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Reich der Fabeln

aus DER SPIEGEL 32/1996

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus entzaubert der Historiker Klaus-Michael Mallmann in seiner jetzt veröffentlichten Habilitationsschrift auch den letzten Mythos des deutschen Kommunismus: die Epoche seines Aufstiegs in den zwanziger Jahren. Auf einer breiten Quellenbasis, die zentrale und regionale Vorgänge umfaßt, seziert der Autor Anspruch und Wirklichkeit einer politischen Bewegung, deren unüberwindliches Dilemma darin bestand, »revolutionär zu sein in nichtrevolutionärer Zeit« (Mallmann). Aus der Perspektive »von unten« schildert die Studie erstmals, wie Funktionäre und einfache Mitglieder der Anfang Januar 1919 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verbalradikale Umsturzparolen und pragmatische Alltagsbewältigung vergeblich in Einklang zu bringen versuchten. Keinesfalls entsprach die Partei dem Bild monolithischer Geschlossenheit, das ihre Führung nach außen suggerierte. Dabei interessieren Mallmann aber nicht die zermürbenden Machtkämpfe an der Spitze, sondern der immer wieder aufbrechende Dissens zwischen der selbsternannten Avantgarde des Proletariats und den vielbeschworenen Massen.

Die hatten das Nachsehen, wenn Konflikte »von oben« autoritär unterdrückt wurden. »Es bedurfte nicht Stalins«, so Mallmanns bemerkenswertes Fazit, »um die KPD zu ,stalinisieren'.« Längst bevor der sowjetische Diktator sich 1925 zum erstenmal in die deutschen Belange einmischte, hatte sich die KPD laut Mallmann »einen bolschewistischen Zuschnitt« verordnet - aus eigenem Antrieb und ohne Druck von außen. So wurde bereits auf dem 2. Parteitag im Oktober 1919 »straffste Zentralisation« eingeführt. Mitglieder, denen das nicht paßte, hatten »aus der Partei auszuscheiden« - ein Freibrief für spätere Säuberungswellen.

Die Studie widerlegt auch andere Legenden. Entgegen der weitverbreiteten Propaganda zog die Partei kaum Jugendliche an, war sie ein Männerbund aus der Frontkämpfer-Generation des Ersten Weltkriegs, der Ideologie und dem Milieu der wilhelminischen Sozialdemokratie weit mehr verhaftet, als sie wahrhaben wollte. Und so gehören angebliche Aufstandspläne der Kommunisten am Ende der Weimarer Republik - von den Nazis agitatorisch ausgeschlachtet, um das verschreckte Bürgertum auf den Retter Hitler einzuschwören - ebenfalls ins Reich der Fabeln. Als am 27. Februar 1933 der Reichstag in Flammen stand und SA-Trupps reichsweit Jagd auf NS-Gegner machten, war die KPD mit ihrem revolutionären Latein am Ende. »Ja, wenn die Arbeiter nicht kämpfen«, meinte Politbüromitglied Wilhelm Florin bloß.

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