Bahman Nirumand

Proteste in Iran Die unstillbare Wut auf die scheinheiligen Greise

Bahman Nirumand
Ein Gastbeitrag von Bahman Nirumand
Mit brutaler Gewalt und Hinrichtungen geht das Regime in Iran gegen die Demonstrationen für Frauenrechte und Freiheit vor. Es wird ihm nichts helfen: Die Tage des Gottesstaates sind gezählt.
Protest in Saqez, dem Heimatort der von der Sittenpolizei ermordeten Mahsa Amini, am 26. Oktober 2022

Protest in Saqez, dem Heimatort der von der Sittenpolizei ermordeten Mahsa Amini, am 26. Oktober 2022

Foto: UGC / AFP

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Revolutionen haben gewöhnlich die Umwälzung der sozialen, ökonomischen oder politischen Verhältnisse zum Ziel. Nicht so bei dem Aufstand in Iran. Hier geht es um das Leben schlechthin, um ein neues, selbstbestimmtes, gleichberechtigtes und freies Leben. Es ist eher eine Kulturrevolution, ein Aufprall der Moderne gegen die Tradition, eine Suche nach einer neuen Identität.

Viel Wut hatte sich besonders in den vergangenen Jahren aufgestaut. Zuletzt über die Monopolisierung der Macht durch die Ultras und die Übernahme der Regierung durch Ebrahim Raisi, der ankündigte, die bislang nicht gelungene Islamisierung der Gesellschaft mit allen Mitteln durchzusetzen. Dazu gehörte auch die Verstärkung der Kontrollen der Sittenpolizei.

Der Tod von Mahsa Amini brachte das Fass zum Überlaufen. Die schlichte, unschuldige 22-jährige Frau, die nie politisch aktiv war, musste sterben, weil einige Haarsträhnen aus ihrem Kopftuch herausschauten. Seitdem gehen landesweit Tag für Tag vorwiegend junge Frauen und Männer auf die Straße, stellen sich mit leeren Händen den bewaffneten Schergen des islamischen Gottesstaates entgegen, die mit äußerster Brutalität gegen sie vorgehen, und fordern den Sturz des Gottesstaates.

Sie scheinen keine Angst zu haben. Während bei früheren Demonstrationen die Teilnehmer sich zuriefen: »Fürchtet euch nicht, ihr seid nicht allein«, rufen sie jetzt, gerichtet an den »»Islamischer Staat««: »Fürchtet euch, wir sind nicht allein.« Sie haben dem Gottesstaat endgültig den Rücken gekehrt. »Islamische Republik wollen wir nicht, wollen wir nicht«, rufen sie.

Die Proteste richten sich gegen das scheinheilige Regime

Was treibt die Menschen, dass sie dafür ihr Leben zu riskieren bereit sind? Es geht längst nicht mehr um den Kopftuchzwang, auch nicht allein um die Diskriminierung der Frauen. Das Ziel des Aufstands ist weit umfassender. Es geht um die Würde des Menschen, um die verbrieften Rechte der Individuen. Die Proteste richteten sich gegen ein Regime, das seit 43 Jahren scheinheilig im Namen Gottes das Volk gängelt. Das erzwungene Kopftuch, das Frauen demonstrativ ins Feuer warfen, ist ein Symbol für Unterdrückung jeglicher Art, für Diskriminierung und Demütigung, nicht nur der Frauen, sondern auch von Jugendlichen, ethnischen und religiösen Minderheiten, von Andersdenkenden.

Der Zorn des Volkes: Ein Polizeimotorrad geht in Teheran in Flammen auf (September 2022)

Der Zorn des Volkes: Ein Polizeimotorrad geht in Teheran in Flammen auf (September 2022)

Foto: Wana News Agency / REUTERS

Die Wurzeln dieser tiefreichenden Entwürdigung liegen in der Revolution von 1979, die zunächst gegen die Schah-Diktatur gerichtet war und Freiheit und Unabhängigkeit forderte, in ihrem Verlauf jedoch von den Islamisten okkupiert wurde, deren Ziel nichts Geringeres war, als dem Volk eine neue Identität zu geben, eine islamische Identität. Im Grunde war die islamische Revolution eher eine kulturelle als eine politische oder soziale Revolution.

