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BRECHT-PREMIERE Prozeß in Ulm

aus DER SPIEGEL 38/1961

Vom angedrohten Bombenanschlag

blieb das Theater verschont. Verschont auch von Pfiffen und Buhrufen, kelterten auf der Bühne, nach langer Fremdherrschaft endlich befreit, die Winzer ihren Wein. »Kämpft, Franzosen, um die Erde Frankreichs, ihr, die sie bebaut«, sangen die Mädchen, und ein Bauer kommentierte: »Das singen sie jetzt in beiden Frankreich, hüben und drüben.«

Mit dieser unmißverständlichen Anspielung auf Zweiteilung und Wiedervereinigung endete in der Ulmer Wagnerschule eine Premiere, die einen Boykott bundesdeutscher Schauspielhäuser durchbrach. Kurt Hübner, Intendant der Städtischen Bühne Ulm, brachte Anfang September, allen Angriffen, Telephonanrufen und anonymen Briefen zum Trotz, die westdeutsche Erstaufführung des Stückes »Der Prozeß der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431« von Bertolt Brecht und opponierte so gegen Entscheidungen seiner Intendanten -Kollegen in Berlin und Hamburg, Kassel, Bielefeld und Tübingen. Wie in Einzelfällen schon nach dem 17. Juni 1953 und dem ungarischen Aufstand im Herbst 1956 hatten sich diesmal viele Theaterleiter entschlossen, die Stücke des sozialistischen Dramatikers Brecht nach Ulbrichts Maurerarbeit entlang der Ostberliner Sektorengrenze von ihren Spielplänen zu streichen.

»In der selbst gewonnenen Überzeugung, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch diese Aufführung Mißverständnisse und Ausschreitungen die Folge sein könnten«, sagte Intendant Boleslaw Barlog vom Berliner Schiller -Theater, das Störungen durch aufgebrachte Westberliner ernstlich zu befürchten gehabt hätte, eine sorgfältig geprobte Aufführung des Brecht-Dramas »Herr Puntila und sein Knecht Matti« bedauernd ab. Auch der Hausherr der Hamburgischen Staatsoper, Rolf Liebermann, entschloß sich, auf die geplante Premiere der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« von Bertolt Brecht und Kurt Weill »vorerst« zu verzichten. Gleicher Meinung waren andere Theaterleiter, die Brecht-Aufführungen für diesen Herbst vorgesehen hatten.

Hübner hingegen beharrte auf dem Plan, den »Prozeß der Jeanne d'Arc« - nach der »Heiligen Johanna der Schlachthöfe« und den »Gesichten der Simone Machard« die dritte Brechtsche Bearbeitung des Jeanne-d'Arc-Themas - in der Inszenierung des Regisseurs im (Ost-)"Berliner Ensemble«, Peter Palitzsch, aufzuführen. Hübner ließ sich auch durch eine Glosse der »Welt« nicht beirren: »Der Herr Palitzsch, ehemaliger Regieassistent von Bert Brecht, hat offenbar die letzten Tage in seinem Ulm verschlafen.«

In seinem Antwortbrief an die »Welt« vertrat Hübner eine durchaus andere Ansicht. Sein Entschluß, Brechts historisches Schauspiel aufzuführen, erklärte er, sei durch die Berliner Ereignisse vom 13. August noch bestärkt worden. Das Stück sei ein beispielhafter Protest gegen jede Art von Diktatur und richte sich also auch, unabhängig von den Absichten, die Brecht etwa zur Zeit der Niederschrift gehabt haben könnte, gegen jene Unterdrückung, »deren äußerste Konsequenzen wir jetzt in Berlin erleben«. Hübner: »Brecht als Dichter und Politiker belehrt in diesem Stück nicht nur sich selber, sondern er belehrt auch die Machthaber der Zone.«

Tatsächlich wirkt Brechts Jeanne d'Arc-Stück, das er nach einem frühen Hörspiel der Schriftstellerin Anna Seghers 1950 verfaßt und zwei Jahre später im Theater am Schiffbauerdamm mit seinem Ensemble uraufgeführt hatte, wie die gleichnishafte Illustration eines politischen Schauprozesses. Das Drama schildert, nach historischen Gerichtsakten, die Inquisition der Jungfrau Johanna durch Vertreter des französischen Klerus, der die Interessen der englischen Besatzungsmacht zur Zeit des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England (1337 bis 1453) in ähnlicher Weise vertritt, wie gegenwärtig die Funktionäre der DDR die Interessen der Sowjet-Union wahren.

