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KZ-SYNDROM Quälende Träume

aus DER SPIEGEL 10/1964

Unruhig ging der Patient auf und ab,

während er dem Arzt die Vorgeschichte seiner Krankheit schilderte. Plötzlich steigerte sich seine Erregung fast zu einer Panik: Vom Gang vor dem Behandlungszimmer her hatte er Schlüsselklirren gehört.

»Es geht mir immer so, wenn ich dieses Geräusch höre«, erläuterte er später. Er sei ständig »in einem Zustand hochgradiger Erregbarkeit«; er sei auch extrem mißtrauisch und sehe in jedem Menschen zunächst einen Verfolger und Feind.

Der Leipziger Psychiater Professor Dietfried Müller-Hegemann, der vor kurzem über diesen Fall berichtete, diagnostizierte bei dem Patienten eine seelische Erkrankung, die von den Medizinern erst vor wenigen Jahren entdeckt worden ist: das KZ-Syndrom*.

Elf Jahre hatte der (heute 53 Jahre alte) Patient in nationalsozialistischen Zuchthäusern und Konzentrationslagern zugebracht. Neun Monate lang war er in Dunkelhaft gewesen. Und wie für nahezu alle seine ehemaligen Mithäftlinge war auch für ihn, eineinhalb Jahrzehnte nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager, das Leiden nicht zu Ende:

Jahre nachdem sich die Lagertore den Überlebenden geöffnet hatten, brach unvermutet wieder auf, was den Häftlingen in den Gestapo-Kellern, Zuchthäusern und Schreckenslagern des NS-Regimes zugefügt worden war. Schwere körperliche und seelische Spätschäden waren die Folge der während der Haft erlittenen Qual.

Von 100 ehemaligen Häftlingen, die beispielsweise in der Leipziger Universitätsklinik untersucht wurden, erkrankten seit Kriegsende 39 an Herz - und Kreislaufstörungen, 19 an Tuberkulose und elf an Magengeschwüren - eine Erkrankungsziffer, die weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt und nach Ansicht der Ärzte auf den »irreparablen Verlust der Widerstandskraft« während der Haftzeit zurückzuführen ist.

Noch höher aber ist der Prozentsatz derer, die an den psychischen Folgen der Verfolgung leiden. »Schmerzvolle Erinnerungen«, so gab das Ärzte-Journal »Selecta« die Erfahrungen der Mediziner wieder, »gehören zu den schlimmsten Beschwerden.« Sie sind derart unerträglich, »daß sie nicht einmal mit dem besten Freund oder Verwandten besprochen werden können«. Die Schreckenszenen des KZ-Alltags verfolgen die ehemaligen Häftlinge »bei Tag und Nacht«.

Quälende Träume, Schlaflosigkeit und anhaltende Kopfschmerzen beobachteten die Ärzte ebenso als typische Symptome des KZ-Syndroms wie Gedächtnisschwäche, Konzentrationsstörungen und lähmende Müdigkeit.

Anfangs waren die Ärzte ratlos, als in den fünfziger Jahren Patienten über derartige Beschwerden klagten, für die sich keine unmittelbar wirkenden Ursachen erkennen ließen. Daß die Krankheitserscheinungen tief in der Vergangenheit wurzeln und, wie die westdeutschen Mediziner Dr. Helmut Paul und Dr. Hans-Joachim Herberg notierten, »erst nach einem Intervall scheinbarer Symptomfreiheit in Erscheinung treten«, wurde erst deutlich, als sich die Fälle häuften.

Norwegische Ärzte waren die ersten, denen das Phänomen begegnete: Ehemalige KZ-Häftlinge brachen seelisch zusammen - Jahre nachdem es ihnen scheinbar gelungen war, den Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft zu finden. Als der norwegische Kriegsopferverband beanstandete, daß die an solchen Spätschäden Erkrankten nicht angemessen unterstützt würden, begannen das Institut für Sozialmedizin in Oslo und die neurologische Abteilung des Osloer Reichshospitals im März 1957, dem Lebensweg ehemaliger NS-Verfolgter systematisch nachzugehen.

