Queer-Theoretiker Paul Preciado "Die Revolution ist schon hier"

Der Philosoph Paul Preciado schreibt regelmäßig für die französische Tageszeitung "Libération". Nun kommen seine Kolumnen als Buch raus. Ein Gespräch über "Black Lives Matter", Begehren und Corona.
Ein Interview von Enrico Ippolito
Paul Preciado: Die Revolution muss nicht kommen, sie ist schon hier

Paul Preciado: Die Revolution muss nicht kommen, sie ist schon hier

Foto: Catherine Opie
Zur Person

Paul B. Preciado ist Philosoph und Kurator. Sein erstes Buch "Kontrasexuelles Manifest" ist zu einem Schlüsselwerk des europäischen Queer- und Trans-Aktivismus geworden. Er ist zudem der Autor von "Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornografie" und "Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im 'Playboy'". Von 2014 bis 2017 war er Kurator der Öffentlichen Programme der documenta 14. Preciado ist Autor einer alle zwei Wochen erscheinenden Kolumne in der französischen Zeitung "Libération".

SPIEGEL: Paul Preciado, in Ihrem neuen Buch beschwören Sie geradezu die Idee einer Revolution. Wo findet diese Ihrer Meinung nach statt?

Paul Preciado: Die Revolution muss nicht kommen, sie ist schon hier. Das Problem ist, dass viele Menschen das nicht anerkennen.

SPIEGEL: Was genau meinen Sie damit? Zu Revolutionen gehört meist ein gewaltvoller Umsturz. Sie plädieren aber für eine Revolution, die von Fantasie und einem kollektiven Verlangen ausgeht - mit einer Zielvorstellung, die nicht von Gewalt geleitet ist.

Preciado: Revolutionen waren für meine Generation und die nach mir immer etwas, das entweder bereits in der Vergangenheit stattgefunden hatte - oder noch in der Zukunft kommen muss. Die Sechzigerjahre schienen mir - ich selbst bin in den Siebzigern groß geworden - als eine Art utopisches Moment in Richtung Veränderung. Danach mussten wir aber die schrecklichen Achtzigerjahre erleben mit den neoliberalen Reformen der Reagan-Ära, der Aids-Krise, die gleichzeitig mit einer starken Restriktion der Sexualität einherging und vor allem mit der Repression von Homosexuellen. Unsere Generation war nicht bestimmt für eine Revolution, aber ich hatte immer ein starkes Bedürfnis danach - wahrscheinlich auch, weil ich im Spanien der frühen Siebziger groß geworden bin.

"Was wäre, wenn die Revolution die Revolution der Kranken wäre? Die Revolution der Langsamen. Die Revolution der Sexarbeiter_innen. Die Revolution von Menschen, die kolonialisiert wurden."

Paul Preciado

SPIEGEL: Sie meinen damit, dass Ihre Kindheit während der Franco-Diktatur Ihre Sehnsucht geprägt hat. Aber wogegen richtet sich das, was Sie aktuell als Revolution erkennen?

Preciado: Wir sehen gerade eher eine horizontale Bewegung, ohne eine einzelne Stimme. Wir haben eine Vorstellung von Politik und so auch von Umstürzen, die immer noch von einer zu engen Idee ausgeht - dazu gehört meist das männliche, starke, gewaltbereite Subjekt im Zentrum der Revolution: Er kam, um alles auf seine Art und Weise zu ändern. Aber was passiert, wenn er gar nicht das Subjekt dieser Revolution wäre? Was wäre, wenn die Revolution die Revolution der Kranken wäre? Die Revolution der Langsamen. Die Revolution der Sexarbeiter_innen. Die Revolution von Menschen, die kolonialisiert wurden. Dann wäre es eine andere Revolution, die ein anderes Ziel hätte.

SPIEGEL: Was wäre dieses Ziel?

Preciado: Es ginge nicht mehr nur darum, jemanden aus seiner Machtposition zu entfernen und mit einer anderen Person zu ersetzen. Ja: Es ist fantastisch, zum Beispiel mehr Frauen in machtvollen Positionen zu haben. Aber das ist es nicht allein, was sich ändern muss. Mir geht es nicht darum, dass unterdrückte Minderheiten die gleichen Positionen bekommen wie die anderen.

