Rechtsextremismus im Netz "Der Täter von Hanau wird jetzt schon glorifiziert"

Von Rechtsrock zu rechtem Rap, von Schulhof-CDs zu sozialen Netzwerken: Die Journalistin Karolin Schwarz erklärt, wie sich rechter Hass weltweit in der digitalen Jugendkultur breitmacht.
Digital und Global: "Bereits Anders Breivik schickte sein Pamphlet an internationale Rechte und Medien", sagt die Journalistin Karolin Schwarz

Digital und Global: "Bereits Anders Breivik schickte sein Pamphlet an internationale Rechte und Medien", sagt die Journalistin Karolin Schwarz

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Andi Weiland/ Herder

Karolin Schwarz, Jahrgang 1985, ist freie Journalistin und Faktencheckerin. Ihr Projekt Hoaxmap, das Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Personen sammelt, wurde für den Grimme Online Award nominiert. In ihrem ersten Sachbuch "Hasskrieger" setzt sie sich unter anderem mit digitalen Vernetzungsstrategien der aktuellen Rechtsextremen auseinander.

SPIEGEL: Frau Schwarz, früher gab es die sogenannten Schulhof-CDs, mit denen Rechtsradikale versucht haben, rechte Rockmusik an junge Leute zu bringen. Wie läuft das heute?

Schwarz: Die Schulhof-CDs sind ein gutes Beispiel dafür, dass Rechtsradikale schon immer versucht haben, mit popkulturellen Bezügen junge Anhänger zu finden. Die NPD hat bereits Mitte der Neunziger gesagt, dass man das Internet verstärkt nutzen sollte, um Leute zu erreichen. Viele der Strategien, die Rechtsradikale heute anwenden,  wurden schon viel früher formuliert. Aber heute funktionieren sie besser.

SPIEGEL: Und das liegt am Internet?

Schwarz: Das liegt vor allem an den sozialen Medien. Rechtsradikale haben vor Jahren schon versucht, MySpace und StudiVZ für sich zu nutzen, aber nicht besonders erfolgreich. Das lag daran, dass StudiVZ-Nutzer eben nicht die ganze Zeit irgendwelchen Kram geteilt haben, sondern sich auf Gruppen im Profil beschränkt haben, die aussagekräftig sein sollten. Mit der heutigen Empörungslogik von Plattformen wie Facebook und Twitter klappt das besser.

SPIEGEL: Mit welchen popkulturellen Bezügen probieren Rechtsradikale, Anhänger zu finden?

Schwarz: Sie versuchen, in den gesellschaftlichen Mainstream vorzustoßen, und richten sich meist an junge Männer in der Selbstfindungsphase: Früher waren vor allem Musik und Fußball wichtig. Jetzt sind aber auch Games, Memes und YouTuber hinzugekommen. Und musikalisch hat es sich verändert, es gibt nicht mehr nur Rechtsrock.

SPIEGEL: Heute gibt es auch rechtsradikale Rapper wie Chris Ares, der mit der Identitären Bewegung verbandelt ist und bei Spotify Streams im sechsstelligen Bereich hat.

Schwarz: Ein Anknüpfungspunkt von rechten Rappern zum Mainstream-Deutschrap ist, dass dort zum Beispiel auch Antisemitismus auftaucht. Rapper wie Chris Ares funktionieren vor allem, weil sie unter Jugendlichen normale Hör- und Sehgewohnheiten ansprechen. Was den Flow betrifft, kann das jetzt nicht mit der deutschen Hip-Hop-Elite mithalten, aber es ist auch kein totaler Amateur-Rap.

SPIEGEL: Wenn Jugendliche sich die Videos von Chris Ares ansehen, hilft das der Identitären Bewegung dann wirklich?

Schwarz: Es ist ein Testballon von vielen. Manches funktioniert, manches nicht. Ich glaube nicht, dass Rappen die erfolgreichste Idee der Identitären Bewegung ist.

SPIEGEL: Sondern?

Schwarz: Ich würde sagen, das sind die Guerilla-Aktionen, die so eine actionaffine, junge Zielgruppe bedienen: Das Besteigen des Brandenburger Tors ist kein alltäglicher Vorgang, die Schiffsaktion im Mittelmeer ebenso.

SPIEGEL: Das hat sich aber abgenutzt, über jüngere Aktionen wurde kaum berichtet. Ist die Zeit der Identitären Bewegung vorbei?

Schwarz: Vielleicht kann man mit diesem Label nicht mehr viel anfangen. Aber gewisse Leute sind ja schon etabliert: Martin Sellner,  der Kopf der Identitären Bewegung in Österreich, ist als Influencer wichtig. In dieser Rolle ist er eine Gefahr: als Stichwortgeber, der Themen setzt. Er ist ein Puzzlestück von vielen im rechtsradikalen Spektrum. Und ich glaube nicht, dass er so schnell wieder weg sein wird.

SPIEGEL: Ältere Rechtsradikale können mit dieser Mischung aus Lifestyle-Zurschaustellung und Entertainment doch kaum etwas anfangen, oder?

Schwarz: Wahrscheinlich nicht, aber die haben genug anderes, womit sie sich identifizieren können: Sellner macht ja auch Stimmung gegen den Migrationspakt, stellt einzelne Personen als Feinde dar, wertet die liberale Demokratie ab. Er adressiert Leute aus ganz unterschiedlichen Altersstufen. Er nutzt Memes wie Pepe, den Frosch, und spricht damit Jüngere an, kann aber auch Vorträge halten, die Ältere interessieren.