Der norwegische Arzt Dr. Leo Eitinger untersuchte das Schicksal von 100 ehemaligen KZ-Insassen. Schon ein Jahr nach der Befreiung, erfuhr Eitinger, waren 87 von ihnen so weit wiederhergestellt gewesen, daß sie wie Gesunde hatten arbeiten können. Doch ein Jahrzehnt später - zum Zeitpunkt der Untersuchung - führten nur mehr vier der 100 Verfolgten ein normales Leben. Alle anderen vermochten ihre Arbeit nur unter größter Anstrengung zu bewältigen; sie zeigten unter anderem Gefühlslabilität und Mangel an Initiative, sie waren nervös und leicht reizbar. Eitinger diagnostizierte: KZ-Syndrom.

Die Ursache dieser seelischen Spätleiden sahen die norwegischen Forscher vor allem in Hirnschäden, Gewichtsverlust, Kopfverletzungen und schweren Infektionskrankheiten (Typhus, Flecktyphus), wie sie fast alle Verfolgten während mehrjähriger Haft erlitten hatten.

Eitingers Beobachtungen wurden in den folgenden Jahren durch zahlreiche Untersuchungen bestätigt. So erweiterte beispielsweise der Regierungsmedizinalrat Dr. Helmut Paul in Linz am Rhein den Symptom-Katalog des KZ -Syndroms auf insgesamt 15 verschiedene Beschwerden, darunter Erregbarkeit bei nichtigen Anlässen, Schwindelzustände, gesteigerte Lärmempfindlichkeit, Neigung zum Weinen und Angstträume. Paul: »Die meisten der behandelten Patienten waren seelische Wracks.«

In welchem Maße die Narben seelischen Leidens bei den einst Verfolgten nach dem Kriege wieder aufbrachen, hing freilich, wie der Münchner Psychiater Paul Matussek beobachtete, unter anderem davon ab, »in welche Gemeinschaft der ehemalige KZ-Häftling zurückkehrte«.

Matussek, Professor an der Deutschen Forschungs-Anstalt für Psychiatrie, fand erhebliche Unterschiede zwischen den Angehörigen von drei Verfolgten -Gruppen:

- Juden, die nach der Befreiung nach

Israel auswanderten,

- Juden, die in Deutschland blieben,

- politische Häftlinge.

Am besten, stellte Matussek fest, überwanden die nach Israel emigrierten Häftlinge ihre Leidenszeit. Die größten Schwierigkeiten dagegen haben Juden, die in Deutschland geblieben oder - nach vorübergehendem Aufenthalt im Ausland - nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Zwar sind vorwiegend jüngere Juden, denen die Eingliederung leichter fiel, nach Israel ausgewandert, so erläuterte der Psychiater, aber »noch bedeutungsvoller dürfte für die Israelis die innere Sinnerfüllung sein, die sie bei Neuaufbau und Verteidigung ihres Staates finden«.

Vor allem die »berufliche Tätigkeit für die Gesamtheit« - etwa in den Kibbuzim - hat sich nach Ansicht Matusseks als heilsam erwiesen, wobei es eine untergeordnete Rolle spielte, ob die Verfolgten ihren erlernten Beruf wiederaufnehmen konnten oder umlernen mußten. Nichtberufstätige Hausfrauen sind denn auch für das KZ-Syndrom anfälliger als Frauen, die »am Aufbau des jungen Staates mitwirken«.

