Sprachkritik »Pushback« ist das Unwort des Jahres

Der Begriff »Pushback«, der das Zurückdrängen von Flüchtlingen an Grenzen bezeichnet, wurde von einer Jury zum »Unwort« gewählt. Mit der Aktion soll für unangemessenen Sprachgebrauch sensibilisiert werden.
Polnische Sicherheitskräfte an der Grenze zu Belarus: »Pushback« beschönige einen menschenfeindlichen Prozess, so die »Unwort«-Jury

Polnische Sicherheitskräfte an der Grenze zu Belarus: »Pushback« beschönige einen menschenfeindlichen Prozess, so die »Unwort«-Jury

Foto: DWOT / picture alliance / dpa

»Pushback« ist das »Unwort des Jahres« 2021. Das gab die Jury der sprachkritischen Aktion am Mittwoch in Marburg bekannt. Der aus dem Englischen stammende Begriff wird im Zusammenhang mit Zurückweisungen von Flüchtenden an Grenzen verwendet.

Der Ausdruck bedeutet wörtlich ›zurückdrängen, zurückschieben‹. Im Migrationsdiskurs bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Im Jahr 2021 wurde »Pushback« in Debatten zur Einwanderung über die europäischen Außengrenzen verwendet.

Die »Unwort«-Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm »ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird«, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nehme, das Asylrecht wahrzunehmen. Der Einsatz des Fremdwortes trage zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werde zudem die Gewalt, die mit dem Akt des Zurückdrängens verbunden sein könne, verschwiegen. Die Jury kritisiert ausdrücklich »die in den Medien unreflektierte Nutzung dieses Wortes auch bei Kritiker:innen der Maßnahmen«.

Im SPIEGEL-Archiv ist schon 2015 ein Artikel zu finden, in dem ein »Sea Watch«-Crewmitglied »Pushback-Operationen« der EU-Grenzschutzagentur Frontex kritisiert. Doch die Zahl der Artikel, in denen der Begriff fällt, steigt ab 2019 von Jahr zu Jahr stark an.

Auch »Sprachpolizei« und Nazi-Vergleiche kritisiert

Nach Angaben der sprachkritischen Aktion, die das Wort seit 1991 kürt, erreichten die Jury diesmal rund 1300 Einsendungen mit Wortvorschlägen. Darunter seien etwa 450 verschiedene Begriffe gewesen, von denen knapp 45 den Kriterien entsprochen hätten, berichtete Jury-Sprecherin Constanze Spieß. Viele Vorschläge betrafen die Coronapandemie.

Neben dem zum »Unwort« gewählten Begriff kritisierte die sprachwissenschaftliche Jury auch den Ausdruck »Sprachpolizei«. Damit würden Personen diffamiert, die sich für einen Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließe. Die Jury bewertet ihn als »irreführend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz gäbe, die über die Einhaltung von Sprachregeln ›wacht‹ und bei ›Nichteinhaltung‹ Bestrafungen vorsieht oder Bestrafungen durchsetzt«.

Unter den Einreichungen habe sich eine Vielzahl an Ausdrücken gefunden, die im Zuge der Corona-Demonstrationen verwendet würden und eine Ähnlichkeit zwischen Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und der nationalsozialistischen Diktatur nahelegten, heißt es weiter in der Jurymitteilung. Genannt werden Impfnazi, Ermächtigungsgesetz (für Infektionsschutzgesetz) oder der gelbe Stern mit dem Aufdruck ungeimpft. »Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdrücke führt zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verhöhnung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen Fällen zu einer Opfer-Täter-Umkehr«, rügen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Die Jury will mit der alljährlichen Wahl eines »Unwortes« auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Gerügt werden Begriffe, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Auf die Menge der eingegangenen Vorschläge für ein einzelnes Wort kommt es nicht an.

Die »Unwörter« der Vorjahre waren in Darmstadt präsentiert worden. Mit einem Wechsel bei der Jury zog die Bekanntgabe nun an die Uni Marburg um. Zuletzt gab es zwei »Unwörter«: Für 2020 lauten diese »Corona-Diktatur« und »Rückführungspatenschaften«.

feb/dpa
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