SPIEGEL: Sondern?

Preciado: Es geht jetzt um eine Umgestaltung der politischen Subjektivität - und das ist was anderes. Wir müssen auch unser Begehren, also unser Verlangen nach etwas, entpatriarchialisieren und entkolonalisieren - weil die Frage sein wird, wie wir etwas kollektiv begehren können, das noch nicht begehrt wurde.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Preciado: Ich spreche von Begehren als politischer Kraft für Transformation. Innerhalb des Kapitalismus und der heteropatriarchalen Gesellschaft reduziert sich das Begehren auf Konsum und Erfolg, sogar auf reproduktiven Erfolg und auf ein Gefühl von "Glück" und Verachtung. Ebenso wird innerhalb des Neoliberalismus die Freiheit auf den freien Markt reduziert. Wir müssen eine Reihe experimenteller Techniken implementieren, um ein neues Begehren jenseits von Konsum und Erfolg zu erfinden und Freiheit auszuüben; weil wir nicht wissen, was wir begehren und nicht wissen, wie wir frei sein sollen. Deshalb sind Fiktion und Kunst wichtig, weil es gerade dort Felder für experimentelle und kollektive Konstruktionen von Begehren und Freiheit geben kann.

SPIEGEL: Das klingt abstrakt - und sehr sicher.

Preciado: Ich bin pathologischer Optimist. Menschen sagen mir immer, du bist verrückt, was redest du da? Für mich ist es aber, als hätte ich einen Seismografen und würde Untergrundgeräusche wahrnehmen, die andere gar nicht mitbekommen.

SPIEGEL: Sehen wir diese Form der Revolution gerade in den Protesten rund um "Black Lives Matter"?

Preciado: Ja, das ist besonders. Es ist der größte kollektive Protest, den wir im Westen des heutigen Jahrhunderts kennen. Wenn wir die Forderungen von "Black Lives Matter" mit queeren, trans-, intersexuellen #MeToo- und Migrantenbewegungen zusammenbringen, würde dies bedeuten, die epistemische Infrastruktur des kapitalistischen, patriarchalischen und kolonialen Regimes infrage zu stellen - was bedeutet, die letzten 500 Jahre der Weltgeschichte infrage zu stellen. Dies ist Ausmaß dessen, was passiert. Aber wir müssen diese antipatriarchischen und antikolonialen Allianzen aktiv aufbauen. 

Black Lives Matter Proteste in Paris

Black Lives Matter Proteste in Paris

Foto: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/Shutterstock

SPIEGEL: Wie genau können Allianzen zwischen Geflüchteten, weißen Transfrauen und Afrodeutschen zum Beispiel funktionieren, ohne dass Unterschiede abgestritten werden? Durch die Benennung eines gemeinsamen Feindes?

Preciado: Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste ist ein gemeinsamer Feind. Natürlich ist es leicht, Bolsonaro oder Trump zu dämonisieren. Gleichzeitig ist es albern, weil diese patriarchalisch-koloniale Infrastruktur nicht nur in bestimmte autoritäre Führer, sondern in uns alle eingebettet ist. Es kommt also nicht von außen. Die zweite Möglichkeit, die mich mehr interessiert, ist eine Form von Allianzen durch Fürsorge - wie sie etwa von den Künstlern Annie Sprinkle und Beth Stephens geschaffen wurden. Das zukünftige "Wir" ist kein natürliches Thema, es muss konstruiert werden.

SPIEGEL: Beide Künstlerinnen, die sich für allem für die Rechte von Sexarbeiter_innen einsetzen, haben Sie auch zur documenta14 eingeladen, die sie kuratierten.

Preciado: Sprinkle und Stephens haben das Love Art Lab gegründet, ein Labor für Kunst, die auf Liebe basiert.

SPIEGEL: Ein auf sieben Jahre angelegtes Projekt mit Theaterstücken, Livekunst, Ausstellungen, das jedes Jahr in interaktiven Hochzeiten mündet - eine symbolische Geste, die dazu beitragen soll, die Welt toleranter, nachhaltiger und friedlicher zu machen.

