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BILDERFUNDE Rahmen für Rubens

aus DER SPIEGEL 38/1966

Das riecht nach Rubens«, witterte der Königliche Gemäldegutachter Oliver Millar im Speicher des Londoner Auktionshauses Christies. Inzwischen haben Spezialisten seine Wahrnehmung bestätigt: Das Gemälde »Das Urteil des Paris«, zunächst als eine Arbeit des englischen Kopisten Lankrink ausgegeben, ist ein echter Rubens. Es gilt als »Englands wichtigste Kunstentdeckung seit Jahren« ("New York Herald Tribune").

Der Superlativ hat Gewicht, denn in Großbritannien wie in anderen Ländern häufen sich in letzter Zeit die Wiederentdeckungen bedeutender Mal-Werke.

Allein 1964 kamen unbekannte oder verloren geglaubte Originale von Rembrandt, Veronese, Murillo, Watteau, Guardi und Manet zutage; 1965 wurden ein Raffael, ein del Sarto und mehrere Bilder von Pieter Brueghel und Goya entdeckt; 1966 tauchten Gemälde von Giovanni Bellini, Elsheimer und Gainsborough auf.

Das größte Aufsehen erregten jedoch zwei Porträts von Albrecht Dürer, die ein New Yorker Rechtsanwalt im Mai dieses Jahres aus seiner Sammlung hervorholte. Die Bilder, die 1945 dein

Großherzoglichen Museum in Weimar abhanden gekommen waren, will der Advokat »in gutem Glauben« 1946 von einem Unbekannten für 2000 Mark erstanden haben. Tatsächlicher Wert: vier Millionen Mark.

Im Gegensatz zu diesen lang vermißten Bildern, die überraschend an unvermutetem Ort auftauchten, wurden andere, wohlbekannte, aber gering eingeschätzte Gemälde erst neuerdings als Meisterwerke identifiziert:

- Im Januar 1965 wurden in der Ägyptischen Botschaft in London fünf vermeintliche Fresken als Tafelbilder Tiepolos erkannt. Geschätzter Wert: 2,8 Millionen Mark.

- Im November desselben Jahres versteigerte Christies ein erst kurz zuvor Frans Hals zugeschriebenes Männerbildnis - vermutlich ein Selbstporträt des niederländischen Künstlers-, das 1963 noch für 30 Mark gehandelt worden war. Versteigerungserlös 1965: 823 000 Mark.

- Im Februar 1966 entdeckte der Earl

of Bradford beim Staubwischen In seinem Schloß Weston Park ("Die Wände meines Speisesaals sind mit Bildern gepflastert wie ein Briefmarkenalbum mit Marken") vier signierte Van-Dyck-Gemälde. Wert: etwa eine Million Mark.

- Ebenfalls Im Februar 1966 erwies

sich ein Frauenporträt in Prag, angeblich die Kopie eines Tizian im Pariser Louvre, beim Röntgen als eine vom Meister selbst gemalte Variante. Wert des Bildes, das daraufhin aus dem Vorzimmer des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Novotny in die Hradschin-Galerie umgehängt wurde: etwa eine Million Mark.

Ebenso hoch wird das »Urteil des Paris« taxiert, das die Eigentümerin, Eva Savage, 82, am 25. November bei Christies versteigern läßt. Doch die rivalisierenden Museumsdirektoren und Privatsammler, so vermutet die »Sunday Times«, »könnten den Preis noch viel höher treiben«.

Den kostbaren Rubens hat Eva Savage unlängst von ihrem verstorbenen Mann geerbt, der ihn vor 33 Jahren in York im Tauschhandel erstand. Tauschobjekt: ein paar vergoldete Bilderrahmen.

Rubens-Bild »Urteil des Paris« (Ausschnitt)

Schatz im Speicher

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