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POLEN Pups-Pädagogie

aus DER SPIEGEL 2/1961

Der Verleger des Existenzphilosophen Martin Heidegger, der 47jährige Günther Neske, setzte sich nach drei Urlaubstagen in Alto Campaccio am Lago Maggiore hinter das Steuerrad seines weißen VW-Kabrioletts. Ehe er losfuhr, stellte er seinem zurückbleibenden Feriengefährten, Andrzej Wirth, eine letzte Frage: wer eigentlich heute der bedeutendste Dichter Polens sei.

Andrzej Wirth, Redakteur der Warschauer Literatur-Zeitschrift »Nowa Kultura«, antwortete: Witold Gombrowicz.

Das Resultat dieses Gesprächs, das im Herbst 1958 stattgefunden hätte, wurde jetzt publik. Verleger Neske brachte in diesem Winter ein Gombrowicz-Buch auf den deutschen Markt. Er kündigte es mit den Worten an: »Mit diesem Roman beginne ich den für uns wichtigsten polnischen Dichter unserer Zeit, der zugleich einer der eigenartigsten und einfallsreichsten Künstler Europas ist, in Deutschland bekanntzumachen.« Der von Neske avisierte Roman trägt den Titel »Ferdydurke"*.

Der Roman »Ferdydurke«, der zwanzig Jahre so gut wie verschollen war, wurde bereits 1937 in Polen veröffentlicht und von der Kritik teils mit Enthusiasmus, teils aber auch mit Empörung zur Kenntnis genommen. Der Zweite Weltkrieg beendete die Diskussionen um das skandalerregende Buch. Autor Gombrowicz, 1904 als Sproß einer polnischen Landadelsfamilie geboren, wurde während eines Aufenthalts in Argentinien vom Kriegsausbruch überrascht und ist seither nicht wieder in seine Heimat zurückgekehrt.

Erst 1957, zwanzig Jahre nach der Erstausgabe, wurde »Ferdydurke« in der »Tauwetter«-Periode Polens neu aufgelegt; ein Jahr später erschien der Roman in einer französischen Übersetzung im Verlag des Sagan-Entdeckers Rene Julliard. Gleichzeitig mit Neske bieten nun auch ein englischer, ein amerikanischer und ein italienischer Verleger das Buch Witold Gombrowiczs den Lesern der westlichen Welt zur Lektüre an.

Man könne den »endlich für Westeuropa ... entdeckten genialen Autor des Romans 'Ferdydurke' einen Phantastiker nennen«, hatte sogleich nach Erscheinen der französischen Ausgabe der Publizist Francois Bondy in der »Neuen Zürcher Zeitung« signalisiert und den Exil-Polen als einen »lyrischen Clown« apostrophiert: »Gombrowicz gibt sich als Clown, indem er bewußt und herausfordernd auf jede vorgebliche Würde und jedes Erwachsensein verzichtet.« Er sei aber, fügte Bondy vorsorglich hinzu, ein durchaus seriöser Schriftsteller, dessen verzweifelt-komische Angriffslust sich ebensosehr gegen sich selbst wie gegen sein verdutztes Publikum richte.

Tatsächlich können die grotesken Phantastereien des als »genial« gerühmten Polen von ihren Lesern als ein Komplott gegen alle Vernunft empfunden werden. Schon ihr Titel stellt eine gewisse Anforderung an den guten Willen: »Ferdydurke« ist weder ein Eigenname, noch birgt das rätselhafte Wort sonst irgendeinen Sinn.

