19 ist derzeit der einzige Inhalt dieser Partei. Überhaupt geht es in den oft stundenlangen Videos der Querdenkerszene eher am Rande um Virologie, Impfstoffe oder epidemiologische Maßnahmen - dafür umso mehr darum, wie sehr das Recht darauf, es auch anders sehen zu können, derzeit mit den Füßen getreten wird.

Eine Schlüsselfigur der Szene ist Ken Jebsen, ein ehemaliger RBB-Moderator, der wegen Antisemitismus-Vorwürfen entlassen wurde und sich seither als zu Unrecht Verfemter und als Stimme der Opposition in einer Welt der Mainstream-Medien inszeniert. Bei Jebsen kommt der rechtsradikale Verleger Jürgen Elsässer genauso zu Wort wie der Linkspartei-Politiker Dieter Dehm. Er interviewt alternative Krebsheiler, Impfgegner, oder Buchautoren, die 9/11 für einen Inside Job halten. Ein Sammelsurium von Leuten, die eigentlich nur eines zusammenhält: Sie können sich den Umstand, dass Medien und Politiker ihre steilen Thesen links liegen lassen, nur dadurch erklären, dass Medien und Politiker manipuliert, gekauft und kontrolliert sind.

Dass diese Szene während der Coronakrise Auftrieb erhält, ist kein Wunder. Vorbehalte gegenüber Schulmedizin und Pharmakonzernen sind weitverbreitet in Deutschland. Die Ansicht, dass Politikerinnen und Politiker nur Erfüllungsgehilfen mächtiger Kräfte im Hintergrund sind, ist ein populärer Topos gerade unter denen, die sich für Politik und Ökonomie eigentlich nicht besonders interessieren. Wenn beide Stränge zusammenkommen, kann die Mischung übel werden. Wie etwa in dem Video "AUFGEFLOGEN! Die WAHREN Mächte", das der so seriös wirkende Dr. Schiffmann auf seinem Kanal empfiehlt.

In dem Video sieht man Bill Gates als Marionettenspieler, an dessen Fäden Merkel, Jens Spahn, Christian Drosten und Lothar Wieler vom RKI hängen. Der Autor landet schnell bei einer Weltverschwörung jüdischer Bankiers. Kein Wunder, dass zu den Querdenker-Demos auch NDP- und AfD-Funktionäre sowie bekannte Neonazis auflaufen. Wo sich Merkel-Bashing und Legenden über reiche Juden treffen, fühlen sich Rechtsradikale pudelwohl.

Dass diese Leute zusammen auf die Straße gehen, macht Angst. Trotzdem: Für eine langfristige gemeinsame politische Linie taugt es nicht. Dass die Rechten durch die Querdenker-Bewegung großen Zulauf bekommen, ist schwer vorstellbar. Die Protestierenden mögen eigentümliche Ansichten zum Thema Impfen, Maskenpflicht und Herdenimmunität haben. Rechtsradikale sind sie deshalb nicht. Dass sie auf ihren Demos Rechtsradikale mitlaufen lassen, zeugt eher noch von ihrer politischen Ahnungs- und Instinktlosigkeit - und das spricht am Ende eher dafür, dass diese Bewegung abebben wird.

Man könnte auch mal umgekehrt konstatieren: Ist es nicht erstaunlich, wie viele systemkritische Menschen angesichts der Pandemie den Hebel umgelegt haben? Spricht es nicht zum Beispiel für die linke Szene, dass sie Maßnahmen, gegen die sie etwa 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg Sturm gelaufen ist, hier als medizinisch geboten akzeptiert - und allenfalls dagegen protestiert, dass man Geflüchteten die Schutzmaßnahmen vorenthält?

Linke und Liberale, die Versammlungsverbote in normalen Zeiten als grundrechtswidrig geißeln, halten plötzlich Merkel für die Stimme der Vernunft, weil sie sich gegen Lockerungsforderungen von Wirtschaftslobbyisten stellt. Dass angesichts der Pandemie so unterschiedliche Lager ein Zweckbündnis eingehen, kann man als Sieg der Vernunft verbuchen.

Und man sollte gleichzeitig aufpassen, gegenüber denen, die sich vor einer "Hygiene-Diktatur" fürchten, nicht in Siegermacht-Gehabe zu verfallen. Es ist eine Unsitte, jeden als "Aluhut" und "Verschwörungstheoretiker" verächtlich zu machen, der sich irritiert zeigt von den Corona-Maßnahmen. Kritik an Pharmakonzernen und an der Einschränkung von Grundrechten ist auch während der Pandemie legitim.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Man kann streiten mit denen, die Abstandsregeln, Maskenpflicht und Versammlungsverbote für diktatorisch halten. Man kann ihnen entgegnen, dass niemand das Recht hat, andere anzustecken. Aber auch sie haben das Recht, ihre Sichtweise zu verbreiten. Nur dadurch kann sich eine Immunität gegen krude Thesen entwickeln, wie sie der durch ein kurzes Video  berühmt gewordene Rentner Alfons Blum vorführt. "Man muss vernünftig bleiben", resümiert der Mann, den ein Rechter bedrängt, sich angesichts seiner Sorgen und Nöte den Tiraden gegen Merkel und die Mainstream-Medien anzuschließen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.