Samira El Ouassil

Querdenken im Ukrainekrieg Die Egozentrik der Verschwörungserzählungen

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Erstaunlich viele Impfgegner sind gleichzeitig Putin-Anhänger – und umgekehrt. Warum gibt es diese bemerkenswerte Personalunion?
Putin-Fanmaterial (Archivbild)

Putin-Fanmaterial (Archivbild)

Foto: Seth Wenig / AP

In einem Telefongespräch am 3. März soll Emmanuel Macron Putin den Satz »Tu te raconte des histoires«, »Du erzählst dir Geschichten«  gesagt haben. Das ist ein auf mehreren Ebenen interessanter Satz, die erste Bedeutung ist hier natürlich: Du erzählst Unsinn, Märchen. Aber er konterkariert auch die in der Berichterstattung häufig gewählte Formulierung, Putin schreibe Geschichte neu, die immer etwas fahl klang – so als sei das Umschreiben von Geschichte und das willentliche Leugnen historischer Fakten ein rationaler Prozess, bei welchem politische Akteure gewissermaßen historische Innovationsangebote machen zur Besserdeutung einer gemeinsamen Vergangenheit.

Diese Kritik, »sich selbst Geschichten erzählen«, macht aber deutlich, dass wir uns im Bereich der Autofiktion befinden, und setzt in den Mittelpunkt, um wen es eigentlich bei derlei Wirklichkeitsfabrikationen geht: um einen selbst und die egomane Sicht auf die eigene Welt.

Ich horchte aber auch auf, weil ich diesen Satz, »du erzählst dir selbst Geschichten« selbst ein paar Male sagte, in ebendieser Formulierung, in einem ganz anderen Kontext und dennoch mit genau der gleichen Intention: zu Menschen, welche die Impfung für einen staatlich organisierten Angriff auf die Bevölkerung hielten.

Und sagen wir es so: ich bin nicht überrascht zu erfahren, dass sich nun, während des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, eine neue Phalanx aus Menschen gruppiert hat, welche sowohl die Pandemie leugnen als auch den Krieg als große Medienmanipulation des Westens betrachten. In sozialen Netzwerken, geschlossenen Räumen, in Telegram-Gruppen wird gerade zusehends aus »Wir werden über den Covid belogen« nun »Wir werden über die Ukraine belogen«. Die ukrainische Fahne zu posten, wird als neue Maske des Westens beschimpft, die vom Mainstream indoktrinierten Schlafschafe sind nun angeblich sofort zu erkennen an ihrem blau-gelben Fell.

Insbesondere amerikanische Anti-Masken-Gruppen und Pandemieleugner sind zu einem Treibhaus für putinsche Verschwörungstheorien über den Konflikt in der Ukraine geworden – und eine der prominentesten Anti-Impf-Aktivisten und Maskenverweigerer, die Fox-News-Kommentatorin Candace Owens , erklärte nun in ihrer Talkshow, dass die Ukraine erst seit 1989 existiere und von den Russen kreiert worden sei; das Narrativ des Kreml also. Weiter erklärt sie auf ihren Kanälen, dass die westliche Berichterstattung über den Krieg nur Theater und Inszenierung sei (und macht dabei Werbung für ihre bald erscheinende Dokumentation über die Gefahren des Impfens).

Die vom Mainstream indoktrinierten Schlafschafe sind nun angeblich sofort zu erkennen an ihrem blau-gelben Fell.

Diese Verschiebung lässt sich in den USA , Australien , Neuseeland , Tschechien , Frankreich  dokumentieren, dort erfolgt dieser Ruck über die Gelbwesten. In Deutschland hat zum Beispiel Journalist Christian Jakob  für die »taz« aufgeschrieben, wie nah sich selbst ernannte Kämpfer gegen die behauptete Coronadiktatur und Fans der russischen Autokratie sind: Reichweitenstarke Querdenker verbreiteten den russischen Propagandasender Russia Today nach dessen Verbot auf ihren Telegramkanälen und reproduzieren die PR der russischen Regierung.

