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GESELLSCHAFT / WILHELM REICH Regen in der Wüste

aus DER SPIEGEL 48/1969

Im norwegischen Exil, zu Ostern 1936, hatte der einstige k. u. k. Offizier eine Vision: An der Spitze eines Triumphzugs sah er sich in Deutschlands Hauptstadt Berlin einziehen -- auf einem Schimmel reitend, begleitet von den pathetischen Klängen des »Bolero« von Ravel.

Der Tagtraum des Emigranten ging nicht in Erfüllung: Der Mediziner Wilhelm Reich, Schriftsteller, Marxist und Psychoanalytiker, betrat tue wieder deutschen Boden; seine Lehre und seine Bücher waren in Vergessenheit geraten -- er starb 1957 in einer amerikanischen Gefängniszelle.

Doch zehn Jahre nach seinem Tod wurde dem Tagträumer später Triumph zuteil: Durch die Straßen Berlins trugen rebellierende Studenten Transparente mit dem Namen Wilhelm Reichs. Apo-Verlage brachten in Raubdrucken seine Schriften neu heraus. Neben Mao, Marx und Marcuse wurde Reich zu einem Propheten der Neuen Linken. Nun hat ihn auch das literarische Establishment akzeptiert -- Reichs Hauptwerke wurden jüngst von zwei renommierten westdeutschen Verlagen neu aufgelegt*.

Es waren die Mitglieder der Berliner Kommunen, die Reich zu ihrem Heros erkoren. Daß nur der sexuell befreite Mensch auch die politische Freiheit gewinnen könne, hatte Reich

* Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 356 Seiten; 14 Mark. -- Wilhelm Reich: »Die sexuelle Revolution«. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M.; 336 Seiten; 25 Mark.

** Ilse Ollendorff Reich: »Wilhelm Reich. St. Martin's Press, New York; 188 Seiten; 5,95 Dollar.

in seinen Schriften gelehrt -- Fritz Teufels Schock-Wort von den »Orgasmusschwierigkeiten« griff den Zusammenhang wieder auf: Sie galten dem Kommunarden zugleich als Merkmal politischer Repression.

Im Zwielicht blieb gleichwohl auch jetzt die Gestalt des Wiederentdeckten, der zu Lebzeiten als Psychotherapeut von seiner Zunft verfemt, als Kommunist aus der Partei ausgeschlossen und als Wunderheiler von amerikanischen Gerichten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Erstmals wird nun in einer Biographie, die vor kurzem in New York erschien, das Bild des genialischen Außenseiters nachgezeichnet -- von Ilse Ollendorff Reich, die 15 Jahre lang Reichs »Ehefrau, Sekretärin, Laborgehilfin, Buchhalterin, Haushälterin und allgemeines Faktotum« gewesen ist**.

Nichts, so glaubt Ilse Ollendorff, schien im Leben des jungen Reich auf seine spätere abenteuerliche Laufbahn hinzudeuten. Reich, der auch als Infanterieoffizier stets Sporen an den Stiefeln trug, war der älteste Sohn eines reichen jüdischen Gutsbesitzers in Galizien und bereitete sich willig darauf vor, das väterliche Erbe zu übernehmen.

Der Wendepunkt im Leben Reichs kam 1919, als der Jurastudent in Wien durch Zufall in eine Vorlesung Sigmund Freuds geriet. Spontan beschloß Reich, sich fortan der Psychoanalyse zu widmen -- bald gehörte er zum engsten Freundeskreis Freuds.

Reichs jähes Interesse für die Freudsche Seelenkunde hing, wie Ilse Ollendorff andeutet, möglicherweise mit einem dunklen Schuldkomplex zusammen: Als Knabe hatte Reich, der sich später nie selber einer Analyse unterzog, eine Familientragödie ausgelöst; arglos verriet er die heimliche Liaison seiner Mutter mit einem Hauslehrer -- Reichs Mutter beging daraufhin Selbstmord. Der Vater, fortan umdüstert, starb wenig später.

