Margarete Stokowski

Queerfeindliche Propaganda Queere Weltmacht, na klar

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Ablehnung von Diversität in vorgebliche Sorge um Kinder zu verpacken, ist ein alter Trick. Ursprung ist aber die Angst vor einer angeblichen Trans-Macht.
Sexualkunde-Illustration: Sind Dildos wirklich ein Problem?

Sexualkunde-Illustration: Sind Dildos wirklich ein Problem?

Foto: Getty Images

Jeder dritte Deutsche hält es für sicher oder zumindest wahrscheinlich, dass geheime Mächte die Welt steuern. Der neuen Umfrage von Infratest dimap  zufolge glauben Befragte mit höheren Bildungsabschlüssen seltener an geheime Mächte. Man sollte aber nicht denken, dass man durch irgendeine Art von Bildungsabschluss oder Titel gegen solche Ideen gewappnet ist, nö, man kann auch eine Professur innehaben und trotzdem in die "FAZ" reinschreiben, dass "die LGBTQ-Bewegung" inzwischen die Pädagogik an Kitas und Schulen dominiert und dort eine "Transgenderpropaganda" verbreitet, der sich politisch Verantwortliche nicht trauen zu widersprechen. Ja, klar.

In der "FAZ" vom letzten Donnerstag schrieben Bernd Ahrbeck, Erziehungswissenschaftler und Professor für Psychoanalytische Pädagogik, und Marion Felder, Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Inklusion und Rehabilitation, einen Text  mit dem Titel: "Die klassische Familie wird zum Ausnahmefall". Der Titel wurde online geändert, nachdem verschiedene Leute angemerkt hatten, dass das nicht stimmt. Der neue Titel lautet nun: "Das Thema Gender-Identität überfordert Kinder", was allerdings genauso falsch ist - Fachbegriff: Projektion –, denn Kinder können meiner Erfahrung nach mit der Diversität an Identitäten ziemlich gut umgehen, oft wesentlich gelassener und unvoreingenommener als Erwachsene. Viele Kinder haben überhaupt kein Problem damit, statt Mutter-Vater-Kind auch mal Mutter-Mutter-Kind zu spielen. Das Problem sind Erwachsene, die in der "FAZ" erklären: "Heterosexualität und die klassische Familie werden inzwischen in eine Randposition gedrängt. Sie gelten fast schon als etwas Exotisches, das sich besonders legitimieren muss." Das mag für Darkrooms gelten – aber für den Rest der Welt?

Es ist ein extrem alter, aber verbreiteter Trick , die eigene Ablehnung gegen alles Queere als Sorge um Kinder zu tarnen, die angeblich geschützt werden müssen, weil sie die Tatsache nicht ertragen, dass es Leute gibt, die homo- oder bisexuell oder trans sind. Häufig wird dabei der Mythos der "Frühsexualisierung" verwendet : Kinder werden demnach durch Spiele oder Kinderbücher auf hinterhältige Art dazu gebracht, sich mit queeren Identitäten zu beschäftigen.

Sogenannte Medienkoffer mit Bilderbüchern oder Gegenständen (z. B. Plüschtiere) werden zur sexuellen Büchse der Pandora, aus der das ganze schwule Unheil strömt. Der "FAZ"-Text von Ahrbeck und Felder etwa nennt Vierzehnjährige, die sich mit "Gegenständen wie Dildos, Vaginalkugeln, Potenzmittel, Handschellen, erotische Geschichten, Aktfotos, Lack/Latex oder Leder" beschäftigen sollen – "Kinder sind dadurch Themen und Inhalten ausgesetzt, die altersinadäquat sind, die sie überfordern, irritieren und befremden". Vierzehnjährige, die durch Aktfotos überfordert sind, sind natürlich theoretisch denkbar, aber eher im Jahr 10.000 vor Christus als heute.

Man könnte darüber lachen, aber das Problem ist, dass es erstens konservative Medien  (Zitat "Bild": "Senat verteilt umstrittene Sex-Broschüre an Kitas") oder rechtsextreme Parteien  gibt, die jede Vielfalt fördernde Pädagogik gern zum Skandal machen, und zweitens diese Art der queerfeindlichen Argumentation bei manchen Eltern auf fruchtbaren Boden trifft, vor allem, wenn dabei so getan wird, als sei da eine riesige Bedrohung im Anmarsch, von der sie bisher nur nichts mitbekommen haben.

