Rechtsterrorismus Das Terrornetz des Einzeltäters

Ein Gastbeitrag von Volker Weiß
Ein Gastbeitrag von Volker Weiß
Die Vernichtungsfantasien, wie man sie auf der Pegida-Bühne hören und im Netz lesen konnte, haben Nachhall gefunden: Der neue Typus von Attentäter kopiert sich sein Manifest zusammen - und tötet.
Demonstranten am Samstag in Hanau

Demonstranten am Samstag in Hanau

Foto: Nicolas Armer/ dpa
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Volker Weiß, Jahrgang 1972, ist Historiker und freier Publizist. Sein Buch "Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes" (Klett-Cotta) war 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert. Lesen Sie hier ein Interview mit ihm.

Die Rede war unmissverständlich. Am 7. Oktober 2019 präsentierte Lutz Bachmann den Pegida-Spaziergängern in Dresden von der Rednertribüne herab seine Sicht auf das Land. Getrennt durch einen tiefen Graben stünden auf der einen Seite diejenigen, die er als das große "Wir" adressierte: die Produktiven, die Steuerzahler, die den Wohlstand erwirtschafteten. Auf der "entarteten" Seite hingegen sammelten sich die "Schädlinge", die "Parasiten" und "miesen Maden", die sich "vom Erwirtschafteten der guten Seite, also von uns, ernähren und sich durch den Speck fressen". Die Aufgabe bestünde nun darin, "die auf der guten Seite" vor denen auf der bösen zu schützen. Diese würden "ohnehin nie einen Nutzen für diese Gesellschaft bringen."

So weit die Lagebestimmung, aber wie jeder Agitator musste auch Bachmann seiner Gefolgschaft noch den Weg aus der Krise weisen: "Und all die Unterstützer dieser Volksfeinde und die, welche die schlechte Seite des Grabens mit ihrer Indoktrination weiter vergiften, die sollen rein in den Graben. Damit können wir den Graben füllen! Wir werfen sie in den Graben. Dann schütten wir diesen Graben zu." Bachmann versprach für diesen Fall eine strahlende Zukunft für die Kinder, das Publikum johlte. Vernichtungsfantasien, vorgetragen auf deutschen Rednerbühnen heute, sind eine gesellschaftliche Realität.

Eine solche Rhetorik berauscht nicht nur, sie weckt Erwartungen, die kaum einzulösen sind. Die Umsetzung verspricht der thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke, der kürzlich bei der 200. Pegida-Versammlung in Dresden auf der Bühne stand. Er kündigte an, seine Partei würde eben jene "Zivilgesellschaft trockenlegen", die Bachmann wenige Wochen zuvor so drastisch beschrieben hatte. Beim Pegida-Jubiläum anwesend waren auch Höckes Duz-Freund Götz Kubitschek, ein Kleinverleger extrem rechter Literatur, und Martin Sellner, das bekannteste Gesicht der "Identitären". Die Forderungen nach einer "Reconquista" Europas und Parolen wie "Hol dir dein Land zurück" sind ihr Geschäft. Es lief gut für Kubitschek in den vergangenen Jahren. Auch bei der AfD ist er gefragt, in seinem privatem "Institut für Staatspolitik" machten neben Höcke schon Jörg Meuthen, Alexander Gauland und Alice Weidel ihre Aufwartung.

Kubitscheks Ennui

Dennoch beschreibt Kubitschek in seinem Blog die Pegida-Kundgebung mit einem Anflug von Resignation. Beim Blick über die Menge mitsamt der Gegendemonstranten ist ihm klar geworden, wie ritualisiert die nationale Erhebung geworden sei. Dem stets zur entscheidenden "Tat" drängenden Agitator ist das eigene Milieu nicht mehr heroisch genug, geradezu langweilig sei es geworden: "Dieser Abend konnte schlechterdings nicht in einer Katastrophe enden, niemand würde überrannt werden, niemand angegriffen. Jeder hatte seine Rolle gefunden und konnte seinen Text. Es gab weder für die noch für uns die Möglichkeit des Geländegewinns. Erstarrte Front." Die Zeilen machen stutzig. Wenn schon Kader wie er vom Ennui befallen sind, wie groß muss die Wahrscheinlichkeit sein, dass sich andere berufen fühlen, diese Erstarrung aufzubrechen.

Zwei Tage später endete ein Abend in Hanau in einer Katastrophe. Ein Rechtsterrorist erschoss neun Menschen aus rassistischen Motiven, ermordete seine Mutter und nahm sich anschließend selbst das Leben. Er hinterließ ein Pamphlet, das die Welt in produktive und unproduktive Menschengruppen einteilt. Seine Konsequenz ist, dass, ganze "Völker komplett vernichtet werden müssen". Die Aufzählung umfasst alles, was er als nicht "weiß" empfindet: den ganzen Nahen und Mittleren Osten mitsamt Israel, Afrikaner, Asiaten, Lateinamerika, eine "Feinsäuberung" solle auch in Deutschland die Bevölkerung halbieren. "Wenn ein Knopf zur Verfügung steht, dies Wirklichkeit werden zu lassen, würde ich diesen sofort drücken." Einen Knopf gab es nicht, aber eine Pistole, und mit den Shishabars Orte, an denen er Opfer finden konnte. In den Appellen nach dem Anschlag wird nun nach jener Zivilgesellschaft gerufen, der Höcke gerade den Kampf angesagt hatte.