Trotz aller Verehrung, die Reich seinem Mentor Freud entgegenbrachte, begann der junge Seelenforscher sehr rasch, einen eigenen Weg durch das Labyrinth der Psychoanalyse zu suchen. Sein Ausgangspunkt war Freuds Libidotheorie -- die Lehre von den vitalen Trieben, die das psychische Schicksal des Menschen bestimmen.

Der dynamische Reich, der als stellvertretender Direktor der Wiener Psychoanalytischen Klinik Freuds gelegentlich einem Patienten Ohrfeigen verabfolgte, attackierte das Lehrgebäude der Psychoanalyse: Sie habe den Begriff der Libido verharmlost und seines »sexuellen Gehalts« beraubt -- der solcherart gereinigte Trieb sei in der Theorie »wesenlos« und damit für die Therapie unbrauchbar geworden.

Reich hingegen wollte unter Libido eindeutig den Sexualtrieb verstanden wissen. Die Unterdrückung der Sexualität, so lehrte er, müsse notwendig zu »Stauungen der biologischen Energie« und mithin zu seelischen Krankheiten (Neurosen) führen; ihre Heilung sei nur möglich, wenn der Patient die Fähigkeit zum Orgasmus wiedererlange -- »die Hingabe- und Erlebnisfähigkeit am Höhepunkt der sexuellen Erregung.

Altmeister Freud, besorgt um die mühsam errungene Reputation seiner Lehre, erschrak vor dem unbekümmerten Freimut Reichs. Er finde, so kommentierte er Reichs Schrift »Die Funktion des Orgasmus«, die Thesen seines Jüngers »noch nicht mundgerecht«.

Noch weniger schmeckte den orthodoxen Freudianern Reichs politische Aktivität. Reich, der erst der sozialdemokratischen, später der kommunistischen Partei beitrat, suchte Marxismus und Psychoanalyse miteinander zu vereinen: Politische Knechtschaft, so glaubte er, werde durch die Unterdrückung des Sexualtriebs gefestigt.

Zu solch revolutionärer Überzeugung gelangte Reich nicht zuletzt in seiner psychotherapeutischen Praxis. Anders als Freud, der in seinem Ordinationszimmer die Neurosen einer großbürgerlichen Klientel analysierte, behandelte Reich in der Klinik auch Patienten aus dem Wiener »Proletariat. Aus dem Familien- und Ehe-Elend seiner Prolet-Patienten sah Reich nicht nur Neurosen, sondern auch politisches Unheil wuchern.

Freuds Auffassung, daß Triebunterdrückung und Neurosen zur Erhaltung der Kultur notwendig seien, mochte Reich nicht teilen. Den Neurosen der Armen fehle die »kulturelle Finesse« -- in ihnen, so erkannte er, werde nur eine »tragische Groteske« sichtbar: eine »Rebellion gegen die seelischen Massaker« der herrschenden Sexualmoral.

In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre begann Reich, den Aufstand gegen die abendländische Moral tätig zu unterstützen. Gemeinsam mit sieben Kollegen gründete er sogenannte Sexualberatungskliniken -- öffentliche Beratungsstellen, in denen Arbeiter und Angestellte kostenlos über Geburtenkontrolle, Kindererziehung und sexuelle Fragen aufgeklärt wurden.

Daneben gründete Reich den »Sexpol-Verlag«, der Aufklärungsschriften publizierte, und organisierte in Berlin -- im Auftrag der KPD -- den »Deutschen Reichsverband für proletarische Sexualpolitik«. Rund 20 000 Mitglieder umfaßte der Verband -- sein Programm enthielt Forderungen wie öffentliche Sexualaufklärung, freie Ausgabe von Verhütungsmitteln, Reform des Ehe- und Scheidungsrechts und Abschaffung der Gesetze gegen Abtreibung und Homosexualität.

Verbündete im Kampf gegen die sexuelle Unterdrückung vermutete Reich in der damals noch jungen Sowjet-Union. Doch eine Reise nach Moskau enttäuschte ihn: Er bemerkte Symptome des »Rückschritts« im sozialistischen Fortschritt -- »das alte Denken und Fühlen«, so notierte er, »schlich sich in das Neue ein«.

