Rassismusdebatte an Bühnen 1400 Theaterschaffende fordern Respekt
Rassismusvorwürfe erschüttern seit Wochen das Düsseldorfer Schauspielhaus. In einem Gastbeitrag in der »FAZ« mit der Überschrift »In den Schützengräben der Verletzbarkeit« hatte der Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie, Bernd Stegemann, am Freitag seine Sicht dazu kundgetan – und damit den Ärger und das Unverständnis zahlreicher Künstlerinnen und Künstler auf sich gezogen. Sie reagierten nun mit einer öffentlichen Erwiderung. Das Schreiben wurde verfasst von dem Schauspieler Mehmet Ateşçi, der Regisseurin Angela Richter, dem Professor für Theatermanagement Thomas Schmidt, der Schauspielerin Laura Sundermann sowie der Dramaturgin Sabrina Zwach. Unterschrieben haben es insgesamt 1400 Theaterschaffende.
Stegemann hatte in der »FAZ« die Rassismusvorwürfe des Schauspielers Ron Iyamu kritisiert und Partei für das Haus sowie dessen Akteure ergriffen. Iyamu, seit 2019 Ensemblemitglied, hatte im März »rassistische und sexistische Strukturen« an seinem Arbeitsplatz beklagt: »Sie äußern sich in Besetzungen, Beleidigungen und einer Kultur des Schweigens.« Weil ihm zwar immer wieder versprochen worden sei, darüber zu reden, aber nichts passiert sei, sei er nun an die Öffentlichkeit gegangen: »Es geht mir dabei nicht darum, einen Shitstorm heraufzubeschwören. Es geht mir darum, dem Düsseldorfer Schauspielhaus zu zeigen, dass Rassismus keine Empfindlichkeit ist, die so hingenommen werden kann.«
Konkret warf Iyamu Intendant Wilfried Schulz vor, im Schauspielhaus Regisseure arbeiten zu lassen, von denen »rassistische und sexistische Sprüche« bekannt seien. Später hatten 22 Schwarze Künstlerinnen und Künstler in einem offenen Brief u.a. an die Kulturministerin von Nordrhein-Westfalen (NRW) eine »vom Schauspielhaus unabhängige, selbstorganisierte Freie Bühne als aktive Möglichkeit, uns dem institutionellen Rassismus zu entziehen« gefordert.
— Dr. Natasha A. Kelly (@natashaakelly) March 30, 2021
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Stegemann griff in seinem Gastbeitrag für die »FAZ« nun Iyamus Vorwürfe auf, erklärte etwa, die Ansprache »Sklave« sei nicht ungewöhnlich, würden doch auch jene Schauspieler, die Hamlet oder die Narren spielten, häufig mit ihren Rollennamen gerufen. Eine völlig unzureichende Erklärung, heißt es nun unter anderem in der Erwiderung der 1400. Einen Schwarzen Mann »Sklave« zu rufen, sei »in keinem Kontext angemessen«. Und weiter: »Es ist eine rassistische Grenzüberschreitung, mit der aus Freiräumen Räume der verbalen Gewalt werden.« Die Verfasserinnen und Verfasser des Briefs fordern Respekt und bieten Stegemann an, mit Betroffenen über das Thema Rassismus und Machtmissbrauch am Theater zu diskutieren.
Das Haus habe das Ausmaß an Verletzungen falsch eingeschätzt
Schauspielhaus-Intendant Schulz und das Düsseldorfer Leitungsteam hatten sich nach der Veröffentlichung von Iyamus Vorwürfen in einer ebenfalls öffentlichen Stellungnahme bei Iyamu entschuldigt: »Wir bedauern sehr, dass wir den Vorfällen nicht konsequenter begegnet sind. Das war ein Fehler.« Das Haus habe die persönliche Betroffenheit Iyamus, das Ausmaß der Verletzungen und vor allen Dingen die Aufarbeitung falsch eingeschätzt. Das Schauspielhaus engagiere sich seit vielen Jahren gegen Rassismus, es gebe einen Diversity-Beauftragten und Anti-Rassismus-Fortbildungen. Die Vorfälle zeigten aber eindeutig, »dass wir noch sehr viel mehr an unseren internen Strukturen arbeiten müssen, um Missstände zu erkennen und zu beseitigen (...)«.