Als gleichermaßen verwirrend erweisen sich auch die skurrilen Geschehnisse, denen die Hauptfigur und die Leser auf den zirka 300 Seiten des Romans konfrontiert werden. Der 30jährige Held - er wird einmal mit Jozio Kowalski angesprochen, ein anderes Mal nennt er sich Anton Swistak befindet sich gleich zu Beginn der Geschichte in einer Situation, die an das Anfangskapitel des Romans »Der Prozeß« von Franz Kafka erinnert. Wie Josef K. im »Prozeß« wacht auch Kowalski-Swistak unvermittelt in einer traumhaft-surrealen Welt auf. Ein Professor Pimko, »kultureller Philologe aus Krakau«, der plötzlich im Zimmer des Ich-Helden auftaucht und die schriftstellerischen Versuche Jozios ungefragt begutachtet, erklärt ihn trotz seines Mannesalters für unreif und entführt ihn in eine Schule.

Jozio wird das Opfer eines Vorgangs, den Gombrowicz ohne weitere Erklärung als »Pups-Pädagogie« klassifiziert. Mit »Pups« bezeichnet Gombrowicz einen Körperteil, der inzwischen in der zeitgenössischen Literatur ohne Umschreibung genannt wird. Außerdem aber dient das Wort mit allen seinen Abwandlungen - »verpupsen«, »pupsig« - dem »Ferdydurke«-Verfasser als Synonym für den Begriff der Infantilität.

Jozio, von Professor Pimko aus Krakau mit ziemlichem Erfolg »verpupst«, muß in Direktor Piorkowskis Schule widerstrebend an den Pflichten und Belustigungen kindischer Gymnasiasten teilhaben; so ist er beispielsweise Zeuge eines Duells auf Grimassen und einer ebenso makabren »Vergewaltigung durch die Ohren«.

Mit solchen und ähnlichen Ulkereien möchte Gombrowicz seine skeptische Lebensauffassung illustrieren, deren lapidare Formel lautet: »Unser Lebenselement ist die ewige Unreife.« Francois Bondy nennt denn auch dieses »Hohe Lied der Unreife« einen »Rück-Bildungsroman«. Bondy: »'Ferdydurke' ist ein Protest gegen alle Formung, die den Menschen zur gängigen Münze prägt.« In seinem Tagebuch aus den Jahren 1953 bis 1956 kommentiert Gombrowicz: »In 'Ferdydurke' ringen zwei Lieben - zwei Bestrebungen - das Streben nach Reife und das Streben nach ewig verjungender Unreife - dieses Buch ist ein Bild des Kampfes um die eigene Reife eines in seine Unreife Verliebten.«

Des Erzählers innerer Kampf scheint sich freilich bald zugunsten der Unreife zu entscheiden. Er wird bei der Ingenieursfamilie Jungbursche einquartiert und verliebt sich prompt in die Tochter Lutka; er findet allmählich Geschmack an der ihm aufgezwungenen Verpupsung.

Allerdings sind Jozios Bemühungen um das »moderne Mädchen« des Jahres 1937 nicht eben erfolgreich. Lutka versagt sich ihrem Bewunderer und verachtet ihn als einen »Poseur«, der Erwachsensein simuliert.

Der rachgierige Romanheld arrangiert daraufhin mit Hilfe zweier gefälschter Briefe ein denkwürdiges Rendezvous; ein junger Gymnasiast und der altersschwache Professor Pimko steigen um Mitternacht in das Zimmer der höheren Tochter und werden, als Jozio Lärm schlägt, von dem Ingenieurs-Ehepaar ertappt. Während Eltern, Tochter und Liebhaber sich in ein chaplineskes Handgemenge von beträchtlichen Ausmaßen verstricken, verläßt Jozio enttäuscht das Haus Jungbursche: Er begleitet seinen Freund, den Gymnasiasten Mjentalski, aufs Land.

Freund Mjentalski ist des städtischen Lebens müde und möchte sich mit einem Bauernlümmel »verbrüdern«. Er findet auch das geeignete Verbrüderungsobjekt in einem Diener auf dem Landherrenhof von Jozios Onkel, wird aber in seinen Absichten sogleich mißverstanden. Onkel Eduard vermag Mjentalskis Bemühungen nur auf zweierlei Weise zu interpretieren: als die immerhin verzeihlichen eines Päderasten ("Der Fürst Severin liebte auch so was ab und zu") oder als die weitaus bedenklicheren eines Kommunisten ("Ein Agitator? Bolschewismus, was?").

