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SCHRIFTSTELLER / MAILER/MILLETT Recht auf Elefanten

aus DER SPIEGEL 12/1971

Als der berühmte Dichter sich entschlossen hatte, Politiker zu werden, hatte er es besonders mit den weiblichen Wählern schwer: »Ihre Ansichten von den Frauen«, so sagten emanzipierte Frauen ihm, »die finden wir ziemlich beschissen.« Und eine besonders streitbare Dame proklamierte den verdutzten Schriftsteller gar öffentlich zum »größten und reaktionärsten männlichen Schwein«.

Gemeint war Norman Mailer, 48, einer der letzten Schwergewichtler der amerikanischen Literatur. Seit seinem Welt-Bestseller »Die Nackten und die Toten« (1948) hat er sich als ein qualitativ zwar unbeständiger, ideologisch jedoch stets verläßlicher Propagandist des alten, besonders männlichen Männlichkeltsmythos erwiesen.

Als Mailer, der »freundliche Säufer und Champion der Obszönität« (Mailer über Mailer), 1969 für das Amt des Bürgermeisters von New York kandidierte, geriet er unversehens in die Schußlinie der amerikanischen Frauenbewegung, der »Women"s Liberation Movement« (Lib).

Jetzt hat der geschmähte Autor, der seine Gegnerinnen »eine Schwadron rasender Amazonen, eine Ehrengarde von revolutionären Vaginas« nennt, ausführlich zurückgeschlagen: mit einer geharnischten Polemik (Titel: »The Prisoner of Sex"), deren Hauptteile das New Yorker »Harper's Magazine« im März-lieft vorabdruckte.

Mailer weist darin, mal witzelnd und mal wütend, von sich, was ihm an bösen Worten über die Frauen zugeschrieben wird: Sie seien »niedere, quallige Viecher«, man müsse sie »in Käfigen halten«, und »ihre einzige Aufgabe« sei es, »Kinder zu gebären«.

Was die Leidenschaften der Lib-Ladys erregte, will Mauer nie frauenverachtend gemeint haben. Und so geht er sogleich seinerseits zur Rezension seiner Rezensenten über: Mauer-Kritikerin Ti-Grace Atkinson, spottet er, »schreibt wie ein deutscher Philosoph des 18. Jahrhunderts«; an der Kongreß-Abgeordneten Bella Abzug, die seine Ansichten so »beschissen« nannte, verhöhnt er wenig galant »ihre Stimme, die sogar den Fettnacken eines Taxifahrers zum Schmelzen bringen würde«.

Freilich, die substantielleren Angriffe gegen Maller gelten seinem Werk: »Sie sollten mal versuchen, Ihre eigenen Bücher zu lesen«, hatte schon dem Bürgermeisterkandidaten Mailer die einflußreiche New Yorker Journalistin Gloria Steinem geraten, als der zu wissen begehrte, was denn die linken Emanzipateusen gegen ihn hätten.

Inzwischen hat ein literarisch bewandertes Lib-Mitglied ihm diese Mühe abgenommen: Kate Millett, Bildhauerin und Literatur-Dozentin, hat in einem scharfsinnigen Buch über »Sexual Politics«, das im April auch auf deutsch erscheinen wird, die frauenfeindlichen Mauer-Stellen zusammengetragen*.

Die attraktive Autorin hat in ihrer rasch zum Bestseller avancierten Untersuchung kritisch die Erscheinungen der patriarchalischen Sexualpolitik auch in der Literatur analysiert. Und Mauer, dieser »Gefangene des Männlichkeitskults«, ist Kate Milletts dankbarstes Angriffsziel: Seine Helden sind ihr repräsentative »Studien sexueller Eitelkeit«, seine Schreibweise ein »Sexualjournalismus, der sich wie ein Sportbericht liest, über den eine Reihe von Kriegsberichten gelagert sind«.

Der verärgerte Meister schoß nach Mailer-Art massiv zurück: Diese Kate Millett, so etikettierte er streng, sei doch »nichts als ein stupsnasiger Witz«, eine »Klatschkolumnistin«, ein »literarischer Winkeladvokat«.

In der Tat konnte Mauer in den philologischen Teilen seines biographisch-polemisch-philosophischen Traktats seiner Kritikerin eine stattliche Anzahl manipulierter Zitate vorrechnen. Aber sein männlicher Hochmut scheint jetzt doch etwas angeknackst zu sein; nur knapp durch deftige Ironie drapiert, gibt sich der neue Mailer am Ende resigniert:

»Frauen müssen natürlich das Recht haben zu einem Leben, das ihnen erlaubt, sich einen Mann auszusuchen. Und diese freie Wahl gibt es nicht, bevor sie nicht befreit sind. So laß die Frau tun, was sie will und was sie kann. Laß sie mit Elefanten schlafen, wenn sie einen hat, und mit Barsoi-Hunden vögeln ...«

Freilich, eines läßt sich Mailer nicht nehmen, wenn es um die Frage der Gleichheit von Mann und Frau geht, und das ist das älteste Herren-Argument der Welt: »Es tut mir zwar leid, Sie daran erinnern zu müssen, meine Damen, aber die Gebärmutter haben nun mal Sie!«

* Kate Millett: »Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft«. Desch Verlag, München; 480 Seiten; 28 Mark.

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