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GEHEIMZEICHEN Punkt nach Zwölf

aus DER SPIEGEL 52/1966

Das Zeichen kam mit der Zeit: Auf der TV-Uhr der Hamburger Tagesschau leuchtete, für alle sichtbar, ein kleiner weißer Fleck - mal links, mal rechts von der Zwölf.

Was die einen übersahen, hatte für andere Bedeutung. »Gestern abend war auch wieder ein Punkt, und zwar nach ein Uhr nachts«, schrieb ein DDR-Bewohner dem Norddeutschen Rundfunk. »Ich habe den Wecker gestellt und bin aufgestanden und habe geguckt bis halb sechs Uhr früh. Aber es kam kein Film.«

Denn, schrieb ein anderer aus Ulbrichts Gouvernement: »Man erzählt bei uns, daß dann zu dieser Zeit des Nachts ein Sittenfilm gezeigt wird.«

So pünktlich angezeigte Pikanterien erwarteten nicht nur die Eingeschlossenen, auch Bundesbürger glaubten an das Nacktprogramm. Martin S. Svoboda, Sendeleiter beim NDR-Fernsehen, bekam ein Jahr lang fast täglich Briefe, die um den einen Punkt kreisten.

Die Schreiber witterten, der NDR informiere so US-Soldaten über den Beginn später Striptease-Shows; andere argwöhnten, der Sender schicke mit dem Uhr-Teil chiffrierte Befehle an Agenten in der DDR.

Sendeleiter Svoboda mußte die Nackt - und Nebel-Phantasten schließlich ernüchtern. »Der weiße Punkt«, schrieb er zurück, »ist einfach eine technische Panne.«

Kurz vor 20 Uhr, dem Beginn der Tagesschau, wird im Studio A des NDR -Fernsehens eine Kamera auf die TV -Uhr (Durchmesser: 25 Zentimeter) zugefahren. Wenn die Kamera dann läuft, läßt sie ein rotes Lämpchen glühen.

Der Glasdeckel der Uhr wirkt dabei als Spiegel und reflektiert das Signallicht in die variabel postierte Kamera - je nach Stellung links oder rechts von der Zwölf. Der Spiegel-Punkt erschien allerdings nur, wenn (so die »NDR -Hausmitteilungen") »ein Kameramann ein bißchen eingenickt ist« - er hat Anweisung, das Lämpchen abzudrehen.

Das kleine Licht führte zu dunklen Spekulationen. »Das Traurigste an dieser albernen Angelegenheit ist«, sagt Sendeleiter Svoboda, »daß die Gerüchte sich vor allem in der DDR wie Latrinenparolen fortfraßen.«

Inzwischen kursiert in der DDR das Gerücht, Ulbrichts Funktionäre hätten das Punkt-Spiel erfunden, um West -Seher zu entlarven. Denn wer nach Mitternacht noch bei bläulichem TV -Licht sitze, müsse vorher die Hamburger Tagesschau gesehen haben.

Der NDR hat dem Fernseh-Gerücht nun die Basis entzogen: Ein Techniker nahm der TV-Uhr kurzerhand die spiegelnde Glasscheibe ab - sie zeigt die Zeit jetzt fleckenlos.

TV-Uhr im NDR-Studio

Signal für Striptease und Spione?

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