Für Fachleute kam die Entwicklung nicht überraschend. Kurz vor den Schüssen hatte der Potsdamer Politologe Gideon Botsch in einem Interview noch auf ein "besonders hohes Risiko" eines rechtsterroristischen Anschlags hingewiesen . Angesichts der abflauenden Dynamik rechter Bewegungen wie Pegida auf der Straße wachse die Wahrscheinlichkeit, dass manche einen solchen Weg suchten. Ein möglicher Täter könne allein agieren und dennoch von einer "Vergemeinschaftung und Vernetzung" seiner Tat durch das Internet ausgehen. Wenige Stunden später hatte dieser "neue Typus von Täter", den Botsch skizzierte, in Hanau zugeschlagen.

Die Rechtsextremismusforschung weiß, dass rassistischer Terror nicht mehr zwangsläufig organisierter Strukturen bedarf. Längst gibt es Beispiele, wie den Angriff auf eine schwarze Kirchengemeinde 2015 im US-amerikanischen Charleston. Beseelt vom Glauben an die Überlegenheit der Weißen wollte der Täter "minderwertige" Afroamerikaner vernichten. Auch er hatte sich jenseits der Öffentlichkeit im Netz radikalisiert. Das galt auch für den Massenmörder, der im neuseeländischen Christchurch 2019 Massaker in zwei Moscheen anrichtete. Sein Manifest trug im Titel die Formel vom "Großen Austausch", eine Referenz an ein gleichnamiges Traktat des französischen Autors Renaud Camus, das mittlerweile international zur Bibel des imaginierten weißen Abwehrkampfes wurde. In Deutschland wurde es von Götz Kubitschek verlegt, der "Identitären"-Führer Martin Sellner schrieb das Nachwort. Im Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass der Mörder von Christchurch Sellners Organisation eine größere Geldsumme gespendet hatte. Ähnliche Inhalte verbreitete auch der Mann, der 2019 zu Jom Kippur in Halle eine Synagoge stürmen wollte und dann auf offener Straße zwei Menschen erschoss. Auch er war unauffällig und hatte sich seine Weltanschauung online erschlossen.

Dieser Tätertyp muss nur ausführen, was bereits formuliert ist. Er findet das "Wissen", die Atmosphäre, die Weltanschauung, die er braucht, bereits vor. Sogar die Tatmanifeste sind längst geschrieben, die kriminalistische Authentifizierung des Bekennerschreibens, zu Zeiten der RAF-Fahndung einstmals schon fast ein ritueller Akt, ist fast überflüssig geworden. Bereits der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik musste sich nur mit Copy&Paste durchs Internet pflügen, um sein Tatmanifest anzufertigen. Ob in Christchurch oder Halle, die Schreiben ähneln sich, die Täter sind besessen vom "großen Austausch", hinter dem sie sinistre "Eliten" wittern, sie hassen Muslime und fürchten Juden, machen Feminismus und "Kulturmarxismus" für ihr persönliches Elend verantwortlich und wollen endlich ein blutiges Fanal setzen.

Mittlerweile ist das Gedankengut derart verbreitet, dass Akteure auch unabhängig voneinander handeln können. Fast ist zu befürchten, dass die Nachricht von Waffen- und Sprengstofffunden bei Neonazis kurz zuvor dem Täter von Hanau den Anstoß gegeben haben könnte. Seine Tat glich bemerkenswert dem Szenario, auf das sich die mittlerweile unter dem Namen "Gruppe S." bekannte Struktur nach Einschätzung der Behörden wohl vorbereitete. Sie planten, mit einem rassistischen Blutbad Chaos zu stiften, Gegenreaktionen hervorzurufen und endlich den ersehnten "Endkampf" einzuleiten.

Der neue Rechtsterrorismus weiß, dass sich in einer offenen modernen Gesellschaft mit wenigem Aufwand viel Schaden anrichten lässt. Die Täter nehmen in Kauf, selbst nicht mehr zurückzukommen. Die Botschaft an potenzielle Nachahmer ist wichtiger als das eigene Leben. Sie sehen sich als Märtyrer ihres Volkes und wähnen sich in seiner vordersten Verteidigungslinie. Ihr ethnozentristischer Sozialdarwinismus ermächtigt sie, die "Minderwertigen" auszumerzen.

Offensichtliche Züge von Wahnsinn, wie sie aus ihren Pamphleten sprechen, können nicht alles erklären, denn die Auswahl der Opfer folgt einer eigenen, rassistischen Rationalität. Sie teilen die Welt in "produktive" und "destruktive" Teile. Alle, die dem heroischen Imago vom deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, sollen zur Vernichtung freigegeben werden. Das ist exakt der Hass, wie ihn die Rede Bachmanns offenbarte. Im Rechtsterrorismus schreitet er zur Tat.