Margarete Stokowski

Rassismus als Kreislauf War da jemand?

Rassismus wirkt auch ohne "böse Absicht" - wie im Fall der aus einem Foto entfernten ugandischen Aktivistin Vanessa Nakate. Ein alter Trick.
Foto:

Markus Schreiber/ AP

"Es ist – mehr denn je zuvor – unser Job, Nachrichten genau und ehrlich zu vermelden", heißt es auf der Website  der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Seit über 150 Jahren hätten die Männer und Frauen von AP "das Privileg, Wahrheit in die Welt zu bringen". Das liest sich leider fast schon satirisch, wenn man weiß, dass da vor ein paar Tagen etwas ziemlich schiefgelaufen ist in puncto Genauigkeit, Wahrheit und Privilegien: Die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate wurde aus einem Foto ausgeschnitten, auf dem sie neben vier weißen Aktivistinnen in Davos stand.

Man könnte es dabei belassen, das Ganze als einen peinlichen Fehler zu sehen, der einem Fotografen in der Hektik der Tagung von Davos eben nun mal passiert ist. Man könnte davon ausgehen, dass es nur Zufall war, dass aus einer Gruppe von fünf jungen Frauen ausgerechnet die einzige schwarze Frau abgeschnitten wurde. Man müsste dazu nur sehr viel von der Menschheitsgeschichte ignorieren.

Angeblich fand der Fotograf, der das Bild zuschnitt, das Gebäude hinter Nakate störend, und schnitt damit auch die Aktivistin aus "rein kompositorischen Gründen" ab. Fehler können passieren, aber manche Fehler sind unangenehmer und bedeutsamer als andere. Wer eine schwarze Frau von einer Gruppe weißer Frauen wegschneidet, sollte sich vorher überlegen, ob hier nicht vielleicht die Vollständigkeit der Gruppe über seine ästhetische Ablehnung gegen Gebäude in Hintergründen geht – und ob die betroffene Frau es nicht womöglich am Ende mitbekommt, wenn man sie wegschneidet. Sie bekam es mit und schrieb auf Twitter: "Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht, ihr habt einen Kontinent gelöscht. Aber ich bin stärker als je zuvor."

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Rassismus funktioniert nicht immer so, dass man sagt: "Diese Gruppe von Menschen ist weniger wert." Meistens funktioniert er subtiler. Rassismus kann auch darin bestehen, dass man einfach die Existenz oder Individualität bestimmter Menschen "übersieht" oder "vergisst". Man muss dabei gar keine bösen Absichten haben. Wenn man Kindern beibringt, dass der beigefarbene Stift "Hautfarbe" heißt, oder wenn man als weiße Person mit People of Color prinzipiell ein bisschen langsamer und deutlicher spricht, weil man denkt, sie könnten nicht gut Deutsch. Oder wenn man sagt, man könnte schwarze Männer oder Asiatinnen eh nicht auseinanderhalten, weil "die" alle gleich aussehen. Alles vielleicht nicht böse gemeint, aber alles rassistisch. Oder wenn man immer noch behauptet, Kolumbus hätte Amerika "entdeckt" – obwohl da vorher schon Menschen gelebt haben.

"Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse", haben zwei schlaue Männer mal geschrieben. Weiße wären gern "Entdecker" von "neuen" Kontinenten (oder noch verrückter: wenn sie "fremde Kulturen entdecken"), sie wären gern individueller als Schwarze, fortschrittlicher, intelligenter und gebildeter – und sie haben lange Zeit versucht, es mithilfe von vermeintlicher Wissenschaft so aussehen zu lassen, als stimme das. Sie versuchen es immer noch, manchmal auch nur mit Stammtischsprüchen.

In Klimafragen wird Afrika von RassistInnen gern als besonders rückständig dargestellt. Es ist nicht so lange her, dass in Deutschland der Fußballfunktionär und Fleischproduzent Clemens Tönnies vorschlug, man solle zu Klimaschutzzwecken in Afrika ein paar Kraftwerke bauen, denn "dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Es wäre allerdings eine ziemlich neue Wendung, wenn herauskäme, dass in Afrika gefällte Bäume der Hauptgrund für die Klimakrise sind. Zu Afrikas Rolle in der Klimakrise sagte die Aktivistin Nakate später in einem Video auf Twitter: "Afrika ist der geringste Verursacher von Kohlendioxid, aber wir sind am stärksten von der Klimakrise betroffen. Wenn ihr unsere Stimmen auslöscht, ändert das nichts. Wenn ihr unsere Geschichten auslöscht, ändert das nichts."

