Arno Frank

Protest und Plünderung Raustragen ist nicht austragen

Arno Frank
Ein Kommentar von Arno Frank
Werden Geschäfte geplündert, kippt der politische Protest unweigerlich - und verliert seine moralische Berechtigung.
Ein Louis-Vuitton-Geschäft in Boston wird geplündert

Ein Louis-Vuitton-Geschäft in Boston wird geplündert

Foto: Keiko Hiromi/ AFLO/ imago images

Ein Land ist im Ausnahmezustand, und alles daran ist politisch.

Der Protest gegen einen brutalisierten und teilweise faschistoiden Polizeiapparat. Die Wut über die rassistische Benachteiligung ganzer Bevölkerungsgruppen. Ein Präsident, der sich im Bunker des Weißen Hauses verkriecht, während er das Chaos draußen mit militärischen Mitteln einzudämmen versucht. Die Unterwanderung friedlicher Demonstranten durch rechte wie linke Extremisten an der Schwelle zur Miliz. Plakate, Tränengas, Knüppel, brennende Barrikaden. Alles politisch. Hier wird etwas ausgetragen.

Bei Plünderungen aber wird nur etwas rausgetragen. Ist das auch politisch?

Wohlwollenden Beobachtern (und Leuten, die höchstens mal ein Büfett oder ihren Kühlschrank "plündern") erscheint das Wüten der Wütenden als so nachvollziehbare Notwendigkeit, dass das Plündern sozusagen als unappetitlicher Beifang in Kauf genommen wird.

Tatsächlich ist es der Moment, in dem der politische Protest unweigerlich kippt - und seine moralische Berechtigung verliert.

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Das war 1992 in Los Angeles so, 2011 in London, und so ist es zuverlässig bei allen Ausschreitungen dieser Art, überall. Seit am 1. Mai 1987 in Berlin mehrere Geschäfte geplündert wurden, gehört Verbrettern von Schaufenstern durch Ladeninhaber zur wiederkehrenden Folklore der Auseinandersetzung. Rituelle Plünderungsversuche sind hier bereits eingepreist. 

Es geht nicht darum, systemisches Unrecht mit einer vergleichweisen Lappalie wie dem Plündern eines Supermarkts aufzurechnen. Es geht darum, dass die Plünderung in eine andere Kategorie fällt als der Protest, der sie ermöglicht.

Es ist durchaus eine kollektive Wut vorstellbar, die zum Niederbrennen einer Polizeistation führt – insofern die Station ein Symbol des Systems ist. Welcher Natur aber wäre eine Wut, die zum Abgreifen unbewachter Statussymbole führt? Ich bin so verdammt wütend, dass ich mir jetzt zwei Playstations abgreife und zu Hause erst mal eine Runde zocke?

Vulgärmarxistisch könnte man argumentierten, dass hier die Enteigneten die Enteigner enteignen. Und sich nehmen, was ihnen vorenthalten wird. Nach dieser Logik müsste sich nicht Tante Emma um ihren Laden, sondern ein Großplünderer ganzer Volkswirtschaften wie Jeff Bezos ernste Sorgen um seine Logistikzentren machen. 

Am 2. April 1968 haben die späteren Mitbegründer der RAF zwei Kaufhäuser angezündet. Es ist nicht bekannt, dass sie zuvor Uhren, Schmuck oder Unterhaltungselektronik für den eigenen Bedarf abgezweigt hätten.

Wenn es stimmt, dass der Massenkonsum ein System stabilisiert und ich dieses System bekämpfen will, dann dürfen die Tempel dieses Konsums getrost brennen. Eigne ich mir aber zuvor die Zeichen dieses Konsums an, Turnschuhe, Laptops, Thermomix, dann habe ich schon verloren.

Dann hat das System gewonnen, weil seine Glücksversprechen weiterwirken und das plündernde Subjekt angeblich zwar alle Ordnung infrage stellt, nicht aber den Wert eines Laserdruckers.

"Macht kaputt, was euch kaputt macht!" ist etwas völlig anderes, vielleicht sogar das Gegenteil von: "Nehmt mehr von dem, was euch kaputt macht!" – weil ihr es eigentlich doch begehrt.

In diesem Fall ist das Plündern, der Vergewaltigung als aggressivem Begehren nicht unähnlich, nur noch entgrenzter Konsum. Es geht nicht ums Überleben. Es geht ums Wohlleben.

Gestern griff ich mir aus der Opulenz der Regale, was ich bezahlen konnte. Heute greife ich mir, was ich tragen kann. Es ist ein euphorischer Rausch, danach geht's mir bestimmt besser. Was war noch mal mein politisches Anliegen?

Nun ist den Plünderern nicht vorzuwerfen, dass sie ihren Karl Marx nicht gelesen haben. Ebenso wenig ist ihnen zugutezuhalten, von den üblen Umständen leider so zugerichtet zu sein, dass sie gar "nicht anders können", als ihre Würde möglichst billig preiszugeben.

Die Revolte ist immer ein heikler Moment. Die bisherige Ordnung ist moralisch diskreditiert, eine neue Ordnung noch nicht etabliert. Wenn eine kritische Masse auf die Straßen drängt, besteht sie nicht nur aus edlen Subjekten. Ihre eskalierende Anwesenheit schadet der Sache inhaltlich wie strategisch. Sie bilden ihre moralisch offene Flanke.

Wenn eine Bewegung diese Flanke nicht mit eigenen Mitteln geschlossen bekommt, werden das früher oder später die bisherigen Autoritäten tun.

Mit genau den grundfalschen Methoden, die diesen Ausnahmezustand überhaupt erst zu verantworten haben.

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