Preciado: Ich weiß, es klingt albern, aber ich glaube, es ist die einzige Antwort, um Allianzen zu schaffen: Fürsorge, Liebkosungen und Liebe. Wenn ich Liebe sage, meine ich jedoch eine Liebe, die komplett der christlichen Idee entgegengesetzt ist: Nicht das Paar steht im Zentrum dieses Gefühls. Ich meine eine nicht moralische Liebe, die Identitäten transzendiert.

SPIEGEL: Wie kann das gelingen?

Preciado: Um das zu erreichen, was ich ihr mir vorstelle, müssten die europäischen Gesellschaften vollständig ihre Kolonialgeschichte aufarbeiten - und dazu gehört auch das Anerkennen der Verbindungslinien von Rassismus und Demokratie. Was ich jetzt sage, wird viele erschrecken, aber ich sage es trotzdem: Ich will den politischen und historischen Horizont der Demokratie infrage stellen, da moderne demokratische Gesellschaften auf patriarchalischen und kolonialen Grundlagen gegründet wurden, um einen bestimmten Teil der Bevölkerung auszurotten. In den USA war das die indigene Bevölkerung, in Europa jüdische und muslimische Minderheiten. Deshalb müssen wir sogar über die Demokratie hinausdenken. Mich interessiert eine radikale Verwandlung, die über Identitäten hinausgeht - auch für mich selbst. Was kommen wird, ist eine Überwindung der Binarität, der Zweigliedrigkeiten.

SPIEGEL:  Sie meinen damit ein Ende von dualen Konstruktionen wie zum Beispiel Frau-Mann, Homosexuelle-Heterosexuelle?

Preciado: Ich sage nicht, dass es eine 20-tägige Revolution sein wird - im Gegenteil. Ich sehe es ein bisschen wie in der Quantenphysik. Manchmal wird Energie umgewandelt und sie wird zu Wellen, manchmal kann Energie auch ein Teilchen sein. Für mich ist die Frage der Identität ein bisschen ähnlich: Manchmal sieht es aus wie eine individuelle Identität, ist aber in Wahrheit dann eine Welle.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich den Backlash, der gerade global rechten Bewegungen Auftrieb verleiht? Ist das eine Art Gegenbewegung zu Ihrer Revolution?

Preciado: Ja, das ist eine sehr gute Lesart, die nicht von Geschichte als Kontinuität und Stabilität ausgeht, sondern auch Disruptionen mitdenkt. Was gerade passiert, hat es so noch nicht gegeben. Zum ersten Mal sagen viele Menschen: "Jetzt ist Schluss". Es ist kein Zufall, dass dies in der Zeit von Covid-19 geschieht. 

SPIEGEL: Warum?

Preciado: Für mich ist die Coronakrise nicht nur eine medizinische, politische, ökonomische - sondern auch eine ästhetische. Plötzlich sind Dinge denkbar, die vorher nicht denkbar waren. Die Leute gehen auf die Straße. Das Begehren, unsere Zeit und unsere Körper sind sonst in der Dynamik des Kapitalismus gefangen, es bleibt keine Zeit für die Revolution. Vielleicht hat uns die Coronakrise hier aber die Möglichkeit zum Neudenken gegeben.

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Preciado, Paul B.

Ein Apartment auf dem Uranus: Chroniken eines Übergangs (edition suhrkamp)

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 368
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SPIEGEL: Ihre beiden neuen Essays zur Covid-Krise erscheinen neben Ihren Kolumnen in dem Buch "Ein Apartment auf dem Uranus". Was steckt hinter dem Titel?

Preciado: Der Titel verweist unter anderem darauf, dass es für viele von uns aus verschiedenen Gründen sehr kompliziert geworden ist, ein Zuhause zu haben. Für viele Transleute ist der eigene Körper nicht mal ein Zuhause. Wir vergessen auch, wie viel Gewalt manche Menschen in häuslichen und familiären Umgebungen erlebt haben. Manche Migranten haben nicht mal das Recht, ein Heim zu haben. Natürlich ist Uranus eine Fiktion, ein fiktionaler Ort. Ich erfinde die Fiktion, wir teilen sie gemeinsam. Und das wird es ermöglichen, uns die Dinge anders vorzustellen.

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