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SCHRIFTSTELLER / ADAM MÜLLER Rechte Stütze

aus DER SPIEGEL 48/1967

»Trennen Sie nie mein Leben von der Sache des Gegensatzes«, riet der Vierundzwanzigjährige einem Brieffreund. »Dahin zeigen alle, die kleinsten wie die größten Erscheinungen meines Lebens.«

Verfasser dieser koketten Selbstdarstellung war der romantische Vielzweck-Publizist Adam Müller (1779 bis 1829), der soeben mit seiner »Lehre vom Gegensatz« eine philosophische Standortbestimmung »des neuen Menschen« ersonnen hatte.

Ein konsequenter Verehrer des »Gegensätzischen« blieb Müller lebenslänglich. Und gegensätzlich wurde er und wird er auch heute noch beurteilt.

Einen »göttlichen Menschen« nannte ihn August Wilhelm Schlegel. Eichendorff fand ihn »unausstehlich, arrogant und voller Falschheit«. Für den deutschen Literaturhistoriker Ernst Robert Curtius war er »einer der großen Verkannten des deutschen Geisteserbes«, für Walter Jens ist er »des Polizeistaats Lieblingskind«.

Der wandlungsfähige Rechtsintellektuelle Müller ist das jüngste Objekt verlegerischen Wiederbelebungseifers.

Eine monumentale Adam-Müller-Dokumentation bringt der Schöningh-Verlag heraus*, Rhetorik-Professor Walter Jens edierte Müllers zwölf Reden über die Beredsamkeit"**, und bei Luchterhand erschien jetzt eine kommentierte Gesamtausgabe seiner »Kri-

* »Adam Müllers Lebenszeugnisse«. Herausgegeben von Jakob Baxa. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn; zwei Bände; 1203 und 1136 Seiten; 194 Mark.

** Adam Müller: »Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland«. Herausgegeben von Walter Jens. Insel Verlag, Frankfurt; 212 Seiten; sieben Mark.

tischen, ästhetischen und philosophischen Schriften"* -- die erste ihrer Art.

Werke und Dokumente zeigen Müller als (so Walter Jens) »großen Stilisten und schlimmen Charakter«.

Der preußische Beamtensohn studierte in Göttingen »Diplomatik«, Jura und Wirtschaftstheorie und beschäftigte sich nebenher mit Literatur, Theologie und Philosophie. Als Hofmeister lebte er sodann in Polen. Dort unterrichtete er die fünf Kinder eines adligen Landrats, verführte dessen Frau Sophie und siedelte sich mit ihr in Dresden an.

Heinrich von Kleist, mit dem Müller in Dresden die Zeitschrift »Phöbus« herausgab, verliebte sich ebenfalls in die attraktive Landratsfrau. Der elfersüchtige Dichter versuchte Müller in die Elbe zu stürzen, ließ sich dann aber von ihm mit Müllers Ex-Geliebter Henriette Vogel verbinden.

Bei einem Aufenthalt in Wien trat Müller heimlich zum katholischen Glauben über, übersetzte eine fromme Schrift über die »Unauflöslichkeit der katholischen Ehe« und heiratete darauf die gerade von ihrem polnischen Landrat geschiedene Sophie.

Aus Wien kehrte Müller nicht nur als Katholik, sondern auch als Spion Österreichs zurück. Während der kurzen Besetzung Dresdens durch die Österreicher (1809) exponierte er sich als Adlatus des österreichischen Stadtkommandanten. Aus Dresden ausgewiesen, suchte er im protestantischpreußischen Berlin Anstellung.

Dort propagierte der Literat sein Lieblingsprojekt, eine praktische Anwendung seiner Lehre vom Gegensatz: »Ich getraue mich«, so biederte er sich der preußischen Regierung an, »1. öffentlich und unter der Autorität des Staatsraths ein Regierungsblatt, 2. anonym und unter der bloßen Connivenz desselbigen ein Volksblatt, mit andern Worten, eine Ministerial- und Oppositionszeitung zugleich zu schreiben.« Ziel solcher Doppeljournalistik sollte sein, den »beschränkten Vorwitz der Unterthanen« zu zügeln. Die Opposition sollte »nicht niedergeschlagen, aber geleitet, noch besser vorweggenommen werden«.

Obwohl Müller sich durch Hymnen auf die Notwendigkeit von Geburtsadel und Leibeigenschaft empfahl, wurde aus seiner kombinierten Rechts-Links-Publizistik nichts: Preußens neuernannter Reform-Kanzler Hardenberg schickte Müller als Spion nach Wien.

