Margarete Stokowski

Warum gibt es überhaupt Lotto? Räudiger Auswuchs des Kapitalismus

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Letzte Woche gewann eine Frau 42,2 Millionen Euro im Lotto. Schön für sie. Aber es ist wahrscheinlicher, dabei arm zu werden als reich. Warum unterstützt der Staat so etwas?
Lottokugeln

Lottokugeln

Foto: DLTB / obs

Haben Sie sich mitgefreut letzte Woche, als verkündet wurde, dass eine Frau aus Baden-Württemberg rund 42,5 Millionen Euro im Lotto gewonnen hat? Haben Sie sich gefragt, was Sie wohl mit so einem Gewinn machen würden? Kann man machen. Man kann aber auch mal fragen: Warum gibt es überhaupt Lotto? WTF & cui bono?

Nichts für ungut, Frau aus Baden-Württemberg, Glückwunsch, ich gönne allen Lottospielenden ihre Gewinne. Allzu großherzig muss man dazu nicht sein, denn so viele Leute werden durch Lotto nicht reich. Es ist wahrscheinlicher, durch Lotto arm zu werden als reich. Leute, die regelmäßig Lotto spielen - knapp 7,3 Millionen Deutsche  - werden oft dafür belächelt, manchmal auch für ihren naiven Optimismus bewundert. Wenn es denn überhaupt rauskommt, dass sie spielen. Denn Lotto wird als kulturelles und politisches Phänomen relativ selten betrachtet, was eigenartig ist, weil es immerhin ein staatlich unterstütztes Spiel ist: Der Staat regelt das Lotteriemonopol, entsendet Beamte zu den Ziehungen, verdient an den Einsätzen.

Räudiger Auswuchs des Kapitalismus

Man könnte natürlich sagen: Ist doch cool, dass das staatlich überwacht wird, sonst würden die Leute sich bei dubiosen Darknet-Anbietern abzocken lassen. Ja, cool, so wie es jetzt läuft, werden sie einfach vom Staat abgezockt. Von einem Staat, der vorschreibt, dass Glücksspielwerbung immer den Hinweis auf die Suchtgefahr enthalten muss - und gleichzeitig werden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Lottozahlen vorgetragen, ohne Hinweis auf die Suchtgefahr und stets in der Nähe von Nachrichten und Wetter, als würde es sich um gesellschaftlich relevante Informationen handeln und nicht um einen räudigen Auswuchs des Kapitalismus, der Menschen ärmer und kränker macht. 

Verschiedene Studien haben außerdem untersucht, welche Art der Umverteilung durch staatliche Lotteriemärkte stattfindet. Überraschung: keine gute.

Spielsucht ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die tödlich enden kann. In einer kanadischen Studie von 2007  kam heraus, dass Spielsüchtige statistisch gesehen 3,4-mal häufiger versuchen, Suizid zu begehen, als der Rest der Bevölkerung. Verschiedene Studien haben außerdem untersucht, welche Art der Umverteilung durch staatliche Lotteriemärkte stattfindet. Überraschung: keine gute. "Unsere Analyse zeigt, dass Lotterien eine Form der regressiven Besteuerung darstellen", heißt es in der Abhandlung "Wer spielt Lotto?" von 2008 . Regressive Besteuerung bedeutet: Je ärmer man ist, desto mehr zahlt man ein, oder auch: Umverteilung von unten nach oben.

Dazu könnte man natürlich sagen: Ja, dann muss man es halt in Maßen betreiben, man darf eben nicht mehr ausgeben, als man sich leisten kann und so weiter. Und außerdem wird von einem Teil der Einnahmen ja Charity betrieben. Das stimmt. Aber nicht mal ein Viertel der Einnahmen wird für wohltätige Zwecke  verwendet. Abgesehen davon, dass eine funktionierende Gesellschaft keine Charity bräuchte.

"Sie tun es doch freiwillig"

Aber die Leute tun es doch freiwillig, das wäre noch so ein Pro-Argument. Ja, klar. Wäre ja noch schöner, wenn nicht. Beziehungsweise: Ja, klar, außer die über 400.000 Menschen in Deutschland, die ein "pathologisches Spielverhalten"  haben, da ist das mit der Freiwilligkeit so eine Sache. Die Nichtsüchtigen spielen freiwillig, wobei allerdings "Freiwilligkeit" im Kapitalismus auch so eine Sache ist, wenn es darum geht, dass Leute völlig irrational Geld ausgeben. "Sie tun es doch freiwillig" ist immer ein mittelmäßiger Trick, durch Ideologien begründetes Verhalten wie gewählten Lifestyle aussehen zu lassen, um Kritik daran zu entwerten. Aber die Kritik wäre in diesem Fall bitter notwendig.  

Es kann sein, dass für manche Menschen die extrem geringe Wahrscheinlichkeit, durch Lotto reich zu werden, immer noch größer ist als die Wahrscheinlichkeit, durch Arbeit reich zu werden. Sicher ist aber, dass Lotto ein staatlich gefördertes System ist, das Menschen krank machen kann und Arme ärmer macht. Es ist eine pervertierte Variante des Charity-Gedankens, das Geld von denen zu nehmen, die verzweifelt genug sind, und es denen zu geben, die Glück haben.

Lotto schließt die Lücke, die unübersehbar zwischen dem "Jeder kann reich werden!" des kapitalistischen Versprechens und dem "Offensichtlich nicht" der Realität klafft: Jeder könnte, zumindest theoretisch, wenn er das Geld für einen Lottoschein ausgeben würde und Glück hätte. Wenn man das Lotteriesystem abschaffen würde, würde man den Leuten diese mikroskopisch kleine Chance nehmen. Aber man würde ihnen damit auch die Befreiung von einer Illusion schenken.