Danina Esau

Rassismusvorwürfe gegen Enid Blyton Kinderbücher wurden schon immer aufgeräumt

Danina Esau
Ein Einwurf von Danina Esau
Sind Kinderbücher wie die »Fünf Freunde« rassistisch und sexistisch? Ja. Darf man sie deshalb nicht mehr lesen? Doch.
Mit über 600 Millionen verkauften Büchern ist Enid Blyton eine der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen.

Mit über 600 Millionen verkauften Büchern ist Enid Blyton eine der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen.

Foto: George Konig / Getty Images

Anne hat sich entschieden, ihre vier Freunde George, Julien, Dick und Timmy allein losziehen zu lassen. Immerhin hat sie Tante Fanny versprochen, mit ihr Marmelade zu kochen. Als Mädchen sagt man zu einer so einmaligen Chance natürlich nicht Nein – und verzichtet dafür auf einen Tag voller Abenteuer.

An diesem Ausschnitt aus der Kinderbuchreihe »Fünf Freunde« sind die Vornamen das geringste Problem. »Fanny« ist im britischen Englisch ein sehr vulgäres Wort für Vagina, im amerikanischen Englisch bedeutet es »Hintern«. Und wie man heutzutage »Dick« übersetzt, dürfte bekannt sein. 2006 wurden die Namen geändert, aus Tante Fanny wurde Tante Franny, und aus Dick wurde Rick. Auch das Vorurteil, Mädchen würden lieber zu Hause bleiben und bei der Hausarbeit helfen, gibt es in den upgedateten Versionen nicht mehr. Alle vier teilen sich jetzt die Hausarbeit , nur Hund Timmy bleibt verschont.

Die kleinen Änderungen sorgten schon damals für Aufregung. »In den Vierzigerjahren hieß doch niemand Rick!«, schrieb ein empörter Fan in ein Enid-Blyton-Forum . Jetzt, 15 Jahre später, wird das Thema wieder diskutiert. Dieses Mal geht es um einen aktualisierten Autoreneintrag auf der Website der Organisation Englisch Heritage. Blytons Arbeit sei wegen ihres »Rassismus, ihrer Fremdenfeindlichkeit und wegen ihres geringen literarischen Werts« schon zu Lebzeiten kritisiert worden, heißt es da. Blyton sei Opfer von politischer Korrektheit und Cancel Culture, entgegnen Kritiker der Kritik. Mitglieder der »Enid Blyton Society« argumentieren, dass ihre Geschichten im Kontext gelesen werden müssen.

Nostalgie macht reaktionär

Das ist in gewisser Weise verständlich. Nostalgie macht reaktionär, das wusste schon Walter Benjamin. Wir hängen an dem, was uns geformt hat. Mit den fünf Freunden haben wir spannende Fälle gelöst, mit Dolly ihr erstes Date verpatzt und mit Hanni und Nanni lustige Streiche gegen Mamsell geplant – wie kann etwas, was so viel Spaß gemacht hat, falsch sein? Nostalgische Erinnerungen machen es schwer, Blytons Bücher nach den Werten unserer heutigen Gesellschaft zu beurteilen.

Doch viele ihrer Ansichten passen nicht mehr in unsere Zeit. Im Mittelpunkt der Kritik steht ihre Geschichte »Little Black Doll« (Kleine schwarze Puppe), in der das Gesicht der Puppe vom Regen »rein« gewaschen wird. Erst dann will der Besitzer die Puppe wiederhaben. Auch in anderen Geschichten sind die Bösewichte oft schwarz oder kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Selbst der sonst so unschuldigen »Hanni und Nanni«-Serie kann Mobbing vorgeworfen werden. Immer gibt es ein Mädchen, das nicht reinpasst und als Außenseiterin ausgeschlossen wird: Erst ist es ihre uncoole Cousine Ellie, die sich für Mode und Glamour interessiert, dann ist es Spaßbremse Margret. Dieses Verhalten wird nicht kritisiert, sondern ermutigt.

Bücher werden aufgeräumt

Um Bücher zeitgemäß zu machen, werden sie aufgeräumt. Das ist nichts Neues und hat auch nichts mit Cancel Culture zu tun. In der ersten Version von »Charlie und die Schokoladenfabrik« kommen die Oompa-Loompas als Sklaven aus dem tiefsten und dunkelsten Teil des afrikanischen Dschungels, in den Illustrationen sind sie schwarz. Roald Dahl zeigte sich damals einsichtig und veränderte das Aussehen und die Herkunft seiner Figuren selbst. Aus Pippi Langstrumpfs »Negerkönig« wurde 2009 der »Südseekönig«. Und auch Dr. Seuss hat in seinen Büchern immer wieder Details verändert , die nicht mehr so ganz in die Zeit passen wollten. Viele werden die Originalversionen ihrer liebsten Kinderbücher nie gelesen haben. Hat sich das aufs Leseerlebnis ausgewirkt? Wohl kaum. Dass sich unsere Wahrnehmung für das, was wir als angemessene Kinderliteratur empfinden, verändert, zeigen deutsche Märchen wohl am besten. Die Originale waren blutrünstig und grausam, sie eignen sich nicht mehr als Gute-Nacht-Geschichten. Da lesen wir lieber die abgeschwächten, harmlosen Versionen. Gecancelt sind sie deshalb noch lange nicht.

Blyton hätte die Geschichten heute womöglich anders geschrieben. Es ist falsch, sie für ein Gedankengut zu verurteilen, das damals akzeptiert war. Aber genauso wenig muss dieses Gedankengut für immer fortbestehen und in Büchern festgehalten werden. Aus heutiger Sicht sind viele ihrer Ansichten sexistisch und rassistisch, das darf man kritisieren.

Glücklicherweise gibt es heute eine riesige Auswahl an Kinderbüchern, die divers, vielfältig und inklusiv sind. Und auch Blyton-Bücher taugen heute noch: Man kann die Geschichten nutzen, um mit Kindern über Rassismus, Sexismus und Mobbing zu sprechen. Dann werden sie im Kontext gelesen, und zwar in unserem heutigen.

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