Dort kehrte der Mann des Gegensatzes seinen bislang sorgsam kaschierten Katholizismus heraus, gewann Freunde im höheren Adel und veranstaltete Vorlesungen »Über die Beredsamkeit und deren Verhältnis zur Poesie«. Müllers zierlich-feinstilige Rhetorik zog insbesondere die Damen

* Adam Müller Kritische, ästhetische und philosophische Schriften«. Herausgegeben von Walter Schroeder und Werner Siebert. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; zwei Bände; 512 und 700 Seiten; 70 Mark.

der Gesellschaft an; Dorothea Schlegel allerdings glossierte seine Vorlesungen als »Nachlesungen«.

Noch während Müller für den preußischen Geheimdienst arbeitete, diente er sich auch dem österreichischen Kanzler Fürst Metternich als Spion an. Als Gegenleistung forderte er ein Generalkonsulat und eine Zeitungslizenz in Leipzig. Dieser Ort nämlich sei »Mittelpunkt allen literarischen Verkehrs in Deutschland ... und für die Beobachtung des ganzen umgebenden nördlichen Deutschlands, der Universitäten, so wie Weimars und Berlins besonders geeignet«.

Der »Apostel der Conterrevolution« wie Müller in einem Wiener Polizeibericht genannt wurde, kämpfte als Spitzel und Diplomat der Habsburger nun ebenso eifrig gegen Preußen wie früher gegen Österreich.

Als seinen bedeutendsten Erfolg wertete er jedoch die Konversion des Herzogs von Anhalt-Köthen zum katholischen Glauben. Der Adam-Müller-Forscher Jakob Baxa vermutet sogar, daß Müller, dem der preußische Kanzler Hardenberg die Berliner Karriere verdorben hatte, aus gekränkter Eitelkeit den Herzog aufgestachelt habe: »Er (Müller) hat diese hinterlistige Handlungsweise Hardenberg niemals verziehen, und ganz Preußen mußte sie von 1819 bis 1827 durch einen achtjährigen Zollkrieg mit dem Herzog von Anhalt-Köthen büßen.«

Die preußische Regierung indes revanchierte sich und forderte von Metternich Müllers Abberufung. Wien tröstete seinen übereifrigen Agenten mit dem lang erbetenen Adelstitel »Ritter von Nitterdorf« und zog ihn aus Leipzig zurück.

Müllers publizistische Interessen konzentrierten sich nach den philosophischen und literarkritischen Werken, die er in Leipzig, Dresden, Berlin und Wien veröffentlicht hatte, schließlich mehr und mehr auf staatswissenschaftliche Probleme. Er schrieb die »Elemente der Staatskunst« und entwickelte Gedanken von den Staatswissenschaften und der Staatswirtschaft« sowie über die »Innere Staatshaushaltung« -- immer »auf theologischer Grundlage«.

Der zum Mystizismus neigende Amateur-Meteorologe Müller, für den ein Erdbeben das Ende der Welt ankündigte, schwärmte von einem mittelalterlichen Ständestaat mit strenger patriarchalischer Ordnung; er verteidigte Folter und Zensur und geißelte »die gänzliche Verwahrlosung unserer heutigen studierenden Jugend«.

In den letzten Jahren seines Lebens trug er auch an den heißesten Sommertagen einen dicken Schafspelz: Er wollte so für einheimische Landwirtschaftserzeugnisse und gegen Industriewaren demonstrieren.

Kurz nach seiner Abberufung aus Leipzig traf ihn ein Schlagfluß -- als er vom Tode seines Vorbildes Friedrich Schlegel erfuhr. Wenige Stunden später wurde ihm die Nachricht vom Tode der Fürstin Metternich überbracht. Da »sank er zusammen« berichtete ein Zeitgenosse, »bekam Gesichtsverzuckungen und verschied«.

Die Reaktion trauerte, die Liberalen frohlockten.« Die zahlreiche Parthey der apostolischen und absoluten Tartuffe hat ... eine rechte Stütze verloren«, schrieb die Münchner Zeitung »Inland«, und die deutschen Buchhändler äußerten sich befriedigt über das Ende dieses »dem Bücherverkehre durch verschärfte Strenge der Censur entgegentretenden Dämon«.

Gegensatz-Müller selbst hatte am »Bücherverkehre« augenscheinlich nicht sehr intensiv teilgenommen: Der romantische Universalgelehrte hinterließ eine Bibliothek von noch nicht einmal vierzig Bänden.

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