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ÄRZTE / AFFÄREN Rache der Halbgötter

aus DER SPIEGEL 18/1971

Zu Beginn der Tagung im Münchner Kongreßzentrum erfüllte barocker Wohlklang den Saal. Die versammelten Akademiker lauschten dem Händel-Opus »Festlicher Ruf«.

Doch dem harmonischen Auftakt folgte ein schriller Abgesang: Der Kongreß -- die 88. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie -- endete vorletzte Woche mit einem spektakulären Rausschmiß.

Zum erstenmal in ihrer fast hundertjährigen Geschichte beschloß die Chirurgen-Vereinigung in München, eines ihrer Mitglieder aus der Gesellschaft auszuschließen: Der Frankfurter Assistenzarzt Dr. Hans Mausbach, 34, habe das »Ansehen der Gesellschaft geschädigt« und »die deutschen Chirurgen sowie auch alle anderen Ärzte verleumdet und beschimpft« -- so erläuterte der Generalsekretär der Gesellschaft, Professor Heinrich Bürkle de la Camp, die Gründe für den Ausschluß des Nachwuchsmediziners aus dem illustren Ärztebund.

Den Ärztestand verunglimpft und die Ehre der deutschen Chirurgen besudelt hat Mausbach nach Ansicht vieler Mediziner In einer Fernsehsendung, die im September letzten Jahres unter dem Titel »Halbgott in Weiß' von Radio Bremen ausgestrahlt wurde. Mausbach, Mitglied einer linken Basisgruppe junger Ärzte in Frankfurt, behauptete in dem Fernsehfilm,

* daß der Kampf der Ärzte »um Laufbahn, Macht, Prestige und Geld auch auf dem Rücken der Patienten ausgetragen« werde;

* daß sich Chirurgen häufig bei Operationsentscheidungen von »kommerziellen Interessen« leiten ließen;

* daß ärztliche Forscher im Auftrag der Pharma-Industrie neue Medikamente an ihren Patienten erprobten -- oft ohne »Einwilligung und Aufklärung der Betroffenen«; > daß im ärztlichen Karriere-System bei den Nachwuchsmedizinern gebrochenes Rückgrat am Fließband« produziert werde.

Obgleich Mausbachs Anklagen kaum mehr als die Kernpunkte seil langem gängiger Kritik enthielten, lösten sie unter Westdeutschlands Ärzten wütende Entrüstung aus. Eine Flut empörter Zuschriften ging bei Radio Bremen ein.

Der Gynäkologe Winfrid Jauch aus Konstanz forderte seine Kollegen auf. »eine Art schwarze Liste herauszugeben, auf der die Ärztefeinde namentlich und mit kurzem Sachverhalt vermerkt wären« Jauch: »Dann gäbe es endlich Ruhe auf der Gegenseite.« Professor Ernst Fromm, Präsident der Bundesärztekammer, fühlte sich angesichts der »Halbgott«-Sendung derart auf gewühlt, daß er, nach Chruschtschow-Manier, seinen »Schuh in die Röhre werfen« wollte.

»Sie können gewiß sein«, so drohte Fromm, »daß wir diesen Gewissensathleten auf der Spur bleiben« -- gemeint waren die kritischen Jungärzte, die gemeinsam mit Mausbach in der Bremer Sendung mitgewirkt hatten. Doch die Rache der als »Halbgötter« apostrophierten Chefärzte und Arztefunktionäre traf vor allem Mausbach, der mit seinem TV-Auftritt (Dauer: etwa eine Minute) zu einer Art Symbolfigur der ärztlichen Linken wurde.

Mausbach, damals Stationsarzt am Frankfurter Nordwest-Krankenhaus, wurde zunächst strafversetzt und wenig später entlassen. Ein Arbeitsgericht wies seinen Einspruch gegen die Entlassung ab. Fünf Krankenhäuser. bei denen Mausbach danach um Anstellung nachsuchte, mochten den Bewerber nicht aufnehmen, obgleich es in den Kliniken nachweislich freie Planstellen gab.

