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PROJEKT GEMINI Puls 150

aus DER SPIEGEL 13/1966

Bei bestem Wetter, auf Sekundenbruchteile pünktlich, auf exakter Bahn, ohne die geringste Störung hob sich das Raumschiff ins All. Sechseinhalb Stunden später klinkte Gemini-Pilot Neil Armstrong die Nase der Raumkapsel in die konische Hecköffnung des Agena -Zielsatelliten - zentimetergenau und mit der sanften Präzision einer ins Schloß schwingenden Tresortür. Armstrong ins Bordmikrophon: »Wie geschmiert.«

So glatt lief Amerikas jüngstes Raumfahrt-Unternehmen an, daß es den an Perfektion gewohnten Reportern im Kontrollzentrum Houston (Texas) schon nicht mehr geheuer schien. »Das klappt alles so gut«, meinte Red Turner, Houston-Sprecher der »Stimme Amerikas«, um Mitternacht am Mittwoch letzter Woche, »es ist fast schon unheimlich.«

Drei Viertelstunden später, 29 Minuten nachdem zum erstenmal in der Geschichte der Raumfahrt das Zusammenkoppeln zweier Fahrzeuge im All gelungen war, geschah es: Unkontrollierbar, sechsmal in jeder Minute um die Längsachse rotierend, taumelten Raumkapsel und Zielsatellit auf ihrer Kreisbahn um die Erde. Die Techniker im Gemini-Kontrollzentrum Houston fürchteten das Schlimmste: Hatten Armstrong und Scott bei dem steuerlosen Wirbelflug die Nerven verloren?

Einige Stunden lang wurden in Houston die Tonbänder mit dem Sprechfunk-Dialog während der kritischen Minuten unter Verschluß gehalten. Gemini-Flugdirektor Christopher Kraft: »Aus Stimmlage und Wortlaut könnten falsche Rückschlüsse gezogen werden.«

Armstrongs Herzschlag, so konnte Gemini-Arzt Charles Berry an seinem Kontrollpunkt ablesen, war von 70 auf 150 angestiegen (ein Wert, wie er bei Autofahrern während riskanter Überholmanöver gemessen wurde). Kopilot Scotts Puls kletterte auf 135. Mittlerweile aber ist erwiesen, daß die Gemini-8-Mannschaft auch in der kritischen Phase ihres Fluges kaltblütig handelte.

Für die Amerikaner war es das erste Mal in fünf Jahren bemannter Raumfahrt, daß eine Mission ins All vorzeitig abgebrochen werden mußte. Amerikanische Nachrichtenagenturen funkten düstere Prognosen in die Welt. Dies sei, so formulierte »upi«, »der erste große Rückschlag in der bemannten Weltraumfahrt der USA«. Das US-Mondprogramm werde dadurch um zwei Jahre zurückgeworfen.

In Wahrheit wird der Versager im Steuersystem des Raumschiffes Gemini 8 den amerikanischen Mond-Fahrplan kaum verzögern. Robert Gilruth, Direktor des »Manned Spacecraft Center« Houston: »Wir werden Gemini 9 entsprechend der Planung im Mai starten.«

Gleichwohl Ist der gegenwärtige Stand des Raum-Rennens, wie neueste Berichte aus Moskau bezeugen, unentschieden, sein Ausgang ungewisser denn je.

Bestürzt über die eindrucksvollen amerikanischen Erfolge in der bemannten Raumfahrt während der letzten Monate, möchten die Russen, wie dieser Tage sowjetische Raumfahrt-Wissenschaftler durchblicken ließen, mit einer Reihe von Kraftakten die westlichen Konkurrenten doch noch übertrumpfen. »Sie können es mit einem Gewichtheber vergleichen«, erläuterte ein Moskauer Raketenfachmann. »Beim ersten Versuch war er unterlegen. Nun nimmt er gleich ein zehn Pfund schwereres Gewicht als sein Gegner - auf die Gefahr, mit einer Sehnenzerrung in die Knie zu gehen.«

Ein Jahr lang haben die Sowjets keine bemannten Raumschiffe gestartet - während die Amerikaner im gleichen Zeitraum mehrere Rundensiege buchten. erster (14tägiger) Dauerflug im All, erstes Steuermanöver zum Raum-Rendezvous, erstes Zusammenkoppeln zweier Raumfahrzeuge. Nun scheinen die roten Raumplaner entschlossen, die im amerikanischen Gemini-Programm enthaltenen Trainingsstufen der bemannten Raumfahrt zu überspringen.

