Rechts-links-Konflikt in Radebeul Frieden gibt's nur bei Karl May

Verfeindete Lager, Spaltung der Gesellschaft - und mittendrin die AfD: Nach dem Eklat um die Wahl des Kulturamtsleiters fragen sich die Bewohner der sächsischen Stadt, was hier passiert ist. Und es ist noch nicht vorbei.
Aus Radebeul berichtet Xaver von Cranach
Sächsische Kreisstadt Radebeul

Sächsische Kreisstadt Radebeul

Foto: Bildagentur-online/Protze-McPhoto/ picture alliance / Bildagentur-online/Protze-McPhot

Da liegt also das Schlachtfeld, ruhig und überschaubar wie auf einer Postkarte: Hier vom Hügel aus sieht man das Rathaus, die leuchtenden Mohnblumenwiesen, die Theater und Museen und den Stadtteil Kötzschenbroda an den Elbwiesen. Aber das ist ja das Gefährliche am Kulturkampf: Er bleibt oft unbemerkt, bis es zu spät ist. Der Jazzschlagzeuger Günter Baby Sommer, von dessen Terrasse man auf die sächsische Kleinstadt Radebeul blicken kann, sagt: "Wenn man im militärischen Jargon bleiben will, dann haben wir den Kampf gewonnen".

Wie bitte?

Radebeul hat etwas über 30.000 Einwohner, viele Weinberge, eine historische Dampflokomotive, die auf einer Schmalspurbahn durch die Stadt fährt, ein Karl-May-Museum, 23 Prozent AfD-Wähler. Seit dem 20. Mai hat Radebeul aber auch noch ein öffentlich diskutiertes Problem, verbunden mit dem Namen eines Mannes: Jörg Bernig. Vor gut drei Wochen wurde er vom Stadtrat zum Kulturamtsleiter gewählt. Und damit kam Radebeul in die Schlagzeilen.

Bernig ist Schriftsteller, er hat Lyrikbände und Romane veröffentlicht, den Kunstpreis der Stadt Radebeul gewonnen und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache an einem Gymnasium im Nachbarort. Bernig hat aber auch schon in der "Sezession" veröffentlicht, der Publikation des neurechten Verlegers Götz Kubitschek.

Die Wahl des Kulturamtsleiters war geheim. Doch als zwei Stadträte die Personalie durchstachen, wurde es unruhig in Radebeul. Der Verdacht: Hier habe die CDU gemeinsam mit der AfD abgestimmt.

Die Frage, warum das alles schon wieder im Osten verhandelt wird

Der Schlagzeuger Sommer organisierte den Widerstand gegen Bernig, gleichzeitig verfasste der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp einen offenen Brief, um ihn zu unterstützen. Der Bürgermeister widerrief die Wahl, am Montag wurde neu gewählt - Bernig allerdings zog seine Bewerbung zuvor zurück, beschrieb sich in einem Schreiben als Opfer von "Unterstellung, Verheimlichung, Verdrehung bis zu Stigmatisierung". Neue Kulturamtsleiterin ist die Frau, die im ersten Wahlgang verloren hatte.

Aber Radebeul kommt immer noch nicht zur Ruhe. Denn hier geht es nicht nur um die Besetzung einer Verwaltungsstelle in einer nicht ganz so großen Stadt. Sondern um die Fragen, die Deutschland seit Jahren umtreiben, an denen Deutschland regelmäßig scheitert: Ob es sich lohnt, mit Rechten zu reden. Ob die Gesellschaft so gespalten ist, wie in Leitartikeln gern behauptet wird. Ob die Demokratie die geeigneten Mittel findet, sich gegen Angriffe von rechts zu wehren. Und warum das alles schon wieder im Osten verhandelt wird.

Wer ist Jörg Bernig? Wer seine neueren Texte seit 2015 liest, kann zwischen den Zeilen einen Mann erkennen, der sich selbst seine Enttäuschung erzählt: Immer wieder sucht er den Vergleich mit der DDR. Er habe gekämpft für Freiheit, gegen ein "oppressives System", geglaubt, es hinter sich gelassen zu haben - um dann zu bemerken, dass die Freiheit nie da gewesen sei. In zwei Texten 2016 dann kritisierte er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die Medien, deutete, allerdings ohne den Begriff zu verwenden, einen gesteuerten Bevölkerungsaustausch an. Eines der Kernnarrative der neuen Rechten. Er schreibt vom "Griff nach dem Ganzen, dem Totalen" der Bundesregierung.