Die Verbrüderungsbestrebungen des Gymnasiasten Mjentalski mit dem Dienerburschen Walek, den er mit der Französischen Revolution und der Deklaration der Menschenrechte vertraut macht, führen letztlich zu einer Revolte: Die Bauern stürmen den Hof Onkel Eduards und fallen über ihre Herrschaft her. Jozio, entsetzt: »Die Unreife ergoß sich überall hin.« Um ihr zu entgehen, flieht der Erzähler am Ende des Romans mit seiner anämischen Kusine Irene und findet sich jählings als unfreiwilliger Liebhaber wieder.

Mit solchen scheinbar - und zum Teil auch tatsächlich - sinnlosen schriftstellerischen Saltosprüngen will Witold Gombrowicz eine von ihm für allgemein gehaltene menschliche Verfassung darstellen, die er mit den Worten beschreibt: »Der Mensch ist zutiefst abhängig von seinem Abbild in der Seele des anderen Menschen, auch wenn dessen Seele die eines Kretins ist ... Und daher kann der gleiche Mensch nach außen hin mal klug, mal dumm erscheinen, mal blutrünstig, mal engelhaft, mal reif, mal unreif, je nachdem, welcher Stil ihn gerade anwandelt und wie er von anderen beeindruckt ist.«

Kowalski-Swistak wird demnach zur Unreife, zur »Grünheit« verdammt, weil Professor Pimko ihn als einen grünen Jungen ansieht. Eine gleichgeartete Abhängigkeit entdeckt Gombrowicz aber auch in den Beziehungen zwischen den feudalen Verwandten des Erzählers und ihrer Dienerschaft dem »Volk«. Die Herrschaft, meint Gombrowicz, sauge zwar das Volk ökonomisch aus, aber gleichzeitig sei dies auch ein kindliches Saugen: Nichts könne »den Eindruck verwischen, daß der Herr dem Volke ein kleiner Junge ist und die Herrin ihm ein kleines Mädchen«.

Wegen solcher teils existentialistischer Anschauungen möchte der französische Kritiker Mario Maurin in »Les Lettres Nouvelles« Gombrowiczs Roman gern mit dem Buch »Der Ekel« von Jean -Paul Sartre, das ein Jahr nach »Ferdydurke« erschien, verglichen wissen. Maurin erblickt eine »überraschende Verwandtschaft zwischen diesen beiden Meisterwerken, auf die man fortan zurückgreifen muß, um das intellektuelle Klima der Epoche begreifen zu können«.

Sehr viel abschätziger als Bondy und Maurin äußerte sich hingegen ein Braunschweiger Buchhändler in einem Brief an Verleger Neske: »Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es sich (bei Gombrowicz) um einen halbirren, literazzelnden Autoren handeln muß, der aus einer unverdauten Überfressenheit heraus seine geistigen, östlichen Minderwertigkeitskomplexe ausspuckt.«

Dem Urteil des Braunschweiger Bücherverkäufers scheint der Autor Vorschub zu leisten. Witold Gombrowicz hatte seinen Roman mit dem kindlichen Reim abgeschlossen:

Schluß und Punktum!

Wer es las, der ist dumm!

Verleger Neske indes will sich nicht davon abbringen lassen, die weiteren Werke des exilierten »lyrischen Clowns« nach Deutschland zu importieren. Dem Tagebuch Gombrowiczs, das Neske im Frühjahr 1961 zu veröffentlichen gedenkt, soll im Herbst des gleichen Jahres ein Roman folgen, dessen polnisches Original den gewiß zugkräftigen Titel »Pornografia« trägt.

* Witold Gombrowicz: »Ferdydurke«. Verlag Günther Neske, Pfullingen; 308 Seiten; 16,80 Mark.

Polnischer Autor Gombrowicz

Lied von der Unreife

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