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Pop Rausch im Supermarkt

Sie geben sich als intellektuelle Eierköpfe, und doch gelten die Helden der US-Band Pavement als große Hoffnung des Rock'n'Roll.
aus DER SPIEGEL 17/1995

An guten Tagen spielt Stephen Malkmus gern den Mode- und Lebensberater. Dann schreibt er Songs, deren Titel dazu angetan sind, orientierungsbedürftigen jungen Menschen den Weg zu weisen: »Cut Your Hair« zum Beispiel war im letzten Jahr ein wuchtiger, auch im Musikkanal MTV ausgiebig gespielter Hit - und zugleich die grimmige Aufforderung an alle langhaarigen Holzfällerhemdträger zwischen Seattle und Stuttgart, sich zusammenzureißen: Endlich sollte Schluß sein mit Slacker-Melancholie und Grunge-Depression.

Nun schlägt Malkmus, 27 und als Kopf der US-Band Pavement mittlerweile ein echter Popstar, noch kämpferischere Töne an: »Fight This Generation« heißt eine Nummer auf der gerade erschienenen jüngsten Pavement-Platte »Wowee Zowee«, und auch wenn Malkmus den Text seines Songs derart dahinnuschelt, daß nicht so genau zu verstehen ist, gegen welche Generation es eigentlich loszuschlagen gilt, machen harte Gitarrenriffs und schroffe Rhythmusbrüche die Botschaft klar: Die Weinerlichkeit ist aufgebraucht, es kommt eine - hoffentlich - bessere Zeit.

Manchmal allerdings erwischt Malkmus, den Kritiker amerikanischer, deutscher und französischer Musikblätter gern als »Zukunft des Rock'n'Roll« feiern, einen schlechten Tag. So wie an diesem regnerischen Morgen in einer Hamburger Hotellobby, wo er ziemlich mürrisch und mit einer strengen Studentenbrille im Milchgesicht vor einem Orangensaft sitzt und widerwillig Auskunft gibt über seinen frischen Ruhm: »Uns geht es um Musik, Mann!« schnauzt er, »und die Kerle von der Presse reden immer nur vom Erfolg.«

Malkmus, im kalifornischen Stockton aufgewachsen und neuerdings an Amerikas Ostküste zu Hause, gefällt sich in der Rolle des gebildeten Tüftlers und Sound-Archäologen, und deshalb kramt er nun minutenlang in einer zerschlissenen Umhängetasche und fördert eine Platte der deutschen Band Popol Vuh aus dem Jahr 1971 hervor. »Unglaublich schöne, unglaublich seltsame Musik«, schwärmt er.

Nicht ihr Sinn fürs Obskure, sondern das Gespür für die richtige Haltung im richtigen Augenblick haben Malkmus und seine vier Pavement-Kumpane zu Idolen des Independent-Rock gemacht. Vor dem Hintergrund schleppender, immerzu auf maximale Reduktion bedachter und oft wunderbar melodischer Arrangements erzählen Pavement vom Stilwirrwarr und den Sehnsüchten dieser Tage - und kleiden ihre freundliche Verachtung fürs Musikgeschäft in sarkastische Texte. »There is no castration fear«, verkündet Sänger Malkmus mit gelangweilter Stimme gleich in der ersten Songzeile des neuen Albums - auch in der Erfolgsmühle des Musikgeschäfts fürchtet der Mann nicht um seine künstlerische Potenz.

Dieser Gestus des souveränen Auftrumpfens und der milden Arroganz ist es, der den Rezensenten der Fachwelt imponiert. Allein Pavement sei die Erfüllung der anerkannt monströsen Aufgabe zuzutrauen, »den Rock vor der endgültigen Verblödung zu retten«, behauptet etwa die Berliner taz. Und das US-Fachblatt Spin ließ angesichts der »jungenhaften Charmebolzen«, die sich da anschickten, »den heiligen Gral der Rockmusik zu stürmen«, alle kritischen Bedenken fahren: »Vielleicht ist das ja gar keine so blöde Idee.«

Malkmus selbst sind solche Errettungs- und Eroberungsphantasien reichlich fremd. »Mein Gott, ich weiß überhaupt nicht, was in diese Burschen gefahren ist«, kommentiert er die Lobhudel-Poesie vieler Musikjournalisten, die sich durch die Pavement-Klänge zu absurden Vergleichen mit den Beatles oder den Kinks, mit besten Platten von R.E.M. oder Creedence Clearwater Revival animiert fühlen. »Unsere Musik soll vor allem Spaß machen«, sagt er, »und schon deshalb sind wir wie tausend andere Bands.«

Derlei verschlurftes Understatement zeichnet auch die besten Pavement-Songs aus: Ein scheinbar desinteressiertes, müdes Herumlungern in den Ruinen der Rockgeschichte, das sich, so der erste Eindruck, weder um die staunenswerte Verführungskraft der eigenen Melodiefunde noch um die Bedeutung der meist lässig hingeworfenen Textbrocken schert - tatsächlich aber sind die Pavement-Musiker Virtuosen, die mit vorbildlicher Detailwut die Idee des perfekten Popsongs verfolgen.

Es gebe so verdammt viele verbrauchte Wahrheiten, seufzt Stephen Malkmus in seinen im CD-Booklet abgedruckten Notizen zu »Wowee Zowee«, und mit all diesen Wahrheiten gehe es ihm »wie mit Versen, die man irgendwoher geklaut hat - du weißt, sie werden dir niemals weiterhelfen«.

Könnte sein, daß eben diese Skepsis, für die der Sänger mitunter als übler Zyniker beschimpft wird - er selbst spricht lieber von der »Unfähigkeit, an irgendwas zu glauben« -, das Provozierende an Pavement ausmacht: Nicht um die Definition irgendwelcher generationseinenden Lebensziele geht es Malkmus und seinen Gefährten, sondern um die Formulierung von Augenblicksdevisen, die schon einen Song später keine Gültigkeit mehr beanspruchen: Fünf intellektuelle Eierköpfe spielen Einkaufsrausch im Pop-Supermarkt.

Dabei verlieren sie gelegentlich die Orientierung. Live-Auftritte der Band geraten nicht selten zu kakophonischen Exzessen, bei denen die auf Platte sorgsam geordneten Songstrukturen in Richtung Chaos zerfasern. Im Juli sollen Pavement auf Konzerttour nach Deutschland kommen, Stephen Malkmus aber mag keine Besserung geloben: »Wir versuchen nun mal, in jedem Moment alles zu geben - und manchmal ist das ein bißchen zuviel.« Y

Augenblicksdevisen, die nur einen Song lang Gültigkeit beanspruchen

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