Radebeuler Stadtteil Kötzschenbroda

Radebeuler Stadtteil Kötzschenbroda

Foto: Gabriele Hanke/ picture alliance / imageBROKER

In einem "Cicero"-Artikel im vergangenen Jahr hat Bernig sich darüber beschwert, dass eine zugereiste Fotografin ihn bei einem Veranstalter als rechts gebrandmarkt habe, ohne mit ihm gesprochen zu haben, obwohl doch in dieser "kleinen Stadt vor den Toren Dresdens einer den anderen in zehn, fünfzehn Minuten auf dem Radl erreichen kann". Auf Anfragen des SPIEGEL allerdings hat Bernig zuerst nicht reagiert. Irgendwann sagt er doch zu für ein Interview. Dann sagt er wieder ab.

So bleibt für die Recherche an dieser Geschichte nur die Option, selbst nach Radebeul zu fahren und sich dort auf die Suche zu machen. Auf "dem Radl", versteht sich.

In der ersten Buchhandlung ist die Inhaberin gerade nicht da, dafür eine Verkäuferin, unterm Tresen liegt die aktuelle "Sächsische Zeitung", den Artikel über Bernigs Rückzug hat sie mit Textmarker angestrichen. Sie redet sofort, als hätte sie darauf gewartet, auf Bernig angesprochen zu werden. Natürlich habe sie eine Meinung, die habe ja jeder. Sie will am Schluss aber doch nicht zitiert werden. Zu riskant.

Sie möchte sich da auch nicht einmischen, sie komme ja gar nicht aus Radebeul, sondern aus dem Nachbarort. In der zweiten Buchhandlung ist die Inhaberin da. Sie ist hin- und hergerissen, spricht lange über Bernig, über die Stimmung in der Stadt, über die Frage, ob man eine Wahl zurücknehmen dürfe oder nicht. Später ruft sie an, um ihre Zitate zurückzunehmen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen, anzuecken, potenzielle Kunden zu vergraulen, scheint groß zu sein.

Günter Baby Sommer, braun gebrannt, weißer Schnauzer, verwaschenes Unterhemd, sieht zehn Jahre jünger aus, als er ist: Er wurde 1943 in Dresden geboren, ein international erfolgreicher Jazz-Schlagzeuger, der immer wieder zurückkam; Baby nennt er sich nach dem ersten großen Jazz-Drummer Baby Dodds. Sommer führt das Lager derer an, die in Bernigs Wahl einen Tabubruch sahen. Vielleicht ist er prominent genug, um keine Angst vor der eigenen Meinung zu haben, vielleicht ist seine Meinung auch so stark, dass sie laut rausmuss. Drei Mal rufen während des Interviews andere Journalisten an, um ihn zu Bernig zu befragen.

Schlagzeuger Günther Baby Sommer

Schlagzeuger Günther Baby Sommer

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance / dpa

Eine Geschichte künstlerischer Unfreiheit hat er auch, gewissermaßen hat er das mit Bernig gemein. Aber er kommt für sich zu einem ganz anderen Ergebnis: Früher musste er sich mit seinem Free Jazz durchsetzen gegen den sozialistischen Realismus, eine staatlich verordnete "Gleichmacherei", wie er es nennt. Er wird wütend, wenn er hört, dass Bernig sagt, man sei heute genauso wenig frei wie vor 1989. Wenn man Sommer über sein Verständnis von Kunst reden hört, von der Welt als "global village", von Vielfalt, die notwendig sei für gute Musik - dann kann man erahnen, was es für ihn bedeutet hätte, wenn Bernig auf einmal beim Programm oder der Förderung des jährlichen Jazzfestivals hätte mitreden können.

Schon bevor klar war, dass Bernig aus dem Rennen war, suchte Sommer das Gespräch mit ihm, Ministerpräsident Kretschmer sollte vermitteln. Die drei Männer trafen sich im Goldenen Anker, über den Inhalt versicherten alle Verschwiegenheit. Wenn Sommer das Gespräch beschreibt, ohne es zu erzählen, klingt es nach einem Boxkampf. Kretschmer als Mediator habe sie "aufeinanderprallen" lassen und dann wieder "auseinandergetan". Inhaltlich habe man sich nicht angenähert.

An der Wand im Amtszimmer von Bürgermeister Bert Wendsche hängt ein Friedensgürtel der Irokesen. Ein Gastgeschenk einer Delegation, die bei den Karl-May-Festtagen zu Besuch war. Denn bevor Bernig kam, war Radebeul vor allem als Wohnort von Karl May bekannt. Der Gürtel symbolisiert den Friedensschluss zwischen verfeindeten Stämmen, die doch eigentlich zusammengehörten. Man merkt Bert Wendsche die Anstrengung und Aufregung der letzten Tage an: Zunächst wirkt Wendsche gefasst. Nach 20 Minuten weint er kurz.

