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Quadflieg spielt Quadflieg

aus DER SPIEGEL 48/1989

Karl Joseph ist ein Schauspieler, dem keiner etwas vormachen kann. Er ist ein Star, der alles gespielt, alles erlebt hat. Er hat mit und bei Gründgens auf der Bühne gestanden; Goebbels hat ihn im Krieg, als er bei Heinrich George am Schiller-Theater spielte, »uk« gestellt, unabkömmlich.

Wenn er seine jüngeren, weniger berühmten Kollegen anblickt, fällt sein Blick immer hinunter - egal, ob sie größer oder kleiner sind. Karl Joseph ist ein großer Schauspieler, und schon das allein macht ihn, für andere Schauspieler zumindest, zum Kotzbrocken. Denn wo er steht, steht er auch im Wege. Er ist im Licht, auf die anderen fällt bestenfalls sein Schatten.

Karl Joseph gibt es nicht. Er ist eine Erfindung des Theaterdichters Botho Strauß. Aber der hat ihn dem Leben nachgezeichnet. Ihm zu Modell saß (unfreiwillig) Will Quadflieg.

Jetzt spielt Quadflieg durchaus freiwillig Karl Joseph alias Will Quadflieg. Der Autor hatte Quadflieg die Rolle des selbstsüchtigen Genies von vornherein zugedacht. Als Quadflieg 1987 den revoltierenden Senior in Herb Gardners »Ich bin nicht Rappaport« am Hamburger Thalia spielte, wartete ihm nach der Vorstellung Strauß auf und bot ihm die Karl-Joseph-Rolle in seinem »Besucher«-Stück an.

Quadflieg fand den dünnhäutigen, schüchternen Strauß sehr sympathisch, las das Stück und lehnte ab. »Ich mochte den Autor, konnte das Stück aber nicht leiden. Meine Rolle fand ich eklig.«

Also spielte Heinz Bennent den Karl Joseph bei der Münchner Premiere und triumphierte in einer Minetti-Kortner-Parodie. Er machte der Rolle alle Ehre, indem er alle anderen an die Wand spielte: Man sah einen seinen Beruf höchst kunstvoll exekutierenden Schauspieler, darum herum so gut wie nichts - das allerdings als metaphysischen Tiefsinn garniert.

Als jetzt, zwei Jahre später, der Thalia-Intendant Jürgen Flimm eine Rolle für Quadflieg suchte, fiel ihm die Bombenrolle von Karl Joseph ein. Quadflieg fand die Figur immer noch abstoßend und schrieb das auch dem Verfasser. Der riet ihm brieflich, die Rolle abstoßend zu spielen.

Quadflieg drückte sich den Karl Joseph an die Brust und spielt ihn seither mit viel Wärme und Verve, mit viel Witz und Kritik. Vor allem aber mit Zurückhaltung. Und mit ironischer Distanz. Wo Münchens Karl Joseph laut und effektvoll lärmte, Pointen kassierte und die Bühne mit rabiatem Spiel abräumte, da schaut in Hamburg ein leiser und weiser Quadflieg seinem anderen Bühnen-Ich spöttisch über die Schulter.

Nicht daß der kritische Blick in den Spiegel weniger komisch ausgefallen wäre, aber den andern und dem Stück läßt Quadflieg mehr Raum und mehr Atem. Im Stück sagt Quadflieg: »Wenn ich einen König spiele, dann geschieht das nicht, indem ich mich besonders königlich gebärde, sondern indem sich die anderen vor mir verbeugen. Ich mache nicht viel . . .« Bennent gebärdete sich als rasende Bühnenmajestät, Quadflieg läßt die anderen sich verbeugen . . .

Mit allen anderen Hamburger Beteiligten war sich Quadflieg einig, daß man zudem über den Tiefsinn des Stücks möglichst schnell hinwegspielen muß. So kam es, daß dem Regisseur Wilfried Minks am Thalia eine wunderbar schräge metaphysische Boulevardkomödie über das Theater geglückt ist, bei der er noch kleinste Chargen mit prominenter Komik und grellem Hintersinn besetzte: so mit Fritz Lichtenhahn und Axel Wagner.

Vor allem aber hatte er in Christian Grashof (der, ebenso »echt« besetzt wie Quadflieg, einen zerrissenen DDR-Schauspieler spielt) einen ebenbürtigen Partner, so daß aus dem Stück ein hinreißendes Duell der Theaterstile wird, wobei auch Grashofs Schauspieler versucht, seinem Gegenspieler ein Bein zu stellen, ihn ins Leere laufen zu lassen oder ihn an den Pranger der Eitelkeit zu nageln.

Kommt noch die zickige Schauspielerin (Elisabeth Schwarz) dazu, die ihre Rollen einer grünen Vegetarierin mit einem gesunden Appetit auf Männerfleisch spielt, dann hat der sanfte Dompteur Minks drei Theatertemperamente und drei historisch gewachsene Stile auf der Thalia-Bühne.