SPIEGEL: An jemandem wie Sellner zeigt sich auch, welche politische Wirkmacht die sozialen Netzwerke haben: Auf YouTube und Twitter darf er posten, auf Facebook und Instagram ist er gesperrt. Positionieren sich die Netzwerke teilweise klarer als die Politik?

Schwarz: Das kann man so sagen. Bei der politischen Debatte ist das Problem, wie sie geführt wurde: Wir haben jahrelang gesehen, wie Konservative versucht haben, am rechten Rand zu fischen, teilweise rechtsradikales Vokabular aufgegriffen und es so normalisiert haben. Und das wird immer noch gemacht, wenn man mal nach Thüringen oder Sachsen-Anhalt guckt.

SPIEGEL: Der Täter von Hanau hat YouTube-Videos hochgeladen. Ist bekannt, welche Rolle Internetkultur bei seiner Radikalisierung gespielt hat?

Schwarz: Er hat sich auf Verschwörungsmythen aus dem Netz bezogen. Das Angebot dort ist auch reichlich, daher ist davon auszugehen, dass ein Teil seiner Radikalisierung über das Netz stattgefunden hat.

Einsatzkräfte am 20. Februar in Hanau, wo ein Mann in und vor Shishabars neun Menschen tötete: "Er hat sich auf Verschwörungsmythen aus dem Netz bezogen."

Einsatzkräfte am 20. Februar in Hanau, wo ein Mann in und vor Shishabars neun Menschen tötete: "Er hat sich auf Verschwörungsmythen aus dem Netz bezogen."

Foto: Uwe Anspach/ dpa

SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, bezogen auf ältere Beispiele: "In der Glorifizierung der Tat und der Erklärung der Täter zu Helden geht die Strategie der Terroristen schließlich vollends auf." Findet diese Online-Glorifizierung beim Hanau-Täter gerade schon statt?

Schwarz: Ja. Besonders in den Kanälen englischsprachiger Terrorfans wird die Tat und auch der Täter glorifiziert. Er wird in einer Reihe mit den Terroristen von Christchurch, El Paso und Halle genannt. Das geht auch so schnell, weil eines der Videos aus Hanau in englischer Sprache aufgenommen wurde.

SPIEGEL: Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, spendete der Attentäter von Christchurch vor dem Anschlag an die Identitäre Bewegung und tauschte Nachrichten mit Sellner aus. Wie gut vernetzt sind Rechtsradikale heute weltweit?

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Schwarz, Karolin

Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus

Verlag: Verlag Herder
Seitenzahl: 224
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Schwarz: Sellner selbst hatte wahrscheinlich nicht dauerhaft Kontakt zum Terroristen von Christchurch. Aber das zeigt, dass seine Botschaften auch in Neuseeland rezipiert werden. Bereits Anders Breivik schickte sein Pamphlet nicht nur an norwegische Rechte und Medien. Man knüpft immer wieder Kontakte über Demonstrationen und Konzerte, aber auch alltäglich über das Internet.

SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie auch, wie rechte Trolle in den sozialen Medien gezielt Einzelpersonen angreifen. Sie sind selbst recht aktiv bei Twitter. Schlägt Ihnen viel Hass entgegen?

Schwarz: Im Moment geht’s eigentlich. Das passiert immer phasenweise. Nach Fernsehauftritten ist es immer besonders krass. Ich glaube aber auch, dass ich noch in einer recht privilegierten Lage bin: Ich habe ein ganz gutes Netzwerk mit Menschen, die auch ihre Erfahrungen mit Trollen gemacht haben. Es ist aber natürlich immer noch scheiße und an manchen Tagen richtig schlimm. Dann gebe ich auch mal den Zugang zu meinem Twitter-Account an Freunde ab, die dann schauen, ob da eventuell was Justiziables reingekommen ist. Für Menschen, die kein so solidarisches Netzwerk haben, ist das ein noch größeres Problem.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie solchen Menschen?

Schwarz: Eigentlich würde ich nicht denen etwas empfehlen, sondern dazu raten, Strukturen zu schaffen, die solche Menschen unterstützen. Es ist keine Lösung zu sagen: "Dann geh doch offline, schließ deinen Account." Gerade viele Aktivistinnen, Journalistinnen und junge Politikerinnen, die es relativ schwer haben, auf klassischem Weg gehört zu werden, nutzen das Internet. Vielen von denen werden angefeindet, können aber eben schlecht sagen "Dann nutz ich’s halt nicht", weil das bedeuten würde, dass ihnen ein Weg der Kommunikation verschlossen bliebe.

SPIEGEL: Der ganze Hass, die Wut: Es wirkt, als sei der Geist aus der Flasche. Kriegt man den überhaupt wieder rein?

Schwarz: Es gibt Leute, die nicht daran glauben, und es gibt Leute, die sagen: Es geht, zumindest ein bisschen, wenn man klare Kante bezieht. Ich bin da eher bei den Optimisten und denke nicht, dass die Welt gerade untergeht, weil Rechtsradikale versuchen, mehr Raum einzunehmen. Eine entscheidende Frage ist aber: Wie verhalten wir uns dazu?