Allerdings gewann der Psychiater den Eindruck, daß auch die gut angepaßten KZ-Opfer in Israel sich bemühen, Erinnerungen an ihre Lagerzeit zu verdrängen: »Sie befürchten eine Gefährdung ihrer halbwegs geglückten Anpassung und eine Überschwemmung mit unbewußten Ängsten.«

Fast alle heute in der Bundesrepublik ansässigen ehemaligen jüdischen Häftlinge, so ermittelte der Münchner Gelehrte, waren nach Kriegsende vorübergehend ausgewandert oder hatten sich längere Zeit mit dem Gedanken getragen auszuwandern. Viele kehrten zurück, weil sie beruflich gescheitert waren, sich den fremden Sitten des Gastlandes nicht anzupassen vermochten oder weil sie glaubten, die finanzielle Wiedergutmachung eher zu erlangen, wenn sie in Deutschland lebten.

Im Gegensatz zu den nach Israel ausgewanderten Juden distanzierten sich die meisten in Deutschland wohnhaften früheren Verfolgten von der Gesellschaft, in der sie leben. Matussek fand bei ihnen eine »Beobachtungsenge": Echte oder vermeintliche Anzeichen von Judenfeindlichkeit werden überbewertet - die in Deutschland ansässigen Juden sehen »selten etwas anderes als das, was sie befürchten«.

Die Isolierung der Juden in Deutschland wird noch verstärkt durch Schuldgefühle: Die meisten von ihnen empfinden es als Schande, daß sie in dem Land leben, in dem ein großer Teil ihres Volkes ausgerottet wurde. In dieser seelischen Vereinsamung waren die deutschen Juden gegen psychische Späterkrankungen zwangsläufig anfälliger als Juden in Israel.

Ähnlich erging es auch der dritten Gruppe der Verfolgten, den politischen Häftlingen. Zwar waren sie nach Kriegsende - wie die nach Israel ausgewanderten Juden - entschlossen, sich beim Aufbau eines neuen Staates zu engagieren. Viele stürzten sich nach der Befreiung, sobald sie sich körperlich erholt hatten, in politische Aktivität. Aber sie trafen im Nachkriegsdeutschland Umstände an, die ihrer Eingliederung weitaus weniger förderlich waren als die Verhältnisse in Israel für die einwandernden Juden. Im Laufe der Zeit fühlten sie sich immer Stärker isoliert.

Viele Deutsche sahen in den ehemaligen KZ-Häftlingen das Symbol einer Schuld, die sie nicht übernehmen wollten. Sie versuchten, die eigene Kriegsgefangenschaft, Ausbombung oder Flucht als »gleichberechtigtes Leid« (Matussek) aufzuwerten. Mehr noch: Sie wichen der Begegnung mit den KZ -Überlebenden aus.

Enttäuscht beschränkten sich viele ehemalige politische Häftlinge auf den Umgang mit ihren einstigen Leidensgenossen. Ihre politische Aktivität ließ nach, manche zogen sich schließlich ganz zurück, um, wie es ein Arzt formulierte, »nur noch zu lesen und zu grübeln«.

Schwere seelische Schäden stellten sich oft im Gefolge dieser Lebenseinengung ein. Und die Symptome des KZ -Syndroms - die seelische und körperliche Kraftlosigkeit - vertieften wiederum die Resignation. Matussek: »Sie fühlen sich vorzeitig gealtert.«

Nur in einer mindestens zwei Jahre währenden psychotherapeutischen Behandlung sieht Matussek eine Möglichkeit, die späten seelischen Spannungen der NS-Verfolgten abzubauen. Aber zu seiner Überraschung erfuhr der Psychiater, daß die meisten ehemaligen KZ-Häftlinge von einer solchen Behandlung nichts wissen wollten, selbst wenn sie kostenlos vorgenommen würde.

Einer der Gründe: Die Exhäftlinge fürchten, an einen Seelenarzt zu geraten, der im Dritten Reich zu den Verfolgern gehört hatte. Matussek: »Nicht wenige scheuen sich, einen deutschen Psychotherapeuten aufzusuchen, dessen politische Einstellung und Vergangenheit ja meistens unbekannt ist.«

* Syndrom: Aus mehreren zusammengehörigen Krankheitserscheinungen (Symptomen) zusammengesetztes Krankheitsbild.

KZ-Häftlinge in Buchenwald: Nach der Befreiung ein neues Leiden

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