Zur Ausgabe
Artikel 76 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KARUSSELLS Rasendes Vergnügen

Von der »Wilden Maus« zum »Hully Gully« - ein Münchner Museumsmann untersuchte die Geschichte der »Carrousels« und anderer Rummelplatz-»Fahrgeschäfte«. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

In seinem Testament hatte der über siebzigjährige amerikanische Flugzeugfabrikant McLean sein gesamtes Vermögen einem Fonds vermacht. Die Erträge der Stiftung sollten nach dem Willen McLeans alljährlich solchen Karussell-Unternehmern zugute kommen,

die sich verpflichteten, dieser Tätigkeit bis an ihr Lebensende nachzugehen. McLeans Erben ließen den Erblasser für verrückt, seinen Letzten Willen für ungültig erklären.

Karussells, so hatte die Begründung des skurrilen Industriellen gelautet, seien die »einzige Erfindung« der Menschheit, die eine »Maschine in den Dienst des Lebens und der Seele« stelle. Mit geradezu lächerlichen Antriebskräften und einer nur wenige Quadratmeter umfassenden Kreisbewegung seien sie nicht nur imstande, »uns das Kreisen des Erdballs im Weltenraum« empfinden zu lassen, sie schenkten auch »eine solche Heiterkeit des Herzen«, wie sie »sonst einzig dem fast traumhaften Erstaunen von Kindern« zugänglich sei.

Es muß was dran sein an McLeans These. Russische Chronisten berichteten beispielsweise, kindliche Ausgelassenheit habe Zar Peter den Großen 1711 bei einem höfischen Fest in Dresden ergriffen, als er sich auf einem Karussell amüsierte. »Geschwinder, geschwinder«, habe er dabei gerufen und sich vor Lachen ausgeschüttet, »als in Folge der schnellen Drehung einige seiner Begleiter herunterfielen«.

Manch verbiesterter Kritiker betrachtete die ersten entrückenden Taumel der Kinder aus dem einfachen Volk hingegen mit scheelen Augen. »Es ist in der That ein schrecklicher Anblick«, hieß es 1791 im »Baierischen Landbot«, »wenn zwanzig bis dreyßig halbrauschige Kinder in beständigem Zirkel fünf Minuten lang gedreht werden ... und wenn diesem Schauspiel die Eltern Beyfall lächelnd zusehen.«

Nach dem Aufkommen der Schiffschaukeln wurde die Aufstellung dieser für Zuschauer und Insassen gleichermaßen vergnüglichen Luftboote vielerorts sogar verboten - nicht nur wegen mangelnder Sicherheit. So verkündete die Königliche Polizei-Direktion München für das Oktoberfest 1889, daß »so genannte Schiffschaukeln aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Sittlichkeit dahier nicht mehr zugelassen werden«.

Mit wissenschaftlicher Akribie hat Florian Dering, als Leiter der Abteilung Schaustellerei im Münchner Stadtmuseum an der Quelle solcher Histörchen sitzend, eine Geschichte der »Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäfte« vom »achtzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart« verfaßt. _(Florian Dering: »Volksbelustigungen«. ) _(Greno Verlagsgesellschaft m.b.H., ) _(Nördlingen; 248 Sei ten; 58 Mark. )

Dering hat keine Gefahr gescheut, er erprobte selber die tollkühnsten Rummelangebote.

Bei seiner ersten Spiralfahrt im »Korkenzieher«, er war gut abgesichert durch gepolsterte Bügel über beiden Schultern, erwies sich sein »banges Vorgefühl« beim Anstehen allerdings als einziger Nervenkitzel. Richtige Angst dagegen jagte ihm die »Wilde Maus« ein, eine achterbahnähnliche Teufelskutsche aus den dreißiger Jahren: »Bei jeder Kurve dachte ich, aus dem Wagen geschleudert zu werden.«

Das rasende Vergnügen, das letzten Monat mit einer auf dem »Cannstatter Wasen«-Volksfest erstmals vorgestellten 1100 Meter langen, 75 Meter hohen Vierfach-Looping-Bahn namens »Thriller« einen neuen Höhepunkt erreichte, eroberte erst in den letzten hundert Jahren die Rummelplätze.

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hatten noch Seiltänzer und Jongleure, Athleten, die Eisen biegen konnten, Taschenspieler und Zauberer, Degen- und Feuerschlucker, Haarmenschen und Bartfrauen, Puppenspieler und Bänkelsänger die Jahrmärkte beherrscht. Die Idee der kreisenden Volksbelustigung entstammte wahrscheinlich einem Zeitvertreib des Adels. Zunächst ein Reiterspiel mit Ringstechen und Zielübungen, wurde »Carousselreiten« um 1700 mit hölzernen Pferden auf ein drehbares Holzkreuz gesetzt. Ende des 18. Jahrhunderts waren Karussells, einfache Schaukeln und, als Vorläufer des Riesenrads, »Russische Schaukeln« schon in ganz Deutschland verbreitet.

