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Hans Detlev Becker über Robert Townsend: Hoch lebe die Organisation" RAUSSCHMEISSEN, DAS IST ES ...

Hans Detlev Becker, 49, war früher Chefredakteur und ist heute Verlagsmanager des SPIEGEL, in einer neuen »Management und Marketing Verlagsgesellschaft«, an der sich, der SPIEGEL-Verlag mit 51 Prozent beteiligt hat, will er ein »Magazin für Konjunktur und Management« herausbringen. -- Robert Chase Townsend, 50, ist Betriebswirt und war Praktiker des Hard-Selling im Dienstleistungsgewerbe (American Express, Avis. Rent-a-Car). Von Townsends Buch wurden in Amerika schon fast 400 000 Exemplare verkauft, in Deutschland steht es auf Platz 2 der Bestseller-Liste dieses SPIEGEL
aus DER SPIEGEL 44/1970

Mit der gnadenlosen Gesprächigkeit von Leuten, die Kommiß- und Pennalgeschichten erzählen ("Wir hatten eine, der ..."), kommt Townsend zwölf mal auf seine Zeit bei Avis-Rent-a-Car zu sprechen. Einunddreißig Avis. Erwähnungen bringen den Gedanken auf, ob es sich um hintersinnige Verkaufspublizität handelt, denn Adressaten einer Aphoristik des Managements sind auch Kader des Fly-and-Drive. Doch man weiß, auf seinem Grabstein noch möchte er geschrieben wissen, daß er keinen Tag für ITT, dde heutige Avis-Eignerin, hat arbeiten wollen (er hat etwas gegen Konglomerate mit kompliziertem Unified Management, man wird noch sehen warum).

Die vom Original abweichenden Über- und Untertitel der deutschen Ausgabe -- »Tips für Jedermann« und »Aus der Trickkiste eines Erfolgsmanagers« -- desorientieren in Richtung »Grüne Post« und »Goldmanns Taschenbücher«. Im Original liest sich das »The man who got everyone to Try Harder« und »How to stop the Corporaton from Stifling People aM Strangling* Profits« -- es läßt Persiflage, Kabarett, Karikatur ahnen,

Als Hof narren der Wirtschaft -- Peter Drucker ("Die Praxis des Ma-

* to stifle: erdrücken, ersticken; to strangle: erwürgen, erdrosseln.

nagement") gebraucht diesen Vergleich -- treffen Laurence J. Peter und C. Northcote Parkinson besser. Peter-Prinzip und Parkinsons Gesetz sind Systemgespinste, gesponnene Systeme mit der inneren Schlüssigkalt des Wahns. Ein Townsend-Syndrom zur Vermutung der Morbosität jeglicher geschäftlichen Organisation von heute in ihrem Status von gestern läßt sich hingegen nicht aufstellen. Townsend legt das Geständnis der Unfähigkeit zur Komplexion durch alphabetische Vereinzelung seiner Befunde -- von »Abnutzung« bis »Zuviel und zuwenig« -- selbst ab.

Gleichwohl hat er, und auch die amerikanische Originalausgabe Ist erst von 1970, Peter und Parkinson im modischen Impetus bereits übertroffen. Townsend kann man tragen wie karierten Tweed« man braucht dazu nur den alten Pfeffer-und-Salz-Kammgarn, nicht den alten Adam abzulegen.

Marketing-Modell hin und Operations Research her, Netzplantechnik und integriertes Informationssystem, Spieltheorie und Entscheidungsgitter, Sophistik wie »Management by whose objectives?« -- was soll"s einem gestandenen Boß, dem schließlich keiner zu erzählen braucht, wie man ...

Rausschmeißen und zum Teufel jagen, das ist es, was den Boß ausmacht, und rausgeschmissen werden nach Townsend die Personalabteilung, die Einkaufsabteilung, die Werbeabteilung, die PR-Abteilung und alle Spesen-Mogler; zum Teufel gejagt wird die Werbeagentur; abgeschafft werden die persönlichen Assistenten, auf Trab gebracht die Planungsabteilung, die Entwicklungsabteilung und die Marketing-Abteilung; Leute mit wirtschaftswissenschaftlichen Ambitionen werden nicht mehr angestellt, und wenn ein Kerl so fett wird wie der Dingsda, dann muß er an Frustration leiden ...

Der Aufsichtsrat wird unter Alkohol gesetzt, die Gewerkschaft kommt möglichst gar nicht exist in den Betrieb, in das Budget werden heimliche Reservemittel eingeschmuggelt, Anwälten und Wirtschaftsprüfern wird anständig auf die Finger geschaut, erst recht natürlich den Computer-Leuten, und wehe dem Personalchef, wenn er auch nur einmal mit einer Sekretärin poussiert.

Dies sind schließlich die Dinge, um die es geht im Betrieb, da muß dem Boß keiner mit Job-Descriptions und Personnel Appraisal, Motivationstheorie und perpetuiertem Management-Prozeß kommen -- wer anständig mitzieht, bekommt Gehaltserhöhung und wird befördert, und je weniger Zeit einer hat, desto anständiger zieht er mit.

Daß der Boß modern Ist, hat er bewiesen, wenn er Sekretariate abschafft und die Telephonzentrale aufwertet, die Ablage auflöst und Geschäftsbriefe mit der Hand schreibt, alle Anrufe beantwortet und alle Mitarbeiter einfach reinkommen läßt. Daß er an der wichtigsten Steile der Fünfjahres-Vorschau aus dem Konzept gebracht wird, weil der Expedient rasch mal selber nachfragen will, ob ein neuer Packapparat bestellt wird -- das kann ihm nicht passieren, denn eine Fünfjahres-Vorschau macht er nicht und braucht er auch nicht (wenn er Generaldirektor Ist, fliegt er ja alle fünf Jahre selber raus).

Townsend Ist als Radikaler verstanden worden: Neue Manager für alte Finnen. Aber die, die er meint, verstehen ihn schon ganz richtig, sie würden ihn sonst nicht lesen: Neue Jacke für den alten Adam.

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