Wendsche ist parteilos, steht aber der CDU nahe und hatte in der ganzen Kulturamtsleitersache nicht Bernig, sondern die andere Kandidatin unterstützt. Trotzdem erkannte er dessen Wahl an. Als er sie rückgängig machte, begründete er dies damit, dass er in den aufflammenden Protesten einen Nachteil für die Stadt sehe, nicht mit Bernigs Position - was formal allerdings auch die einzige Möglichkeit ist, so eine Entscheidung rückgängig zu machen.

Bürgermeister Wendsche

Bürgermeister Wendsche

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Für die einen ist Wendsche der Umfaller, der am Ende einem linken Mob nachgab. Für die anderen ist er der Umfaller, der viel zu lange nicht reagierte, nach rechts schielte und Bernig gar nicht erst zur Wahl hätte gratulieren dürfen.

Fragt man ihn selbst, was das denn nun alles zu bedeuten habe, schlingert er. Sympathisiert mit Bernigs Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik 2015: "Ich würde nicht dieselben Worte wählen." Spricht über die Radebeuler und im selben Atemzug über Trump und den Brexit, über Stadt und Land, über gendergerechte Sprache, über Sprachlosigkeit und alte Verletzungen. Was Bernig und seiner Familie jetzt passiere, wünsche er niemandem. Dass er jetzt von den einen als "Demokratieverräter" beschimpft wird: "Das tut mir in der Seele weh."

Er hat zwei Leitz-Ordner auf dem Tisch liegen. Ein kleiner, halb voll, mit Leserbriefen, die ihm gratulieren, dass er die Wahl Bernigs aufgehoben hat. Und ein großer, komplett voller, mit Briefen, die ihm "Wahlverrat" vorwerfen, gespickt mit Worten wie "Gesinnungswächter" und "(Noch)Republik". Da kann er noch so oft sagen, dass es sich hier nicht um ein großes politisches Amt, sondern nur um eine Verwaltungsstelle handelt - den Menschen da draußen, deren Bürgermeister er ist, geht es um alles. Auf der einen wie auf der anderen Seite.

Und wie erkläre er es sich, dass jemand wie Bernig sich heute so unfrei fühle wie in der DDR? "89", sagt Wendsche, "war ein Erweckungserlebnis. Mit Wünschen und Träumen und Hoffnungen. Alles, was danach kommt, spiegelt man an diesem Erlebnis. Und dann kommt es zu Enttäuschungen."

Überreichung des Radebeuler Kunstpreises 2013 an Jörg Bernig

Überreichung des Radebeuler Kunstpreises 2013 an Jörg Bernig

Foto: André Wirsig/ picture alliance/dpa

Ein letzter Versuch, sich Jörg Bernig zu nähern, ohne mit ihm zu sprechen: In seinem Roman "Anders" geht es um einen Lehrer, der eine "konservative Wende" durchmacht. Einer linken Kollegin gefällt das nicht, woraufhin Anders fälschlicherweise von einer Schülerin beschuldigt wird, sie missbraucht zu haben. Ob die Lehrerin die Schülerin dazu angestiftet hat, bleibt, wie vieles in diesem Roman, unklar. Auch hier wird viel geraunt. Die Figur Anders fühlt sich auf eine diffuse Art und Weise angegriffen, will "Verteidigungsnester" bauen. Er gründet eine politische Bewegung, mit dem Ziel, in den Stadtrat zu kommen. Er sieht die Gesellschaft vor einem großen Umbruch, gar Zusammenbruch, nach dem die Barbaren kämen, als notwendiges Übel einer Revolution.

Sommer sagt: "Radebeul ist wie ein Tropfen im Ozean. Alles, was das Große ausmacht, ist hier im Kleinen schon enthalten." Ist es jetzt vorbei? Wendsche sagt: "Die Polarisierung der Stadtgesellschaft wirkt nach und darf auch nicht zugekleistert werden." Sommer meint: "Hätten wir nicht aufgepasst, hätte der Stadtrat Bernig durchgewunken. Und wir wären irgendwann aufgewacht und hätten uns gefragt: Wo geht denn die Reise hier hin?"

Aufpassen. Nicht zukleistern. Vielleicht ist das nicht der schlechteste Weg.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde Radebeul als Geburtsort von Karl May genannt. Das ist nicht korrekt, der Autor kam in Hohenstein-Ernstthal zur Welt. Wir haben den Fehler korrigiert.