Pferde und Kutschen, Stühle und Tierfiguren drehten sich nun im Kreis. Die Damen saßen in Schwänen, die Herren auf schlangenförmigen Ungeheuern. Während die Schaukeln im 19. Jahrhundert es auch älteren Jahrgängen ermöglichten, so Dering, »auf ungefährliche Weise die Erfahrung einer Schiffahrt zu machen«, ergriff die Rutsch- und Achterbahn-Euphorie, ausgehend von Rußland, wohl eher die Wagemutigen in ganz Europa.

Die erste Blütezeit des deutschen Schaustellergewerbes begann um 1880. Die thüringische Karussellindustrie fertigte Pferdchen, Prachtelefanten und Ziegenböcke. Dekorationen in »Neo-Barock« und komplette Karussells, Riesenräder, Schiffschaukeln. Der Schwarzwaldort Waldkirch lieferte Drehorgeln für die milieugerechte Geräuschkulisse zum Jahrmarktstreiben.

Hugo Haase, Schausteller und Karussellfabrikant, stieg damals zum »Karussellkönig« empor. Er haute später eine der ersten deutschen Berg-und-Tal-Bahnen und nutzte als erster die elektrische Energie für den Antrieb von Karussells, die bis dahin (oft unterirdisch) von Menschenhand angeschoben oder von Pferden gezogen worden waren.

Haases »Grand Carrousel Noblesse« war ein pompöser Rundbau hinter prächtiger Fassade mit einer Stufenbahn

als Mittelpunkt - drei abgestuften Podien, die sich unterschiedlich schnell drehten. Auf einem Umgang konnten Zuschauer Platz nehmen, über 3000 Glühbirnen erleuchteten Gemälde, Schnitzereien und Facettenspiegel. An einem Buffet gab es Getränke, eine Orgel sorgte für musikalische Untermalung. Hier konnten sich Besucher für 20 Pfennig Eintritt »in einem Rahmen amüsieren, der die alltäglichen Möglichkeiten an Prächtigkeit weit übertraf«.

Zwischen den Weltkriegen nahm die Schaustellerfirma Schippers & van der Ville den ersten Rang ein. In eigener Fabrik wurden immer aufwendigere Anlagen gebaut: Achter- und Gebirgsbahnen, die Tunnel-, Raupen- und Zugspitzbahn, schließlich die Kettenflieger wurden zum Exportschlager.

Dann, in den Petticoat-swingenden fünfziger Jahren, nahmen die Ingenieure noch Pneumatik und Hydraulik mit hinzu, um die Insassen in technischen Supermaschinen wie »Hurricane«, »Hully Gully« oder »Titan« bei rasender Geschwindigkeit in kitzelnde Dreh-, Hub- und Schleuderbewegungen zu versetzen.

Für die Fahrt in den Konstruktionen der achtziger Jahre - etwa dem in Cannstatt vorgestellten und seit Ende letzter Woche auch auf dem »Hamburger Dom«-Rummel aufgebauten »Thriller« - ist fast schon Astronautentauglichkeit vorgeschrieben. Wer die vier Loopings gesund überstehen wolle, der muß, wie Eberhard Leopold von der Hamburger Wirtschaftsbehörde erklärte, »sich psychisch und physisch topfit fühlen«.

Die Illusionsindustrie war auch mit ihren Rummelplatzangeboten der Realität immer dicht auf den Fersen: Seit 1835, dem Geburtsjahr der deutschen Eisenbahn, zogen Lokomotiven kleine Wagen. 1904 tauchten Unterseeboote und Automobile auf. Flugzeuge drehten seit 1911 ihre Runden. Beim »Zeppelin« fuhren 1930 vier Luftschiffattrappen um einen riesigen Globus, die erste »Raketenfahrt zum Mond« fand auf dem Rummelplatz 1936 statt, mehr als drei Jahrzehnte vor der ersten Mondlandung.

Rund 5000 Schaustellerbetriebe ziehen noch von Volksfest zu Volksfest, ein knappes Drittel davon »Fahrgeschäfte«. Mehr als eine Milliarde Mark geben die Westdeutschen alljährlich auf den etwa 6000 Rummelplätzen aus - zunehmend auch für Nostalgisches.

So raste auf der Frankfurter Dippemess'' in diesem Herbst die wiedererstandene Uralt-Achterbahn »Wilde Maus«, die den Museumsmann Dering so geängstigt hat, über Hubbel und Kurven.

»Kopfbedeckungen sind nicht gestattet«, warnte die »Frankfurter Rundschau«, »sie fliegen einfach weg.«

Florian Dering: »Volksbelustigungen«. Greno Verlagsgesellschaftm.b.H., Nördlingen; 248 Sei ten; 58 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.