Als letzten Mittwoch die beiden Sowjet-Hunde »Weterok« ("Windchen") und »Ugoljok« ("Kohlestückchen") von ihrem 22tägigen Dauerflug zurückkehrten, bereiteten sich in Tjuratam, dem russischen Zentrum für bemannte Raumfahrt, zwei Luftwaffen-Offiziere darauf vor, den Sowjets endlich wieder Raum-Superlative zu bescheren: In diesen Tagen, noch vor Beginn des KPdSU -Parteitages am 29. März, sollen sie auf gleicher Umlaufbahn wie »Weterok« und »Ugoljok« - mit dem schwersten bisher gestarteten Raumschiff (13 Tonnen, viermal so schwer wie eine Gemini-Kapsel) länger und höher als je ein Mensch zuvor die Erde umkreisen. Geplante Flugdauer: 22 Tage.

Offenbar soll dieses Unternehmen, das in Bahnhöhen bis zu 900 Kilometer (Gemini-Bahn: rund 300 Kilometer) und damit nahe an die strahlungsreiche Zone der Van-Allen-Gürtel hinaufführen wird, nach langer Zwangspause endlich wieder eine spektakuläre Ersttat sowjetischer Kosmonauten vorbereiten: Die Russen wollen ihr Äußerstes an Raumfahrt-Kraft zusammenraffen, um vor den Amerikanern mit einem bemannten Raumschiff den Mond zu umrunden - ein Vorhaben, das die Amerikaner frühestens 1967 werden ausführen können.

Für die Amerikaner ist bis zum Beginn des Apollo-Programms - die erste bemannte Kapsel dieses Typs soll im Spätsommer dieses Jahres starten - keine spektakuläre Raum-Premiere mehr in Sicht. Die noch geplanten Gemini-Starts sollen das schon begonnene Trainingsprogramm nur abrunden.

Nachzuholen bleibt für die US-Astronauten eine Übung, welche die Gemini-B-Mannschaft in der letzten Woche nicht mehr erledigen konnte: eben jene Weltraum-Handreichung, derer die Astronauten Armstrong und Scott, wie es zunächst schien, beinahe bedurft hätten - die Rettung hilflos durchs All treibender Raumschiffbrüchiger.

»Es war die bei weitem gefahrvollste Situation, die bisher in den Annalen der Raumfahrt verzeichnet ist«, bemerkte der amerikanische Raumfahrt-Journalist Bill Hines im Washingtoner »Evening Star« zu dem Taumelflug in 320 Kilometer Höhe über Afrika. 2000 Liter hochexplosiven Treibstoffs schwappten in den Tanks der Agena-Stufe, als sich die Düse Nummer 8 im Lagen-Steuerungssystem der Gemini-Kapsel plötzlich nicht mehr schließen ließ.

Dennoch: Der Wiedereintritt in die irdische Atmosphäre, den Astronaut Armstrong drei Stunden nach dem Düsen-Zwischenfall einleitete, trug nicht die Zeichen einer in Panik vollzogenen Notlandung.

Mit Hilfe des zweiten, vom ersten unabhängigen und für die Landevorbereitungen bestimmten Lagesteuerungssystems brachte Armstrong das Raumschiff nach einem Drittel Erd-Umlauf wieder unter Kontrolle.

Die Landung, konstatierten die Techniker im Gemini-Kontrollzentrum Houston befriedigt, verlief so perfekt, wie der Raumflug zehn Stunden zuvor begonnen hatte.

120 Kilometer vom vorausberechneten Zielpunkt entfernt waren die Astronauten Cooper und Conrad (Gemini 5) in den Atlantik geklatscht. Beim Doppelflug (Gemini 6 und 7) im Dezember letzten Jahres waren es nur doch 22 und 18 Kilometer. Als Gemini-Kommandant Armstrong am letzten Donnerstag die Bremsraketen zündete, paßte er die Sekunde für den Knopfdruck noch genauer ab und steuerte noch exakter. Zielabweichung der im Pazifik aufgefischten Gemini-8-Kapsel: knapp zwei Kilometer.

Sowjet-Raumhunde Ugoljok (o.), Weterok

Jetzt ein zehn Pfund schwereres Gewicht ...

Gemini-Astronauten Armstrong (o), Scott ... auf die Gefahr, in die Knie zu gehen

Simulierter Weltraum-Schwebeflug*: Tonbander unter Verschluß

* Der amerikanische Tänzer Roger LaPage (im Bild) simuliert im Studio für einen Fernsehfilm der ABC die Schwebe-Manöver, die Astronaut Scott in einer späteren Phase der Gemini-8-Mission vollführen sollte.

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