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Wenn schwarze Aktivistinnen aus der Berichterstattung ausgelassen werden, dann ändert das leider doch etwas, weil sie sich dann mit dieser Auslassung beschäftigen müssen und dagegen kämpfen, statt ihre eigentliche Arbeit zu machen. "Gerade bin ich sehr müde", sagte Nakate im SPIEGEL-Interview. Seit der Sache mit dem Foto sei überall ihr Name zu lesen, sie bekomme Hunderte Mails. "Es strengt mich an und ich weiß noch nicht, wie ich damit am besten umgehen kann. So kenne ich mein Leben nicht." In dem Video, in dem sie über den Vorfall spricht, ringt sie einen Großteil der Zeit um Worte und muss immer wieder weinen. Wahrscheinlich hätte sie eigentlich etwas anderes vorgehabt in den Tagen nach Davos. 

"Die sehr ernste Funktion von Rassismus ist Ablenkung", hat Toni Morrison einmal gesagt. "Er hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Er lässt dich immer und immer wieder erklären, warum du da bist. Jemand sagt, du hast keine Sprache, also verbringst du 20 Jahre damit, zu beweisen, dass du eine hast. Jemand sagt, dein Kopf ist nicht richtig geformt, also forschen WissenschaftlerInnen über die Tatsache, dass er es ist. (...) Nichts davon ist notwendig. Es wird immer noch eine weitere Sache geben."

Dass bestimmte Gruppen von Menschen erst aktiv unterdrückt werden und es dann für einige so wirkt, als hätten sie zur Geschichte nichts beizutragen gehabt, ist nichts Neues. Der Journalist Malcolm Ohanwe schrieb dazu neulich auf Twitter: "Weiße schlachten schwarze Menschen ab, löschen ihre Schriften, Sprachen, Kulturen aus, zwängen ihre eigenen auf, verbieten ihnen zur Schule zu gehen, versklaven, entmenschlichen sie, dann drehen sie sich um und fragen: 'Was könnt ihr eigentlich? Wie viele farbige Nobelpreisträger gibt’s?'"

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Das ist nicht nur im Fall von Rassismus so, es gilt im Grunde für jede gesellschaftlich diskriminierte Gruppe: Erst wird sie mit Gewalt unterdrückt, dann wird behauptet, sie bringe ja eh nichts zustande – ein Teufelskreis.

Und im Übrigen ein alter Trick männlicher Genies. Gustav Mahler zwang seine Frau Alma dazu, mit dem Komponieren aufzuhören, als sie heirateten: "Aber daß Du so werden mußt, wie ich es brauche, wenn wir glücklich werden sollen, mein Eheweib und nicht mein College – das ist sicher!" Heute gibt es immer noch Menschen, die behaupten, Komponieren sei eher was für Männer. Und männliche Literaturkritiker empfehlen ihre von männlichen Verlegern gepushten männlichen Lieblingsschriftsteller und wundern sich dann alle paar Jahre (mit Glück), wo eigentlich die Frauen sind: Ja, wo bleiben sie denn?

Eine andere Variante dieses Tricks ist es, zu behaupten, die unterdrückte Gruppe sei "jetzt plötzlich überall", und es sei ein "Trend" dazuzugehören: So wie heute oft von Rechten und Rechtsextremen behauptet wird, Lesben und Schwule würden Kinder "frühsexualisieren" und homosexuell machen (als wenn das ginge) oder Kindern werde eine Transgeschlechtlichkeit eingeredet (als wenn das ginge). Dabei gab es immer schon Menschen, die lesbisch, schwul, trans waren. Sie waren nur weniger sichtbar, weil sie noch härter bekämpft wurden.

Im Fall der Klimaaktivistin Vanessa Nakate allerdings hat der Versuch, sie auszuschneiden, zum völligen Gegenteil geführt: Viele internationale Medien berichteten über das abgeschnittene Foto, der "Guardian", "BBC", "CNN". Nakate hat Zehntausende neuer Follower auf Twitter dazubekommen und Wikipedia-Artikel in sechs Sprachen. Die Chefredakteurin von AP entschuldigte sich nach einigen Tagen: Es sei ein Fehler gewesen, Nakate aus dem Foto auszuschneiden und sie damit verstummen zu lassen. Als Sondervariante des Streisand-Effekts könnte damit der Nakate-Effekt bekannt werden: Der Versuch, eine schwarze Frau aus einem Foto zu schneiden, macht sie weltberühmt.

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