Während seiner Erfolge mit Tourneen, Rezitationsabenden, Gastspielen hatte Quadflieg, einst Held des legendären Gründgens-Ensembles wie der Salzburger »Jedermann«-Gemeinde, gar nicht gemerkt, wie ihn Ende der sechziger Jahre das (damals junge) Regietheater in einer Nische abstellen wollte. Zu seiner Glanzzeit habe, so Quadflieg, ein Regisseur dem Schauspieler bestenfalls gesagt: »Sie gehen quer über die Bühne.« Und wenn der Schauspieler »Wie?« gefragt hätte, erläutert: »Zu Fuß.«

Quadflieg erinnert sich an die damaligen königlichen Theaterkämpfe. Einmal, in Salzburg, als er mit Heidemarie Hatheyer zusammen spielte, habe er während der ganzen Premiere auf einem Stuhl im Dunkeln sitzen müssen - während er sich doch bei allen Proben im vollen Lichte sonnen durfte. Als er den Requisiteur nach der Vorstellung zur Rede stellte, habe der gesagt: »Wenn S' mich nicht verraten, Herr Quadflieg, den Stuhl hat die Frau Hatheyer selbst hingeschoben.«

Der Hamburger Intendant Ivan Nagel holte ihn für Rudolf Noelte in den Exzeßjahren des Regietheaters zurück zur Bühne, wo Quadflieg die genau berechneten Gänge des Regisseurs Noelte in »Eines langen Tages Reise in die Nacht« oder im »Menschenfeind« mit Leben erfüllte. Und mit was für einem.

»Ich war viel zu naiv, um überhaupt zu bemerken, daß ich vorher zum alten Eisen geworfen werden sollte«, sagt Quadflieg, der längst über eine Souveränität verfügt, um auch über Krisen und Verrisse ohne Ressentiment sprechen zu können.

Vielleicht hilft ihm, daß ihm zu jeder Lebensstation ein passendes geflügeltes Dichterwort in den Sinn kommt - sein Repertoire ist da fast unerschöpflich. Und als nach der »Besucher«-Premiere der Thalia-Hausherr Flimm seinen Quadflieg dafür pries, die Rolle trotz ihrer ironischen Beziehung zur eigenen Person gespielt zu haben, da kam Quadflieg in seiner Erwiderung, Goethe, wer sonst?, in den Sinn und trat ihm über die Lippen: »Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten.«

Daß er zu den Besten gehört, diese Selbstgewißheit erscheint bei Quadflieg heute nicht mehr als Eitelkeit, sondern als stupende Souveränität. So kann er sich auch den Spott über sich selbst längst leisten, »seit meine innere Wasserwaage im Gleichgewicht ist«. Noch in seiner Autobiographie ist zu lesen, wie fremd, ja verhaßt Quadflieg die Ironie zeitlebens war: Mit ihr konnte und wollte er nichts anfangen - so als ob sie seinem erhabenen Bühnenwallen nur ein Bein hätte stellen wollen.

Mit Rollen wie dem Karl Joseph stellt er sich selbst ein Bein - und stürzt nicht, sondern triumphiert. Die Wirklichkeit hat bei ihm ja auch längst den schönen Schein überholt. Zum Beispiel hat sich Quadflieg bei Bremen ein ländliches Retiro schaffen wollen, wo er mit seiner Frau in Ruhe leben wollte. Doch in der Nähe ist ein Truppenübungsplatz, und die übenden Amerikaner haben ihm durch ihre ständige Ballerei die Idylle gründlich verleidet.

Quadflieg reagiert darauf als Abrüstungsfanatiker. Aber der Schauspieler, der sich heut noch (ohne falsche Zerknirschung) zu seiner Mitläuferei während der Nazi-Zeit bekennt, weiß auch, was wir Deutsche den Amerikanern verdanken. Und noch immer schämt er sich über die verheerenden Auftritte des Kanzlers Kohl in Polen.

Das Idol der Konservativen, der Theatergott der heilen Gestrigkeit, lebt und spielt durchaus heute, und wenn er ironisch die Augenbrauen rümpft, geschieht das oft über sich selber. Auf der Bühne donnert er den Partner an: »Sie sind wohl übers Ufer getreten, Sie Rinnsal!« Und die Zuschauer jubeln, wie er sich diesen Theaterdonner aneignet und gleichzeitig als hohl entlarvt.

Er, der früher zu Hamburgs Schauspielhaus (bei Gründgens wie bei Ivan Nagel) gehörte und am Thalia als Salieri in Shaffers »Amadeus«-Reißer Hanseaten zum trampelnden Szenen-Applaus aus ihrer Zurückhaltung riß, erzählt, als wir über München sprechen, daß er dort nie heimisch geworden sei. »Mein Astrologe hat das erklärt, mit meinem Sternbild passe ich besser nach Hamburg oder Bremen.« Quadflieg schaut mich über den Brillenrand hinweg an, so als wollte er meine Reaktion prüfen.

»Ihr Sternbild? Jetzt wollen Sie sich aber über mich lustig machen?« sage ich. Quadflieg antwortet: »Ein bißchen schon.« Und fragt: »Was sind Sie für ein Sternbild?«

Auf der Bühne erntet Quadflieg einen satten Lacher, wenn er, wörtlich aus seiner Autobiographie zitierend, seinem Kollegen Auftrittsratschläge gibt: »Wenn ich mit einem Herzensanliegen auf die Bühne komme, trete ich gern von links auf: Ich zeige also dem Publikum die Herzseite. Komme ich mit neutralen oder negativen Anliegen, so erscheine ich gerne von rechts: Das Herz ist dem Publikum abgewandt.«

Das habe er in seiner Jugend in einem alten Schauspiellehrbuch entdeckt, sagt Quadflieg und lacht. »Da stand noch mehr so kurioses Zeug.«

Trotzdem, fährt er fort, wenn er Faust und Mephisto rezitiere, zeige er den Mephisto im Profil, mit abgewandter Herzseite, während er den Faust frontal spiele . . . so ist das mit dem Ernst der Parodie und der Parodie des Ernstes.

Die Rolle des Karl Joseph, so sagt er, habe er nicht parodiert. »Es ist ja viel schwerer, sich zu spielen, als sich zu parodieren.«

Spannender auf jeden Fall.

Hellmuth Karasek
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