Die Hessische Landesärztekammer verweigerte Mausbach überdies die Anerkennung als Facharzt für Chirurgie mit der Begründung, er habe die Fachausbildung noch nicht abgeschlossen -- vollenden indes kann Mausbach die Ausbildung nur an einem Krankenhaus. Der angehende Chirurg, Opfer einer konzertierten Strafaktion, meldete sich inzwischen als arbeitslos; seit dem 1. April bezieht er Stempelgeld.

Obwohl Ärztefunktionäre wie Fromm die TV-Kritik Mausbachs als »Verleumdung« und »Ehrabsehneidung« werten, haben sie bislang weder gegen Mausbach noch gegen Radio Bremen die Gerichte bemüht. Sie beließen es bei starken Worten <"Deutsches Ärzteblatt": »Pogromhetze gegen Chefärzte«, »Klassenkampf am Krankenbett") und bei der Aufforderung an Mausbach, er möge seine Vorwürfe mit Beispielen aus der Praxis erhärten.

Dazu aber ist Mausbach nicht bereit. Das Ärzte-Establishment, so glaubt er. werde »Beispiele als Ausnahmefälle abtun und mir dann ein Dutzend Prozesse anhängen«; im übrigen liege der Wahrheitsbeweis für seine Thesen, längst öffentlich vor.

Zu seiner Rechtfertigung könnt Mausbach etwa auf eine Untersuchung des westdeutschen Mediziners Asmus Finzen verweisen, die vor knapp zwei Jahren erschienen ist. Finzen schilderte in seinem Buch insgesamt 40 Fälle, bei denen deutsche Ärzte ahnungslosen Patienten neuartige, zum Teil gefährliche Medikamente zu Versuchszwecken verabreichten.

Daß solche Menschenversuche, wie Mausbach behauptet, oft kommerziellen Interessen dienen, läßt sich am Beispiel Menocil aufdecken: Das Abmagerungs-Mittel Menocil, Produkt der Schweizer Pharma-Firma Cilag, wurde von einigen Ärzten auch dann noch an Patienten ausgegeben, als bekanntwurde, daß Menocil möglicherweise schwere Gesundheitsschäden verursachen könne -- die Mediziner waren gegen hohe Bezahlung von der Cilag als Gutachter angeheuert worden.

Mausbachs inkriminierte TV-These. deutsche Chirurgen dächten bei ihren Operationen nicht nur an die Kranken. sondern auch ans Geld, wurde just auf dem Chirurgen-Kongreß vorletzte Woche In München bekräftigt. Dort beklagte der Hamburger Chirurg Werner J. Ewerwahn, daß in westdeutschen Kliniken Knochenbrüche immer häufiger mit Nägeln und Schrauben gerichtet würden -- oft zum Schaden der Patienten (SPIEGEL 17/1971). Einer der Gründe für diese Praktiken: Für eine Knochen-Nagelung kassieren die Ärzte mindestens viermal mehr Honorar als für einen konventionellen Gipsverband.

Vom Geschäft freilich war auf dem Münchner Kongreß nicht die Rede, als der Ausschluß Mausbachs beraten wurde. Zweimal versuchte der Präsident der Chirurgen-Gesellschaft, der Bonner Professor Alfred Gütgemann, den störrischen Mausbach zu bewegen, vor dem Plenum seine aggressiven Behauptungen abzumildern. Schließlich stieg Mausbach aufs Rednerpodium -- doch nur, um seine Fernseh-Thesen noch einmal ausführlich zu wiederholen.

Die Antwort auf diese Provokation kam prompt: Mit rund 500 gegen 100 Stimmen verstießen die empörten Mediziner den Nestbeschmutzer aus ihren Reihen. Präsident Gütgemann verkündete das Abschreckungsurteil anschließend auf einer Pressekonferenz.

Doch die Standhaftigkeit Mausbachs, so scheint es, soll belohnt werden: Hessens Ministerpräsident Albert Osswald und der Münchner OB Hans-Jochen Vogel boten Mausbach Anfang letzter Woche ihre Unterstützung an. Zugleich protestierten auch viele Mediziner gegen den Ausschluß des Frankfurter Kollegen.

Mausbach selber ist mit dem Münchner Abstimmungsergebnis zufrieden: »Immerhin etwa 100 Stimmen gegen den Ausschluß -- wer die Verhältnisse in der deutschen Medizin kennt, findet das sehr ermutigend.«

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