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Gestorben Radu Lupu, 76

aus DER SPIEGEL 17/2022
Foto:

Michael Neumeister / IMAGO

Seine große Gabe war die Interpretation, ohne überzuinter­pretieren. Radu Lupu, einer der größten Pianisten unserer Zeit, gehörte im besten Sinne zur alten Schule. Er betrachtete Kompositionen nicht als Vorlage zur Selbstdarstellung, Exaltiertheit war ihm fremd. Lupus Zauber bestand darin, seine grandiose Technik so gut wie nie für Effekte zu missbrauchen. Sein Mittel war die Einfachheit, das zarte Spiel, ohne das Publikum mit der Nase (oder dem Ohr) draufzustoßen: So hat das zu klingen. Wer ihn hörte, kam von allein drauf: Ah, so muss das also klingen! Ein Experte von BR-Klassik nannte ihn zu Recht den »Leisemagier«. Lupu kam 1945 im rumänischen Galați zur Welt, studierte am berühmten Moskauer Konservatorium und gewann zwischen 1966 und 1969 drei bedeutende internationale Klavierwettbewerbe. Seine Einspielungen der Werke von Johannes Brahms und Franz Schubert sind als Referenz für die Ewigkeit angelegt. Seine Zurückgenommenheit in Konzerten, selbst beim Applaus, waren Statements des Nur-nicht-auf­fallen-Wollens. Die Schlichtheit seines Spiels hatte indes nichts Manieristisches. Im Gegenteil legte sie den Kern – also die wahre Schönheit – der Musik frei, wunderbar zu hören etwa bei den Intermezzi von Brahms und Schuberts Sonaten. Nachdem der Künstler schon jahrelang auf CD-Aufnahmen verzichtet hatte und keine Interviews mehr gab, zog er sich Mitte 2019 auch aus dem Konzertleben zurück. Radu Lupu starb am 17. April in Lausanne.

tso
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