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Jazz Prüfung bestanden

Mit 25 schon wie ein Alter: Trompeter Roy Hargrove, der gerade durch Europa tourt, pflegt beste Jazztradition.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Roy Hargrove ist nicht da. An der Rezeption des Hotels Bel Air in Den Haag steht B. B. King und gibt Autogramme. Der Tenorist Joshua Redman begrüßt gerade überschwenglich einen schwarzen Seelenbruder. Vibraphonist Milt Jackson schlendert durch die Lobby. Aber Roy ist verschwunden.

»Vor einer halben Stunde«, sagt sein Manager Larry Clothier, »war er noch hier.« Larry ist genervt. Es ist einer jener Tage. »Johnny Griffin war auch nicht auf dem Flugzeug.« Der legendäre Tenorsaxophonist soll abends - wie auch Hargrove - auf dem North Sea Jazz Festival spielen.

Roy ist angeblich ein paar Blocks weiter zum Einkaufen gegangen, sagt Larry. Der käme gleich wieder. »Aber wo ist Griff?«

In Wahrheit, so stellt sich schließlich heraus, liegt Roy seit zwei Stunden auf seinem Zimmer und schläft. Johnny Griffin übrigens war gestern noch in Andorra.

Larry schlägt fast die Tür ein, als er an Zimmer 909 des Bel Air klopft. Roy öffnet, er hat die Augen geschlossen und torkelt sofort zurück in den Raum. »Jetlag«, murmelt er und setzt sich aufs Bett.

Weiß der Teufel, wie ihn diese Müdigkeit so plötzlich übermannt hat. Nachts um drei, als er in der Hotelbar Trompete blies, war er noch ganz munter.

Roy Hargrove ist 25 und inzwischen ein Star auf jedem Jazzfestival. Er hat in Montreux gespielt und in San Sebastian, in Antibes wie in Den Haag. Am 20. Juli tritt er mit seinem Quartett beim West Port Festival in Hamburg auf.

Nicht jeder Junge, der sich mit neun Jahren eine Trompete greift, entwickelt einen so satten Ton wie Hargrove. Nicht jeder, der in einer High-School-Band anfängt, wird auch ein guter Improvisator. Und nicht jeder hat das Glück, im rechten Augenblick auch immer dem richtigen Kollegen zu begegnen.

Trompeter Wynton Marsalis, den Kritiker seit Jahren als die neue Nummer eins im Jazz feiern, entdeckte Hargrove, als der gerade 17 war. Er ließ ihn in seiner Truppe mitspielen - von da an brauchte der Teenage-Jazzer nur Talent und Selbstbewußtsein.

Beides hat er reichlich. Mit dem Tenoristen Sonny Rollins stand er 1991 auf der Bühne der Carnegie Hall in New York. Er hat die Prüfung mit Auszeichnung bestanden: Der Meister nickte immer wieder anerkennend.

»Ich wollte immer schon mit Sonny spielen«, sagt der junge Mann aus Texas treuherzig. Natürlich sei er etwas nervös gewesen. Aber dann habe ihn so die Freude überflutet, daß er einfach nur gut sein konnte. Da erging es ihm besser als seinem Freund Branford Marsalis; der junge Tenorsaxophonist fühlte sich nach einem ähnlichen Auftritt mit Sonny, so Marsalis selbst, »als sei ein Zug über mich hinweggedonnert«.

Hargrove hat ein ausgeprägtes Gefühl für Tradition und einen soliden Respekt für die Altvorderen. »Wenn ich Bilder von Louis Armstrong, Charlie Parker oder Miles Davis sehe«, so der junge Trompeter, »dann sehe ich mich selbst.« Er will einfach das tun, was die Großen alle getan haben - guten Jazz machen, ganz gleich, ob der dann Hardbop oder Mainstream genannt wird.

Dizzy Gillespie hat er besonders geliebt, wie alle, die den 1993 gestorbenen Trompeter kannten. Die Frage allerdings, welcher Große seines Instruments ihn am meisten beeindruckt habe, beantwortet Hargrove mit einer langen Liste: von Buddy Bolden und Louis Armstrong über Clifford Brown und Fats Navarro bis zu Miles.

So kann es kaum verwundern, daß manche Kritiker sich bisweilen an andere erinnert fühlen, wenn sie den jungen Texaner hören. »Ich will meinen eigenen Stil entwickeln«, sagt Hargrove. »Aber ich kann von denen, die vor mir soviel gute Musik gemacht haben, eine Menge lernen.« Das ist Bescheidenheit und brennender Ehrgeiz zugleich.

Kollegen müssen das bemerkt haben, und es gefällt ihnen offenbar. Der Drummer Art Blakey wollte Hargrove bei seinen Jazz Messengers haben. Der Trompeter Jon Faddis hat ihm eines seiner Instrumente geschenkt. Erfahrene Jazzer wie Johnny Griffin arbeiten mit ihm zusammen.

Johnny Griffin? Der sitzt in Barcelona fest, sagt Larry. Sein Flug wurde gestrichen.

Den Sinn für Tradition hat Hargrove bereits mit einigen CD unter Beweis gestellt. »With the Tenors of Our Time« heißt ein Album, und in der Tat hat er da einige der besten Tenorsaxophonisten geschickt zu seiner Rhythmusgruppe gesellt.

Griffin ist dabei, der Graukopf Joe Henderson - der ebenfalls beim Hamburger West Port Festival auftritt - und Stanley Turrentine. Mit Bedacht hat Hargrove darüber hinaus zwei Youngster ins Studio eingeladen, Branford Marsalis und Joshua Redman.

Eine Jam Session sollte es nicht werden, sagt Hargrove: »Ich wollte, daß meine Rhythmusgruppe sich auf die verschiedenen Persönlichkeiten einstellt.« Das Experiment scheint geglückt, und dem Verkauf der CD wird das gepflegte Traditionsbewußtsein auch nicht abträglich sein.

Vor allem die Plattenverträge ermöglichen es jungen Jazzern wie Hargrove oder Branford Marsalis, sich allein auf ihre Musik zu konzentrieren. So mancher Ältere beneidet sie darum.

In Klubs wie dem Village Vanguard oder dem Blue Note in New York spielt er allenfalls zweimal im Jahr, öfter dagegen im Ausland. Er sei gern auf Tournee unterwegs, sagt Roy, besonders in Europa: »Das ist hier alles so ordentlich und sicher.«

Ja, bestätigt sein Manager Larry, Europa ist okay. Wenn bloß Johnny Griffin da wäre. Y

»Ich wollte immer schon mit Sonny Rollins spielen«

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