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Hochgebirge Rauschhaft vorwärts

Ehrgeizige Hochgebirgstouristen unterschätzen die Gefahren der Höhenkrankheit. »Gipfelgeilheit« treibt sie in den Tod.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Francis S. Smythe war ein Mann mit Sinn für Kameradschaft. Eigentlich wollte er den 8848 Meter hohen Mount Everest im Alleingang bezwingen, doch einen Bergsteiger, den er unverhofft am Steilhang traf, mochte er nicht abwimmeln. Und weil der Kollege keinen Proviant besaß, teilte Smythe sogar seine spärlichen Rationen mit ihm.

Den Gipfel erreichte der Brite nicht, und seinen angeblich so schlecht präparierten Begleiter bekam niemand zu Gesicht - der Mann war nur eine Halluzination. Smythe litt an der Höhenkrankheit, deren Symptome damals, Anfang der dreißiger Jahre, noch wenig bekannt waren: Schwindelgefühl und Kopfschmerzen, Wahnvorstellungen und gelegentlich zum Tode führende Hirn- und Lungenödeme.

Vor allem wenn Hobby-Kraxler die gewaltigen Höhenunterschiede zwischen ihrer flachen Heimat und dem hochalpinen Zielgebiet binnen Tagesfrist per Flugzeug überwinden, ist die Krankheit oft unausweichlich: Dennoch bieten die Reiseveranstalter, ärztlichen Warnungen zum Trotz, immer mehr Kurztouren in eisige Granitwelten an. Und die rekordversessene Kundschaft garantiert enorme Gewinne.

»Pro Saison sterben bis zu 20 Fremde an Hirn- und Lungenödemen«, berichtet Harka Gurung vom nepalesischen Ministerium für Tourismus, »Hunderte kommen nur mit knapper Not davon.« Viele Pauschalreisen sind von vornherein so geplant, daß für die Akklimatisierung keine Zeit bleibt. So organisiert der Münchner Veranstalter Studiosus Reisen eine Expedition nach Kaschmir, bei der es binnen vier Tagen mit Kleinbus und zu Fuß auf 4330 Meter geht. Dabei leiden schon ab einer Höhe von 2850 Metern, das zeigte eine Schweizer Untersuchung, neun Prozent der Bergsteiger an Schädelbrummen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Gleichgewichtsstörungen.

Auf 3050 Meter, knapp über dem Zugspitz-Level, steigt die Quote auf 13 Prozent, bei 3650 Meter auf ein Drittel, und ab 4559 Meter (immerhin vier Alpengipfel sind höher) werden mehr als die Hälfte der Touristen reif für die ärztliche Soforthilfe. Kreislauf und Atmung sind auf den niedrigen Luftdruck und die geringe Sauerstoffzufuhr nicht eingestellt.

Die Krankheit beginnt mit Atemnot und Erstickungsangst, das Gesicht wird aschgrau, und die Lippen färben sich bläulich. Wasser aus dem Blut sammelt sich in der Lunge, während die trockene Luft dem hechelnden Opfer gleichzeitig bis zu fünf Liter Flüssigkeit am Tag entzieht.

In diesem Stadium kann das Wasserdefizit selbst durch maßlosen Teekonsum nicht mehr ausgeglichen werden. Der Kranke verdurstet und ertrinkt zugleich. Die Therapie wäre denkbar einfach, ist jedoch aus Mangel an Helfern nicht immer zu haben: sofort zurück ins Tal.