Die erste programmatische Rede, die Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei in der Pilgerstadt Ghom hielt, ließ ahnen, was von der neuen Macht zu erwarten war. »Wir werden die gesamte Presse, den Rundfunk, das Fernsehen von der Unmoral reinigen. Alles muss sich am Islam orientieren. Unsere Werbung muss islamisch werden, unsere Ministerien müssen sich in islamische Stützpunkte verwandeln, unsere Gesetze müssen islamische Gesetze sein. Wir werden uns nicht darum kümmern, ob dies dem Westen passt oder nicht. Der Westen hat uns erniedrigt, er hat unsere Seele zerstört. Seid wachsam! Wir müssen wachsam sein, dass sie uns nicht allmählich wieder zurücklocken. Alles muss sich dem Islam anpassen. Ich warne euch, lasst euch nicht durch das Wort Demokratie in die Irre führen. Demokratie ist westlich und wir lehnen westliche Systeme ab.«

Seitdem werden diese Anweisungen Khameneis befolgt. Die Furcht von einer westlichen Unterwanderung ist groß. Man spricht von einer »samtenen Revolution«, die weitaus gefährlicher sei als ein militärischer Angriff. Die Feindschaft gegen den Westen gehört zu den wichtigsten Säulen der Islamischen Republik.

Die neuen islamistischen Machthaber räumten mit allem auf, was zur Grundlage der alten iranischen Kultur und einer zivilen Gesellschaft gehört. Ihr Ziel war eine vollständige Umwertung der bis dahin geltenden Werte. Die ersten Maßnahmen richteten sich gegen Frauen. Sie sollten sich den islamischen Moralvorstellungen fügen und sich entsprechend kleiden. Von da an wurde das Kopftuch zum Symbol der Unterdrückung.

Protest in Teheran am 21. September 2022: Wer in Iran heute jünger als 43 ist, hat nichts anderes erlebt als die Islamische Republik

Protest in Teheran am 21. September 2022: Wer in Iran heute jünger als 43 ist, hat nichts anderes erlebt als die Islamische Republik

Foto: AP

Die neue Macht ordnete Geschlechtertrennung an den Universitäten, Schulen und Badestränden an. Schulbücher wurden umgeschrieben, die vorislamische Zeit zum größten Teil ausgeblendet. Für die Islamisten begann die iranische Geschichte mit dem Einzug des Islam. Jede Form von Erotik oder Sexualität wurde verboten.

Parallelwelten mit wachsender Distanz

Doch die Mühe war bei einem Großteil der Bevölkerung vergeblich. Zu stark ist die Verbundenheit der Iraner mit der eigenen Geschichte, der eigenen Kultur. Sie sind stolz, gerade auf die vorislamische Zeit, auf die Könige Darius und vor allem Kyros, der die erste Charta der Menschenrechte schrieb, sie identifizieren sich mit den großen Dichtern wie Hafis und Ferdowsi, mit der reichen persischen Sprache.

Zudem waren größere Schichten der Bevölkerung bereits mit einer modernen Lebensweise vertraut, die sie auch nach der Revolution hinter verschlossenen Türen pflegten und fortsetzten. So entstanden zwei Parallelwelten, die sich Jahr für Jahr voneinander entfernten. Mehr als sechs Millionen Menschen verließen das Land.

Demonstranten in Teheran 1979: Die Revolution richtete sich gegen die Schah-Diktatur, wurde jedoch von den Islamisten okkupiert

Demonstranten in Teheran 1979: Die Revolution richtete sich gegen die Schah-Diktatur, wurde jedoch von den Islamisten okkupiert

Foto: Keystone / Hulton Archive / Getty Images

Wer heute jünger als 43 Jahre alt ist, hat nichts anderes erlebt als die Islamische Republik. Das gilt für mehr als die Hälfte der 83 Millionen Bewohner des Landes. Ein Teil dieser Generationen wurde von den Revolutionsgarden, den Basidsch-Milizen und anderen paramilitärischen Organisationen rekrutiert und damit existenziell vom Bestand des Regimes abhängig gemacht. Ein anderer Teil führte ein schwer erträgliches Doppelleben zwischen dem meist laizistischen Elternhaus und den indoktrinierten Schulen und Universitäten.