Der Zusammenschluss zwischen Menschen, die Putin-Content affirmativ teilen, besonders seine aktuelle Rede, in welcher er von einem reinen Volkskörper spricht, und Menschen, welche die Impfung für einen staatlichen Unterjochungsversuch halten, zeigt eindrücklich, wie egal und austauschbar ist, was als erlogen präsentiert wird. Jedes Weltgeschehen, das einem zum vermeintlich Hinter-den-Vorhang-Blickenden werden lässt, wird dankbar angenommen. Besonders faszinierend ist hierbei, wie schnell diese Übernahme vereinfachender Narrative erfolgt. Die Sehnsucht nach der Entlastungswirkung durch die nachvollziehbare Einordnung der Welt ist enorm, gerade in Zeiten, in denen die Willkür der Wirklichkeit schwer ertragbar scheint. Es ist das fortgesetzte, verführerische Versprechen der »Querdenker«, in einer Krisensituation voller Ohnmacht und Unwissenheit eine informationelle Selbstwirksamkeit zu ermöglichen – und wenn diese sich einfach nur in den Protest gegen austauschbare unbekannte, übergeordnete Mächte übersetzt. Krieg ist abstraktes Chaos, der Angriff Putins auf die Ukraine wirkt so sinnlos wie unnachvollziehbar, wenn ein Krieg das überhaupt jemals sein könnte. Wie logisch und sinnhaft wäre da die Geschichte, dass die ganze Krise in Wirklichkeit nur ein Ablenkungsmanöver ist? Wie beispielsweise in der filmischen Satire »Wag the Dog« von 1997 von Barry Levinson. Dort wird, um davon abzulenken, dass der Präsident eine minderjährige Schülerin sexuell belästigt hatte, ein ganzer Krieg in Albanien erfunden.

Einige journalistische Einordnungen, Putin sei schlicht verrückt geworden, irrational oder rachsüchtig, bestärken die Skepsis gegenüber etablierten Medien als Einordnungsangebote: Na klar, der Stratege, der Planer, Ex-KGBler macht das einfach aus einem Wahn, einer Laune heraus, ganz tagesformabhängig, spottet der Misstrauische. Da muss doch mehr dahinter sein, setzt er seinen Gedanken fort, diese Pathologisierung, ihn zum isolierten Irren machen zu wollen, bestimmt auch nur wieder so eine Vertuschung des Westens! Putin muss gezwungen gewesen sein, diesen Krieg zu führen, geht der Gedankengang weiter, weil die Nato ihn bedroht hat, und die Ukraine wird ja außerdem von Nazis regiert, von denen man sie befreien muss, denn wir sind gegen Nazis – und überhaupt sind nicht gerade Neuwahlen in Frankreich, profitiert Macron, der ja Probleme mit den renitenten Gelbwesten hat, nicht von so einem Krieg?

Und plötzlich erscheinen solche Überlegungen in ihrem Kosmos schlüssig, ja fast überzeugender als eine übertölpelte Überraschtheit, der ratlose Schock und das naive Entsetzen mit der zu Beginn auf die Invasion reagiert wurde.

Geradezu fantastisch wird es, wenn das Gesundheitspolitische und Geopolitische zu einem Supercocktail des Verschwörerischen gemixt werden. Eine sich entwickelnde Verschwörungsgeschichte ist beispielsweise, dass die USA geheime Biolabore in der Ukraine besäßen, in welchen Viren kultiviert würden, weshalb die Vereinigten Staaten das angegriffene Land nur unterstützen, um eine nächste Pandemie in den Einrichtungen vorbereiten zu können. Zu Ende gedacht, verhindert Putin also eigentlich nur Covid 22.

Unsere eben erwähnte Fox-Kommentatorin Candace Owens formulierte dieses Zusammendenken der Konspirationen für ihre drei Millionen Fans auf Twitter so: »Wir erleben jetzt ein außenpolitisches Covid: ›Experten‹ geben vor, dass das, was zwischen Russland und der Ukraine passiert, ein natürliches Ereignis ist, während es in Wirklichkeit in einem Labor von den Leuten hergestellt wurde, die von Billionen profitieren würden «.

Diese unterschiedlichen Gruppen vereint das einhellige Gefühl, »Widerstandskämpfer« gegen das autoritäre Diktat einer Wirklichkeit sein zu können. Begibt man sich erst einmal in diesen militanten Überschneidungsbereich aus Putin-Fan und Coronaleugner, dann findet man hier nicht nur eine gewisse Selbstherrlichkeit, sondern das permanente Verlangen, ein ganzes Weltgeschehen eurozentristisch auf sich zu beziehen, und versteht, worum es bei diesen Wirklichkeitsfabrikationen in Wahrheit geht: um die eigenen Probleme und die Selbsterzählung, über den Dingen zu stehen. Man erzählt sich selbst eine Geschichte.