Mit letzer Kraft schleppte sich die Stuttgarter Touristin Marianne Bauer von der Gipfelregion des 5119 Meter hohen Ruwenzori, an der Grenze zwischen Uganda und Zaire, über Geröllfelder talwärts. Ihr Bruder trug sie, als die Beine schon streikten, über eine Gegensteigung. In 3800 Metern Höhe brach Marianne Bauer zusammen. »Die nächste Nacht«, erinnert sie sich, »hätte ich fast nicht überlebt.«

Beste Vorbeugung gegen die Höhenkrankheit ist langsame Gewöhnung. Ab einem Niveau von 3000 Metern, so empfehlen Ärzte, sollte man höchstens 500 Meter am Tag aufsteigen und sich in 4000 Metern mindestens drei Tage lang an die dünne Luft gewöhnen. Doch die Realität sieht anders aus. Der gehetzte Tourist will in seinen knappen Urlaubstagen möglichst schnell zum Höhepunkt kommen.

Die Reiseveranstalter profitieren von der Gipfelmanie, Trips in prestigeträchtige Lagen boomen. Bei Preisen ab etwa 4000 Mark pro Person ist der Hochgebirgstourismus ein recht lukratives Geschäft. Für exklusive Touren muß der anspruchsvolle Bergsteiger bis zu 17 000 Mark hinlegen.

Etwa 10 000 Deutschen pro Jahr sind die Alpen nicht hoch genug - sie fliegen zum majestätischen Hindukusch oder in die karge Einsamkeit der südamerikanischen Bergketten. Allein in Nepal, so vermutet das Tourismus-Ministerium in Katmandu, wird sich demnächst die Zahl der Reisenden von 50 000 auf eine Million jährlich verzwanzigfachen. Für Bergsteiger, denen die dortigen Trecking-Pfade zu ausgetreten sind, werden schon Flüge von Katmandu ins benachbarte Lhasa (Tibet) angeboten - nonstop von 1340 Meter auf 3700 Meter.

Berüchtigt ist auch die Kilimandscharo-Besteigung, vom Münchner Spezialisten Afrika Tours zum Beispiel als Gewaltmarsch geplant. Innerhalb von drei Tagen steigen die Extrem-Touristen von 1840 Meter auf 4700 Meter Höhe, am vierten Tag verheißt das Programm die Besteigung des 5895 Meter hohen Gipfels. Regelmäßig zeigen zwei Drittel aller Kilimandscharo-Touristen Symptome der Höhenkrankheit - auch wenn sie, etwa als Kunden des Münchner Reiseservice Afrika, in den Genuß eines Ruhetages auf 3780 Metern Höhe kommen. Ein Tag ist zuwenig.

Kataloge weisen auf die Risiken nur versteckt hin. Beiläufig werden »ein guter Gesundheitszustand« und »allgemeine gute Kondition und Höhenverträglichkeit« gefordert. Doch gegen die tödliche Krankheitsgefahr nützt das nichts. So stellte Peter Bärtsch, Wissenschaftler an der Heidelberger Universitätsklinik, in einer Studie fest, daß Ausdauertraining bei mangelhaft akklimatisierten Bergsteigern weder vor akuter Höhenkrankheit noch vor Lungenödemen schützt.

Auch die Empfehlung, Medikamente einzupacken, ist irreführend. Denn eine Pille, die zuverlässig vorbeugt, gibt es nicht. Gegen leichte Kopfschmerzen hilft zwar Aspirin, doch der Warnschrei des Körpers wird damit nur erstickt.

Medikamente gegen lebensgefährliche Ödeme sind verschreibungspflichtig, ein neu entwickelter Luftsack mit Überdruck, in den der Höhenkranke gelegt werden kann, kostet rund 2000 Dollar. Wolfgang Schaffert, Expeditionsarzt aus dem bayerischen Siegsdorf, warnt: »Es gibt keinerlei Medikamente für die Anpassung, sondern nur für die Rettung aus tödlicher Gefahr.«

Appelle an die Vernunft werden indes spätestens dann vergessen, wenn die Bergspitze in Sichtweite ist. Da können selbst erfahrene Bergführer ihre Gruppen oft nicht mehr zurückhalten. Ein rauschhafter Vorwärtsdrang packe plötzlich die Kletterer, klagt Höhenarzt Schaffert: »Die sind so gipfelgeil, da brennt bei denen etwas durch.«

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