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Protokoll für andere

Kurt Marti: »Zum Beispiel Bern 1972«. Luchterhand; 188 Seiten; 14,80 Mark.
aus DER SPIEGEL 40/1973

Kurt Marti, 52, Pfarrer und Versemacher zu Bern, hat, während alle literarische Welt Tagebuch schreibt, eines doch eigener Art geführt, »ein politisches": »thematisch beschränkt, zeitlich befristet, nicht literarisiert, eine Art Protokoll: für mich, für andere«.

Mit diesem Text will der Schweizer für seinen Teil »der zunehmenden Rechtstendenz und McCarthysierung im Lande« steuern. Dieser Drall personifiziert sich ihm in einem Major Cincera, der mit behördlicher Billigung eidgenössische Frauen-Verbände und Offiziersgesellschaften besucht und in diskussionslosen Vorträgen nicht nur linke Leute, sondern auch solche wie Marti als »von Moskau ferngesteuerte Elemente denunziert«.

In einer Umgebung, wo schon »das Wort 'Frieden' weitherum als subversive Parole« gilt, notiert Marti vor allem drei »kleine Vorgänge in kleinen Verhältnissen«. gesehen, wie er gewissenhaft meint, »durch das Vergrößerungsglas meiner Subjektivität«.

Er verteidigt vor dem Militärgericht einen Dienstverweigerer und belegt mit Zeugnissen eine bedrückende Justizpraxis; er hält fest, wie der ihm selbst zugedachte theologische Lehrauftrag von den Konservativen abgeschmettert wird; er verfolgt hoffnungsvoll den Anlauf zur Volksabstimmung über das Waffenausfuhrverbot.

Diese Abstimmung, die im September 1972 wider alles Erwarten fast einen Erfolg der Ausfuhrgegner brachte, liefert gleichsam das Happy-End eines Berichts, in dem die besonnene Selbstprüfung des Autors. seine entschiedenen Urteile zur Lage in der Schweiz über die »kleinen Verhältnisse« hinaus bedeutsam macht.

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