Jeanne ist bei Brecht weniger Heilige als proletarische Widerstandskämpferin. Ein Mädchenchor wendet sich gegen Jeannes französische geistliche Richter:

Ach ihr Schurken, ihr Verräter all, von den viel zu Duldsamen zu lang geduldet,

die ihr Englands Glück und Frankreichs Fall,

seine Schmach und Armut habt verschuldet: Für das Unrecht kämpft ihr anstatt umgekehrt.

Darum hört jetzt gut, was ich euch sage: Bleibt ihr Sklaven unserer Feinde unbelehrt, so bedenket wohl das Ende eurer bösen Tage.

Auch in den Volksszenen, die mit den Gerichts-Episoden abwechseln, den Prozeß kommentieren und dessen Auswirkungen auf den Befreiungskampf gegen die Engländer zeigen sollen, finden sich ähnlich aktuell klingende Hinweise. Als sich Johanna vom Volk verlassen fühlt und vor den geistlichen Kollaborateuren widerruft, argwöhnen ihre Freunde: »Was haben sie mit dem Mädchen angestellt?« Und die Heldin erklärt ihren Inquisitoren: »Ich weiß ja nicht, was Ihr in die Protokolle hineinflickt.«

Durch ihren Widerstand gegen das Gericht wirkt Johanna auf das Volk ein; nicht zuletzt ihre Verbrennung in Rouen ist es, die schließlich die Befreiung Frankreichs von den englischen Besatzungstruppen provoziert. Andererseits wird Jeannes Haltung aber auch vom Volk dirigiert. Die inneren Stimmen, die sie zum Kampf auffordern, sind bei Brecht nicht, wie nach kirchlicher Legende, göttlicher Herkunft, sondern Stimmen des Volkes. So erklärt etwa ein Bauer in einer Straßenszene: »Die Hauptsache ist, sie muß kühn antworten.« In der folgenden Szene gesteht Johanna den Priestern, die Stimmen hätten sie aufgefordert, »Euch Richtern kühn (zu) antworten«.

Einem der Bischöfe prophezeit Jeanne d'Arc sogar die Wiedervereinigung - damals des besetzten und des nichtbesetzten Teils von Frankreich: »Da wird ein Tag sein, da werden die Weinbauern der Touraine mit den Schiffern der Normandie zusammensitzen, und euch wird es nicht mehr geben.«

Es wäre nicht ratsam, erklärte nach der Premiere des politisch brisanten, künstlerisch weniger gewichtigen Schauspiels der Kritiker der »Stuttgarter Nachrichten«, dieses Stück in der gegenwärtigen Situation etwa in Ostberlin aufzuführen: »Vielleicht würde das Publikum den Aufruf zur Vertreibung der Unterdrücker wörtlich nehmen.« Einmütig schlossen sich die übrigen Rezensenten dieser Meinung an. In der »Süddeutschen Zeitung« schrieb Rudolf Goldschmit: »Wenn da ein Theater 'Ausschreitungen' zu fürchten hätte, dann eher eine Bühne in der DDR als bei uns«

Ähnlich muß der Regisseur der Ulmer Brecht-Premiere, Peter Palitzsch, empfunden haben. Am Abend nach der Premiere gab Intendant Hübner bekannt, der DDR-Nationalpreisträger Palitzsch habe sich entschlossen, nicht nach Ostberlin zurückzukehren.

Ulmer »Jeanne d'Arc«-Szene: Brecht belehrt Brecht

Ostberliner Regisseur Palitzsch Kühn geantwortet

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