Es war und ist ein schizophrenes, kaum zu ertragendes Leben ohne Zukunftsperspektive, ohne die Möglichkeit, eigene Begabungen zu entfalten und zu pflegen. Viele haben ihre Jugend nicht erleben und genießen können. Sie sind immer wieder hoffend auf Änderungen und grundlegenden Reformen zur Wahl gegangen, haben für den Reformer Mohammad Chatami und sogar dem gemäßigten Konservativen Hassan Rohani gestimmt. Wie oft haben sie an Kundgebungen und Protestmärschen teilgenommen, an den Universitäten, in den Fabriken für ihre Forderungen gestreikt. Doch ihre Rufe und Schreie stießen stets auf taube Ohren. Das Regime reagierte auf jede Kritik, jeden Protest mit purer Gewalt.

Sie fordern ein neues Leben, eine neue Identität

Der einzige Fluchtort, in den sich vor allem Jugendliche begeben können, um der unerträglichen Wirklichkeit zu entrinnen, sind das Internet und die sozialen Netzwerke. In dieser virtuellen Welt lernen sie die Außenwelt kennen, begegnen Gleichaltrigen, die frei und unbeschwert von staatlich verordneten Verboten und Geboten ihren Alltag verbringen, sehen Liebespaare, die sich auf den Straßen umarmen und küssen.

Der Vergleich dieser Welt mit ihrem realen Dasein und dem, was die Eltern von der Vergangenheit erzählen, weckt unerfüllbare Sehnsüchte in ihnen, aber auch unstillbare Wut gegen die machtbesessenen, scheinheiligen Greise, die ihnen ihre Jugend geraubt und all die absurden Entbehrungen beschert haben.

Das ist die Basis für die Rebellion, die derzeit in Iran stattfindet. »Frau, Leben, Freiheit«, rufen die Protestierenden. Sie fordern ein anderes, ein neues Leben, eine andere Gesellschaft, eine neue Identität. Der Aufstand ist eine Antwort auf die Revolution von 1979, eine entgegengesetzte Kulturrevolution, die anders als damals nicht in die weit zurückliegende Vergangenheit, sondern in die Zukunft blickt. Den Aufständischen ist bewusst, dass die herrschende klerikale Diktatur weder gewillt noch in der Lage ist, selbst ihre elementarsten Bedürfnisse zu erfüllen. Daher fordern sie kompromisslos den Sturz des Gottesstaates.

Wir Oppositionelle im Ausland bewundern mit Stolz den mutigen Kampf der jungen Frauen und Männer, die sich so selbstlos für die Freiheit und ein humanes Leben einsetzen. Wir sind aber auch in großer Sorge. Täglich sind hunderte Videoaufnahmen im Umlauf, auf denen schreckliche Szenen zu sehen sind: Ein wehrloser Demonstrant wird kaltblütig auf der Straße erschossen. Eine verzweifelt schreiende Mutter, die ihren 23-jährigen Sohn im Gefängnis besuchen wollte, und am Eingang erfährt, dass der Sohn wenige Stunden zuvor hingerichtet worden war. Unerträglich sind auch die Aufnahmen von den öffentlichen Hinrichtungen in Anwesenheit jubelnder Lakaien des Regimes.

Das Regime wird nicht freiwillig gehen

Wir werden mit Informationen überschüttet, oft auch mit gezielt falschen, hören von Sabotageakten, die von Agenten ausgeführt wurden und dem Regime einen Vorwand zum härteren Durchgreifen liefern. Direkte Verbindungen mit Verwandten und Freunden in der Heimat gelingen selten, weil die Netzwerke zumeist gesperrt sind.