Wenig später, 1933, wurde Reich aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen; er wandelte sich während der nächsten Jahre zum militanten Antikommunisten. Vor den Nazis floh er nach Skandinavien -- zunächst nach Schweden, wo ihm bald die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wurde, dann nach Dänemark, wo ihm die Psychoanalytische Gesellschaft des Landes eine Arbeitsgenehmigung als Psychotherapeut verweigerte.

Fortan resignierte der Sexpol-Agitator Reich. Als ihm 1934 der Psychoanalytische Kongreß in Luzern aus politischen Gründen die Teilnahme verwehrte, trennte sich Reich auch von seinen Zunftgenossen: Er trat aus allen Fachvereinigungen aus. In Oslo gründete er schließlich ein »Institut

* SPIEGEL-Titel 51/1959.

für Sexualökonomische Lebensforschung«, in dem er sich der Erforschung der (von ihm so benannten) Orgon-Energie widmete.

Als Orgon bezeichnete Reich eine geheimnisvolle »bioelektrische Energie«, die nach seiner Überzeugung den ganzen Kosmos erfüllt und auch im menschlichen Körper pulsiert. Reich begann mit Versuchen, Orgon-Energie experimentell nachzuweisen und die Naturgesetze der kosmischen Kraft zu ergründen.

Um das Reich-Institut in Oslo rankten sich bald Gerüchte und Verdächtigungen. Norwegische Zeitungen starteten 1937 eine heftige Anti-Reich-Kampagne. Innerhalb eines Jahres erschienen mehr als 100 Artikel, in denen Reich (zu Unrecht) beschuldigt wurde, er habe in seinen Labors sexuelle Experimente vorgenommen. Mitte 1939 räumte Reich das Feld -- er siedelte nach Amerika über.

Im US-Staat Maine erwarb Reich eine verlassene Farm und richtete ein Forschungszentrum ein, das er auf den Namen »Orgonon« taufte. Dort baute er Orgon-Akkumulatoren, große blechverkleidete Holzkästen, in denen er Krebskranke zu behandeln versuchte. Später ließ er ein Orgon-Teleskop errichten und hoffte, damit kosmische Energie einfangen zu können.

Unermüdlich war Reich bestrebt, prominente Forscher, darunter Albert Einstein, oder einflußreiche Politiker für seine Arbeit einzunehmen. Fehlschläge schrieb er einer internationalen Verschwörung zu -- »Moskau und den Rockefellers«.

Trotz solcher Anzeichen von Verfolgungswahn konnte Reich in Amerika zahlreiche Anhänger um sich scharen: Mehrmals veranstaltete er auf seiner Farm internationale Orgon-Kongresse, zu denen Besucher aus aller Welt anreisten; amerikanische Ärzte etablierten eine »Gesellschaft für Orgonomie«; und in Maine weilten stets Reich-Schüler, die vom Meister in der Orgon-Lehre unterwiesen wurden.

Im Dezember 1950 begann Reich mit Experimenten, die dazu dienen sollten, Mäuse mit Hilfe von Orgon-Energie gegen Atomstrahlen immun zu machen. Als die Versuche scheiterten und Reichs Assistenten strahlenkrank in die Klinik eingeliefert wurden, begannen sich amerikanische Zeitungen für die mysteriöse Farm in Maine zu interessieren.

Auf Betreiben der US-Gesundheitsbehörde FDA wurde schließlich gegen Reich ein Gerichtsverfahren eingeleitet -- die Richter verboten ihm, seine Orgon-Kästen zu verkaufen und zu Heilzwecken anzuwenden. Als Reich sich weigerte, dem Spruch zu folgen. wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Die letzten Jahre vor seinem Tod widmete Reich dem Versuch, mit Hilfe einer Art von Orgon-Kanone Wolken zu erzeugen und Regen auszulösen. 1955 unternahm er eine Expedition in Amerikas wasserarmen Westen. Von dort übertrug das US-Fernsehen, was sich der Orgon-Forscher als seinen letzten Erfolg zuschrieb: In der Wüste von Arizona fiel Regen.

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