Ahrbeck und Felder schreiben in der "FAZ" zum Beispiel: "Längst geht es nicht mehr darum, dass sexuelle Minderheiten und unterschiedliche Lebensformen in ihrer Eigenheit geachtet und vor Entwertungen geschützt werden." Das sei ja eh Konsens. Nein, das Ziel sei: "Kinder und Jugendliche sollen durch die 'gendergerechte' Pädagogik in eine bestimmte weltanschauliche Position gedrängt werden." Die heterosexuelle "Lebensform" gerate "in Verruf".

Das ist natürlich eine Idee, bei der man ein bisschen verweilen kann. Zunächst mal ist Heterosexualität in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie großflächig in Verruf geraten. Interessant ist aber die Annahme, dass die bloße Kenntnis von queerer Sexualität oder Transgeschlechtlichkeit bei Kindern alles, was vorher hetero und cis (das Gegenteil von trans) war, in Schutt und Asche legt. Als würden Kinder durch eine bösartige Ficki-Ficki-Frühpädagogik angestachelt, Heterosexuelle abzulehnen und außerdem nach der Kita oder Schule direkt ihre Eltern um eine Geschlechts-OP anbetteln. 

Es ist nicht so wahnsinnig schwer, sich vorzustellen, dass die Kritik an queeren Inhalten für Kinder auch durch den Neid genährt wird, dass es Leute gibt, die sich nicht an die Mutter-Vater-Kind-Familienvorstellung halten oder den Mut haben, sich als trans zu outen. Einer der Grundpfeiler des Patriarchats besteht darin, Frauen und Männer als eindeutig und körperlich erkennbar voneinander getrennte Wesen zu betrachten, die verschiedene Aufgaben erfüllen sollen.

Wer sich ins klassische heterosexuelle und cisgeschlechtliche Bild fügen möchte, wendet üblicherweise einen Haufen Energie auf, um dieser Idee zu entsprechen: Frauen entfernen ihre Bein- und Gesichtsbehaarung, Männer unterdrücken ihre Weichheit, Frauen versuchen nicht "zu männlich" und Männer nicht "zu weiblich" aufzutreten. Und dann kommen queere Leute und halten sich nicht an die Regeln. Klar werden dann manche sauer und regen sich auf, wenn diese Regelbrüche, die sie sich selbst nicht erlauben würden, dann auch noch in Kindergärten und Schulen auftauchen. Logisch, dass es dann Leute gibt, die denken: Oh Mann, die haben ihre schwulen Elfen und Pimmelkoffer und ich muss gleich schon wieder zu meiner Schwiegermutter.

Logisch, aber halt auch gefährlich. Wer lesen will, was es heute in Deutschland bedeutet, sich als trans zu outen, kann sich darüber in Felicia Ewerts Buch "Trans. Frau. Sein" informieren oder in Linus Gieses gerade erschienenem Buch "Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war". Wenn Sie sich bislang mit dem Thema nicht beschäftigt haben, aber generell ein empathischer Mensch sind, werden Sie dabei entweder entsetzt und wütend sein, oder einfach direkt anfangen zu heulen, versprochen.

Denn es ist eben immer noch so, dass es keine geheime queere Weltmacht gibt, sondern es sich im Gegenteil um unterdrückte Minderheiten handelt, die vielfach Gewalt erfahren. Die angebliche "LGBT-" oder "Homo-Lobby" wird nicht nur in Deutschland bekämpft: In Polen werden "LGBT-freie Zonen" geschaffen , der Außenminister nennt die "LGBT-Ideologie" eine "Zivilisation des Todes" , in der Ukraine wurde erst dieses Wochenende eine CSD-Veranstaltung von rechten Aktivisten angegriffen , in Wien wurde auf der Bühne einer "Querdenken"-Demo eine Regenbogenflagge zerrissen , unter lautem Jubel, zur vermeintlichen Abwehr von "Kinderschändern". Neueste Studie für Deutschland: 30 Prozent der Homosexuellen und über 40 Prozent der transgeschlechtlichen Menschen werden im Arbeitsleben diskriminiert . Wer sich als trans outet und anerkannt werden will, muss immer noch einen unfassbar anstrengenden und langen Weg durch Beratungsstellen, Gutachten, Ämter und Therapiesitzungen gehen. Frage an die "Besorgten": Wenn die "LGBTQ-Lobby" so mächtig ist, warum hat sie diese Diskriminierung noch nicht abgeschafft?

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