Wie soll es weitergehen, frage ich mich? Welches Schicksal steht einem Land bevor, das so tief gespalten ist, so tief, dass in Teheran Demonstranten den Sieg der USA gegen Iran bei den Fußballweltmeisterschaften feierten?

Ajatollah Khomeini kehrte 1979 aus dem Pariser Exil zurück und führte Iran in eine religiöse Diktatur

Ajatollah Khomeini kehrte 1979 aus dem Pariser Exil zurück und führte Iran in eine religiöse Diktatur

Foto: Francois Lochon / Gamma-Rapho / Getty Images

Ich frage mich, was geschehen wird, wenn das Regime, das sich wie eine Besatzungsmacht verhält, keine Zugeständnisse macht und noch mehr Gewalt anwendet, noch mehr unschuldige Menschen hinrichtet, um die Proteste zu ersticken? Wie viele Opfer kann der Widerstand noch hinnehmen? Werden, wenn es hart auf hart kommt, die Revolutionsgarden die Macht übernehmen und eine klerikale Militärdiktatur errichten? Wird es zu einem Bürgerkrieg kommen?

Sicher ist, dass das Regime, das alles zu verlieren hat, nicht freiwillig das Feld räumen wird. Sicher ist auch, dass kaum ein Land an einem Iran interessiert ist, in dem Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit herrschen: Russland und China nicht, die neuen Verbündeten der »Islamischen Republik«, und schon gar nicht die arabischen Nachbarstaaten, für die eine Demokratie in Iran ein Horror wäre. Selbst westliche Staaten lassen sich eher von ökonomischen und geostrategischen Interessen leiten als von ihren Bekundungen zu Menschenrechten.

Warum steht Khamenei nicht auf der EU-Terroristenliste?

Die bisherigen Sanktionen, die von der EU gegen Iran beschlossen wurden, und die Appelle an das Regime in Teheran, die Gewalt gegen das eigene Volk einzustellen, jucken die Herrscher in Teheran nicht. Es müssen weit härtere Maßnahmen ergriffen werden, ohne sich direkt in das Geschehen in Iran einzumischen.

Warum steht Revolutionsführer Khamenei, der für alles, was in Iran geschieht, die Hauptverantwortung trägt, nicht auf der EU-Terroristenliste? Warum stuft die EU die Revolutionsgarden nicht als terroristische Organisation ein? Sollen noch ein paar Türen offen bleiben, um beim Fortbestand des Gottesstaates weiter mit den Gottesmännern Geschäfte machen zu können?

Die bisherigen Proteste haben starke Risse im Gebälk des Gottesstaates erzeugt, haben die scheinheiligen, korrupten Gottesmänner, die sich hinter Turban und Umhang versteckten, entlarvt und sogar zu Spaltungen in den Reihen der Anhänger des Regimes geführt. Damit ist eine Rückkehr zu den Zeiten vor dem Aufstand kaum denkbar. Zu groß ist die gesellschaftliche Spaltung, zu groß die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die schon seit Jahren unter der wirtschaftlichen Krise, katastrophalen Umweltverschmutzung, Korruption, Zensur und Willkür leidet.

Allein die Tatsache, dass auf den Straßen wieder Frauen ohne Kopftuch zu sehen sind, ist eine große Errungenschaft. Der Aufstand hat in der ganzen Welt Sympathie erzeugt und, noch wichtiger, Frauen in den Nachbarstaaten dazu ermuntert, für ihre Rechte zu kämpfen.

Doch die Bewegung kann nur zu ihrem Ziel gelangen, wenn es ihr gelingt, größere Schichten der Bevölkerung, vor allem die Mittelschicht, gegen das Regime zu mobilisieren. Das setzt ein klares Programm und eine glaubwürdige Alternative voraus. Aber unabhängig davon, und selbst wenn es dem Regime gelingen sollte, die Protestierenden zum Schweigen zu bringen: Es wird bald heftigere Aufstände geben. Die Tage des Gottesstaates sind gezählt.

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