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Theater »Provinz im Kopf«

aus DER SPIEGEL 29/1994

SPIEGEL: Braunschweiger Bürger haben, einmalig in der deutschen Theatergeschichte, 5596 Unterschriften gesammelt, um Ihre Ablösung zu erreichen. Beugen Sie sich dem Mißtrauensvotum?

Flügge: Auf keinen Fall. Es protestieren ja nicht nur Theatergänger, sondern auch Leute, die nie in einer Vorstellung waren.

SPIEGEL: Ein Vorwurf lautet »öffentliche Diffamierung des Staatstheaters und der Theaterbesucher«.

Flügge: Ich habe nur gesagt, daß ich das Haus für vorsintflutlich verwaltet halte, und das kann ich auch belegen.

SPIEGEL: Paßt den Bürgern Ihre ganze Richtung nicht?

Flügge: Provinz fängt im Kopf an. Dabei arbeitet die Aktion gar nicht mit Kritik am Künstlerischen. Das würden die zwar gern tun, aber unser »Tannhäuser«, der am Anfang attackiert wurde, war fast immer ausverkauft. Unser neuer »Otello« von Rossini genauso.

SPIEGEL: Dennoch haben Sie den neuen Spielplan geändert. Fracksausen vor den Fundamentalisten?

Flügge: Wir hatten zwei moderne italienische Einakter geplant, jetzt spielen wir Wagners »Fliegenden Holländer«. Das hat mit dem Publikum zu tun, war aber auch ein Wunsch unseres Generalmusikdirektors.

SPIEGEL: Von Ihren einst 6800 Abonnenten haben rund 3000 gekündigt. Machen Sie ein Theater, das die Braunschweiger nicht verstehen oder eines, das sie nicht verdienen?

Flügge: Wir machen vielleicht ein Theater, das einige nicht verstehen wollen. Wir bieten eben nicht mehr die alten, abgenutzten Bilder auf der Bühne. Und unsere Senioren sind über den neuen Kurs irritiert.

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