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FERNSEHEN Punk und Kleiner Prinz

Schon wieder Vergangenheit, schon wieder DDR, schon wieder Ferres. Aber der TV-Film »Das Wunder von Berlin« ist trotzdem klasse.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 4/2008

Was können die Geschichten aus der Geschichte dafür, dass sie so gekonnt sind?

Arme Gegenwart, aber die TV-Macher blühen heute auf, wenn es gestert. Kein Star scheint dann zu teuer, kein Drehort zu aufwendig, verflogen die Angst, dem Altbekannten Bekanntes hinzuzufügen.

Die letzten Fernsehmonate haben es gezeigt: Da haben sich zwei gefunden - die Sehnsucht der Fernsehmaschinerie nach voller Entfaltung und der Stoff, aus dem gelebte Träume sind.

Eine jüngere Schauspielergeneration hat soeben in »Krieg und Frieden« bewiesen, dass sie Tolstoi gewachsen ist. Die Stücke zum Untergang der DDR, »Die Frau vom Checkpoint Charlie« und »Prager Botschaft«, entkamen dem Sog der Dokus und erlangten fiktionale Souveränität mit psychologischer Glaubwürdigkeit, wohltemperierter Sentimentalität und suggestiven Bildern.

Und jetzt bittet Veronica Ferres als historisches Medium erneut in den TV-Historienstadl, zur Séance mit der dahingeschiedenen DDR, zum Fernsehfilm »Das Wunder von Berlin«, am kommenden Sonntag im ZDF. An ihrer Seite Heino Ferch als untreuer Ehemann, Geheimdienstoffizier und Familientyrann. Das klingt nach dem Versuch, die Erfolgsmasche mit Stars und Stasi fortzustricken.

Aber die Geschichte, die Thomas Kirchner, 46, aus eigener DDR-Erfahrung und anderen Ostlebensläufen komponiert hat, ist keine Bühne für Schauspielereitelkeiten, sondern vermittelt in präzisen Dialogen jede Menge DDR-Wirklichkeit.

Kirchner erzählt eine Familiengeschichte, in der sich unter gemeinsamem Dach drei Generationen aneinander reiben: Großvater Kaiser (Michael Gwisdek), der als Landser in Stalingrad war und dem kein Sozialismus seine reaktionäre Halsstarrigkeit hat austreiben können; sein Sohn (Ferch), aus Opposition gegen den Vater zum Karrieristen und Mielke-Handlanger geworden, verheiratet mit einer Ex-Krankenschwester (Ferres); und der junge Spross des Clans, Marco (Kostja Ullmann).

Die Eltern bilden ein Paar, dem der Idealismus der sozialistischen Anfangsjahre ebenso abhandengekommen ist wie die Liebe zueinander. Der Unterschied zwischen den Eheleuten: Der Mann verdrängt mit tyrannischem Gebaren seine Zweifel, die Frau ist, als der Film einsetzt, an dem Punkt, wo Resignation in Rebellion umschlägt.

Das klingt nach einer schön sauber dialektischen Geschichte: Das Wunder von Berlin begann mitten in der Familie, erst brachen familiäre Fassaden, dann stürzte die Mauer hinterher. Doch so reißbretteinfach läuft es nicht. Familien schwingen - seit den Buddenbrooks weiß man's - in einem eigenen Rhythmus, funktionieren nicht mechanisch wie Hampelmänner zur Pfeife der Weltgeschichte.

Vor allem Marcos Leben verläuft zwischen den Polen Anpassung und Opposition. Als braver Sohn seines Stasi-Vaters ließ er sich in den Kaderschmieden zum DDR-Olympia-Schwimmer drillen, bis der dopinggeschädigte Körper nicht mehr mitspielte und die Mutter die Notbremse zog.

Ferch spielt die maßlose Enttäuschung über den Sohn, diese Kränkung eines überehrgeizigen Vaters, mit geradezu mitleiderregender Glaubwürdigkeit. Da bricht ein erwachsener, innerlich einsamer und in seinen Träumen kindischer Mann in Tränen aus, als das DDR-Fernsehen zur Becher-Hymne die Schwimmhelden feiert: »Da könnte jetzt mein Sohn stehen.«

Marco aber wird Punker. Was im Westen als verstehbare Narretei durchgeht, gilt im Osten als feindliches Handeln »negativer Elemente« - eine Lizenz für die Staatsgewalt, den Knüppel herauszuholen.

Gegen den Goliathstaat hat die rührende Punk-Bewegung keine Chance. Was nützt ein verzweifelt herausgebrüllter Hoffnungssong »Warte nicht darauf, bis die graue Nacht dir den Morgen bringt«, wenn jeder erkennen muss, dass die bleifarbene DDR-Realität stärker ist als die Träume vom rebellischen Jungsein-Dürfen.

Marco und seine Freundin Anja (herzerweichend und energisch zugleich: Karoline Herfurth), ein familienloses Heimkind mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, haben das Glück, nicht von der vollen Wucht der Repression getroffen zu werden, weil Stasi-Vater Jürgen mit Hilfe seines mit Westspirituosen gefüllten Panzerschranks sowie seiner Arbeitskollegin und Geliebten Marion (überzeugend: Gesine Cukrowski) das Schlimmste abwenden kann.

Marco gibt dem Drängen des Vaters nach und leistet Wehrdienst bei der NVA. Ausgerechnet dort beginnt sein Bildungsroman. Mit Hilfe eines charismatischen Vorgesetzten (André Hennicke) findet der junge Mann zu dem, wovon die Propaganda nur geschwafelt hat, zu einer Art eigener sozialistischer Moral. Sie ist die selbstgebastelte Synthese aus Punk, den Weisheiten des »Kleinen Prinzen« ("Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast") und den Notwendigkeiten militärischer Ordnung ("Befehl ist Befehl"). Marco traut seinen Gefühlen, hilft den Kameraden und übernimmt Verantwortung.

Die Zeit aber geht über diesen Reifeprozess hinweg. Das Ende der Mauer nimmt keine Rücksicht auf die innere Selbstbefreiung der DDR-Menschen. Als das Wunder von Berlin anbricht, erschießt sich Marcos Offiziersvorbild, der opportunistische Vater bereitet sich auf die Wende vor, die Mutter sieht ihre Bemühungen um eine moralische DDR überrollt. Marco, noch in Uniform und seine Anja im Arm, wirkt, als die Menschen in den Westen fluten, hilflos.

Das Fernsehen hat wieder einmal vom Mauerfall erzählt, aber nicht vom Jubel allein. Es ist eine vergangene und doch neue Geschichte. NIKOLAUS VON FESTENBERG

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