Provokante Umbauentwürfe »Architekten müssen wieder politischer werden«

Der Architekt Benedikt Hartl hat vorgeschlagen, das Kapitol in eine Festung zu verwandeln. Hier erklärt er, was er damit erreichen will und warum er auch schon den BER zum »Covid-Superhospital« umbauen wollte.
Entwurf von Opposite Office für ein zur Festung umgebautes Kapitol

Entwurf von Opposite Office für ein zur Festung umgebautes Kapitol

Foto: Benedikt Hartl / Opposite Office

SPIEGEL: Herr Hartl, nach dem Angriff auf das Kapitol haben Sie vorgeschlagen, um das Gebäude in Washington dicke Maueranlagen hochzuziehen, es in eine Furcht einflößende Festung zu verwandeln. Wollen Sie mit Ihren Entwürfen provozieren? 

Hartl: Ja, ich wollte zeigen, dass wir unsere Demokratie verteidigen müssen. Dafür steht diese Festung, dieses »Capitol Castle« mit seinen massiven Mauern. Natürlich erreicht man die Menschen eher mit netten Versprechen, mit Utopien. Doch hier wollte ich das Gegenteil schaffen, eine Dystopie, eine pessimistische Vision. Diese Mauern symbolisieren auch die Trennung zwischen den Lagern, stehen für eine Spaltung der Gesellschaften, die gefährlich ist. Irgendwas läuft ja grundsätzlicher falsch, wenn sich Menschen gegen die Demokratie positionieren.  

Zur Person
Architekt Hartl

Architekt Hartl

Foto: Benedikt Hartl / Opposite Office

Benedikt Hartl, 34, gründete 2017 sein Büro Opposite Office. Seine – nicht ganz ernst gemeinten – Pläne für den Umbau des Berliner Flughafens oder den Buckingham Palace fielen international auf. 2019 erhielt Opposite Office den SPIEGEL Design Award.

SPIEGEL: Und da hilft Ihr Surrealismus?

Hartl: So surreal sind die Darstellungen nicht, inzwischen sind ja in der Realität zumindest hohe Zäune errichtet worden. Das entwickelt sich doch schon in diese Richtung. Und Architektur geht über das Entwerfen von Gebäuden hinaus. Für mich ist das architektonische Spekulieren sogar wichtiger denn je.  

SPIEGEL: Warum?

Hartl: Früher haben sich Architekten an gesellschaftlichen Debatten beteiligt, sie wollten die Gesellschaft mitgestalten. Die Visionäre von heute sind Leute wie Jeff Bezos oder Marc Zuckerberg, leider, denn es sind doch auch klassische Unternehmer. Ich finde, ihnen allein sollte man nicht das Feld überlassen, vor allem, da auch in der Politik das Narrativ der Zukunft abgeschafft wurde.

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Hartls provokante Entwürfe

Foto: Benedikt Hartl / Opposite Office

SPIEGEL: Inwiefern?

Hartl: Es fehlen grundlegende Ideen, wie wir mit den großen Transformationsprozessen unserer Zeit wie Klimawandel, Digitalisierung und Migration umgehen. Anstatt aktiv zu gestalten und langfristige Strategien zu entwerfen, wird immer nur reagiert, wenn es schon fast zu spät ist. Dies ist nicht nachhaltig und zudem sehr teuer. Hinzu kommt: Wir haben einen Überfluss an Gebäuden, auch deshalb müssen wir Architektur neu denken – und zwar postfunktionalistisch, eben spekulativ.

»Wirklich innovative Ideen lassen sich nicht umsetzen, das lassen die Verordnungen gar nicht zu.«

Benedikt Hartl

SPIEGEL: Sie wollten schon den Berliner Flughafen BER zum  »Covid-Superhospital« umbauen, den Buckingham Palace zu einem »bezahlbaren« Schloss mit Sozialwohnungen für insgesamt 50.000 Bewohner. Entwerfen Sie nur Luftschlösser?

Hartl: Mit unserem neuen Buckingham Palace wollten wir die alte Diskussion über fehlenden günstigen Wohnraum beleben. Wir haben auch reale Objekte, aber ich mische mich einfach gern ein. Und mit echten Gebäuden können Architekten insbesondere in diesem Land kaum noch einen echten Diskussionsbeitrag liefern.

SPIEGEL: Warum nicht?

SPIEGEL: Wirklich innovative Ideen lassen sich nicht umsetzen, das lassen die Verordnungen gar nicht zu. Sie können in diesem Land zum Beispiel gar nicht wirklich umweltschonend bauen, gar keine kreativen Lowtech-Ideen umsetzen. Da werden komplexe Prüfzeugnisse vorgeschrieben und Dämmstoffe eingesetzt, die in zehn Jahren Sondermüll sind. Also gehen wir immer mal wieder andere Wege. Wir haben uns auch mal an einem Wettbewerb für ein Meeresmuseum beteiligt, da haben wir dann angeregt, besser eine Recyclinganlage für all das Plastik aus dem Meer zu installieren. Ich finde, die Architekten müssen wieder politischer werden, müssen sich wieder einmischen. Die Politik muss aber auch architektonischer werden, also langfristig denken, über die aktuelle Legislaturperiode hinaus. 

SPIEGEL: Wie reagieren andere Architekten auf Ihren eher schwarzen Humor?

Hartl: Ich spalte mit meinen Positionen. Manche Kollegen reagieren freundlich, andere sind eher der Meinung, wir Architekten sollten beim Bauen bleiben und keine politischen Statements setzen.