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HEUSCHNUPFEN Quälende Quaddeln

aus DER SPIEGEL 44/1965

Fast jeden zehnten Bewohner zivilisierter Länder fliegt es an, alljährlich und so unausweichlich wie ein Götterfluch. Fiebrige Tränen in den Augen, greifen die Opfer zu Salben, Taschentüchern und Tabletten, um ihren schniefenden und triefenden, kratzenden und krächzenden Rachen- und Atemwegen Linderung zu verschaffen.

Heuschnupfen - jenes lästige Übel, das Millionen Menschen regelmäßig mit den linden Blütendüften zwischen Frühjahr und Herbst heimsucht - läßt sich noch immer nicht verläßlich heilen. Doch zwei amerikanischen Wissenschaftlern gelang jetzt erstmals der Nachweis, daß sich Heuschnupfen-Anfälle verhüten lassen.

Ende vergangenen Monats veröffentlichten Professor Francis C. Lowell und Dr. William Franklin von der Harvard -Universität in Boston im »New England Journal of Medicine«, dem angesehensten US-Medizinfachblatt, die Resultate einer mehrjährigen Versuchsreihe mit Heuschnupfen-Patienten. Resümee der US-Forscher: Vorsorge-Spritzen, wie sie seit längerem erprobt wurden, »helfen wirklich«.

Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts war das Heufieber als eine Allergie, als Folge einer Überempfindlichkeit des Körpers gegen artfremdes Eiweiß (Blütenstaub) identifiziert worden.

Kaum übersehbar ist die Zahl verschiedener Blütenstaub-Arten, die seither als mögliche Urheber der Heuschnupfen-Allergie bei Menschen ausgemacht wurden: von Bäumen und Sträuchern (etwa Linden oder Flieder) ebenso wie von wild wachsenden Gräsern, von Getreide und Unkraut (so besonders vom gemeinen Kreuzkraut).

Fast auf den Tag genau kehrt bei den meisten Heuschnupfen-Patienten alljährlich die Start-Zeit ihres Duldens wieder. Oft können die Ärzte schon aus diesem Stichtag Rückschlüsse darauf ziehen, welche der vielen möglichen Pollen-Arten für einen Patienten Hauptursache der Heuschnupfen-Anfälle ist - der Kranke kann versuchen, diesen Blüten-Typ zu meiden.

Bis heute indes blieb umstritten, ob jenes andere Verfahren wirksam ist, mit dem die Ärzte seit nunmehr nahezu fünf Jahrzehnten experimentieren, um Heuschnupfen-Patienten nach Art einer Schutzimpfung gegen ihren Blüten-Feind immun zu machen: Nachdem durch Haut-Tests mit verschiedenen Pollen-Sorten (auf der 'Haut bilden sich mehr oder minder große Quaddeln) der Hauptfeind des jeweiligen kranken ausgemacht ist, werden ihm anfangs winzige, dann Woche uni Woche stärkere Dosen dieser Pollen-Art eingespritzt - um seinen Organismus nach und nach dagegen unempfindlich zu machen.

Erfolg oder Versagen der Methode entzogen sich bisher wissenschaftlicher Kontrolle, vor allem weil die Faktoren, die den Heuschnupfen-Verlauf bestimmen können - so etwa Windrichtung und Ausgehzeit, ein- Baum am Straßenrand oder auch nur ein Luftzug im Büro -, zu vielfältig und ungewiß sind. Hinzu kam, daß oftmals, wie Lowell und Franklin jetzt notierten, »das freie Spiel der Vorurteile, und zumal Wunschdenken« den Arzt wie den Patienten gleichermaßen in Verwirrung setzten.

Dieses Handikap konnte umgangen werden, als nun die beiden Amerikaner eine raffinierte Test-Anordnung wählten, die jedes Vorurteil ausschloß: Sie entwickelten eigens ein Scheinpräparat, das keine Impf-Pollen enthielt, aber in seiner äußeren Wirkung (Hautquaddeln an den Einspritzstellen) von dem wahren Impf-Extrakt nicht zu unterscheiden war.

24 Patienten nahmen an dem Experiment teil. Zwölf wurden als Pollen-Empfänger ausgelost, die übrigen blieben Schein-Impflinge - doch weder die Ärzte noch die Kranken selber wußten, welcher von ihnen welcher Gruppe angehörte. Dazu entwarfen die Harvard -Mediziner einen Leidens-Fragebogen, in dem die Testpersonen ihre Heuschnupfen-Querelen verbuchen mußten.

Tatsächlich waren am Schluß des doppelten Blindversuchs - nach Ablauf einer Heuschnupfen-Saison. - beide Zwölfergruppen »in höchst bemerkenswertem Grade« (Lowell) am Erfolg zu unterscheiden: Die mit Pollen-Extrakt behandelten Patienten hatten zwischen 70 und 92 Prozent weniger Heuschnupfen-Symptome zu verzeichnen als die Schein-Impflinge. Nach etwa fünf Monaten allerdings klingt die Wirkung der Pollen-Injektionen wieder ab.

Rund eine Million Amerikaner, so berichteten die Bostoner Ärzte, lassen sich schon jetzt alljährlich - jeweils rechtzeitig vor Beginn der Heuschnupfen -Saison - mit Pollen-Spritzen gegen die drohende Heimsuchung schützen. Das, Opfer, das sie bringen müssen, um verschont zu bleiben, ist beträchtlich: Jede der vorbeugenden Spritz-Kuren kostet bis zu 900 Mark.

Heuschnupfen-Forscher Lowell

Spritze gegen linde Lüfte

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