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ITALIEN Rache des Meeres

Eine Algenpest verdirbt die Touristensaison an der Adria.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Das Kinderbeinchen versinkt bis zur Wade im Glibber. Der Vater brüllt: »Komm sofort raus, das Zeug ist giftig!« Verschreckt hüpft der Junge an den Strand zurück. In dicken Flocken hängt ihm der braungelbe Schmadder um die Fersen, vermischt mit übelriechendem Schmier, der sich unter dem Schleim verbirgt.

Früher und heftiger als im Vorjahr kam in dieser Saison die Algenpest über die italienische Adriaküste. Begünstigt durch den ungewöhnlich milden Winter, erblühten in den von Dünger verunreinigten Gewässern Milliarden von Mikroalgen aus der Familie der Diatomeen. Wenn sie sich vermehren, produzieren sie eine schleimartige Substanz, die jetzt zu einem 40 Kilometer breiten Teppich zusammenklumpte. Er reicht von Grado im äußersten Norden der Adria über Venedig, Cesenatico, Rimini, Riccione bis nach Porto Recanati.

Ob der kaffeebraune Schaum wirklich gesundheitsgefährdend ist, wird in italienischen Labors noch untersucht. Für die verlorene Saison an der Adria ist das fast nebensächlich. Das Baden ist ekelhaft geworden.

Jeden Tag berichtet die italienische Presse ausführlich, was in deutschen Zeitungen schon wieder an Abträglichem über die Algenkatastrophe steht. Im römischen »Messaggero« beschwert sich Leo Cozzi, ein Werbemann aus Riccione: »Als Kloake haben Journalisten deutscher Zunge unser Meer bezeichnet und sich gar zu der Behauptung verstiegen, man könne nicht mehr baden.«

Aber längst baden auch die Italiener nicht mehr. Morgens, wenn die Kühle der Nacht das Algensekret in die Tiefe drückt, scheint sich eine Erholung des todkranken Gewässers anzuzeigen. Doch mit zunehmender Tagestemperatur steigt das Gebräu aus der Tiefe wieder auf.

Zwischen unbenutzten Liegen und zusammengefalteten Sonnenschirmen steht Graziella Malpinta, eine pensionierte Krankenschwester aus Potenza, am Strand von Rimini und ringt die Hände: »Jetzt rächt sich das Meer an uns. Wir haben es umgebracht.«

Das Gift schaufelt der Po ins Meer, Italiens längster Fluß. In seinen trüben Gewässern lebt kein Fisch mehr, er transportiert die ungeklärten Fäkalien von 17 Millionen Menschen, die an seinen Ufern leben, dazu die Gülle von zehn Millionen Stück Mastvieh und 100 Millionen Hühnern sowie jede Menge Industrieabfälle, Klärschlamm, Pestizide und Düngemittel.

Die Brühe landet in der Adria, wo die 82 000 Tonnen Stickstoff und 20 000 Tonnen an Phosphaten, die sie im Jahr mitbringt, bei entsprechenden Klimabedingungen den Wildwuchs der Algen fördern.

Die Zusammenhänge sind bekannt, doch Gegenmaßnahmen blieben aus. Ein 1976 erlassenes Wasserschutzgesetz, die »Legge Merli«, blieb Makulatur. Eine nach zwölfjährigem Kompetenzstreit endlich zusammengekommene »ständige Konferenz« der Anrainerregionen des Po hat bisher nur einmal getagt und nichts beschlossen.

Die Adria sei »gesund und sauber«, erklärte in Rom der christdemokratische Gesundheitsminister Donat-Cattin noch im Mai. Ganz konsequent blieb er daher auch der Krisenkonferenz fern, auf der in der vergangenen Woche regionale und römische Minister über den Algennotstand berieten - ohne Ergebnis, versteht sich. Für Donat-Cattin gibt es im übrigen keine Krise an der Adria, sondern nur die »Panikmache der ausländischen Presse«. Im Vergleich zum Juni letzten Jahres ist die Zahl der deutschen Touristen an der Adria schon um über 30 Prozent zurückgegangen.

Sechs Uhr früh im Grand Hotel in Rimini: Mit seinem Troß von bleichen, übernächtigten PR-Leuten und Möchtegern-Berühmten erscheint der Sozialist Gianni De Michelis, 49, derzeit noch stellvertretender Ministerpräsident Italiens.

Der übergewichtige Spät-Adoleszent De Michelis erwarb sich im vergangenen Jahr landesweiten Ruhm, als er einen Führer durch die Diskotheken Italiens veröffentlichte, in denen er selbst gern bis in die Morgenstunden feiert und tanzt.

Algenkrise? Ach, woher denn! Der Disko-Minister tunkt ein Croissant in den Morgen-Champagner. Wozu müssen die Touristen ins Meer gehen? Sollen sie sich doch in einem der künstlichen Wasserparks vergnügen, die jetzt überall an der Adria entstehen. De Michelis besucht sie demonstrativ noch am selben Tag. Neben den Betonkasematten der örtlichen Kleinindustrie von Riccione liegt zum Beispiel inmitten von Rübenfeldern, nur hundert Meter von der Autobahn entfernt, die Wasserstadt »Acquafan«, von der örtlichen Presse heftig als »Alternative zum Strand« gepriesen.

Bedrohlich erhebt der Park das blecherne Gedärm seiner Riesenrutschen gegen den Himmel. Über 150 000 Quadratmeter breitet sich das futuristische Monstrum aus. Neben den Rutschen, auf denen die Badegäste im 50-Kilometer-Tempo ins glasklare Wasser düsen, gibt es ein Wellenbad, Wassermassage in künstlichen Teichen, Imbißstuben mit jeglichem Fast food. Und über allem dröhnt gnadenlos ein pulsierender Diskosound.

8000 Besucher kommen täglich und zahlen den Eintrittspreis von 20 000 Lire (28 Mark). Das Publikum habe »Acquafan« bereits zum »beliebtesten Strand Italiens« gekürt, behauptet eine Werbebroschüre des Parks.

Frau Christine Werner, 69, aus Purkersdorf bei Wien möchte nicht rutschen, schon gar nicht mit Tempo 50. Sie will ins Meer.

Fast verschüchtert hält sie einer teilnahmslosen Dame im Fremdenverkehrsamt von Rimini einen Brief entgegen: »Die hier und da auftauchenden Algen bezeugen einen zufriedenstellenden Gesundheitszustand unseres Meeres«, hatte ihr Anfang Mai der Präsident der regionalen Organisation für die Förderung des Tourismus, Piero Leoni, geschrieben: »Es gibt keinerlei Grund, sich um Ihre nächsten Ferien in Riccione zu sorgen.«

Als der Dottore Leoni diesen Brief schrieb, wurden schon bedrohliche Mengen von Algen aus der nicht weit entfernten Lagune von Venedig gebaggert. Der Versuch, den Sommer zu retten, mußte schnell wieder aufgegeben werden: Alle umliegenden Gemeinden weigerten sich, den Abfall aus dem Meer bei sich aufzunehmen.

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