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FRAUEN Reifer Pfirsich

Die Geburtenraten steigen, Stillen ist wieder in Mode, Frauen über dreißig holen neuerdings das Kinderkriegen nach -- ein neuer Mutter-Mythos breitet sich aus.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Ein Gespenst geht um in der Frauenbewegung: Es trägt einen dicken Bauch.« Mit solch geschichtsträchtigen Worten warnte das Emanzen-Blatt »Emma« schon im Herbst letzten Jahres vor einem »neuen Trend": »Schwanger sein ist power«, so der Titel eines doppelseitigen Comic-Strips.

Die wiedergewonnene Gebärfreudigkeit hat bereits einen Namen. Als »Neue Mütterlichkeit« spukte das von »Emma« erspähte Gespenst durch das Themenverzeichnis etwa der »Hamburger Frauenwoche«, die Ende März abgehalten wurde.

Die zahlreich in der Hamburger Uni versammelten Frauen bekannten sich geradezu euphorisch zur »neuen« Mutterschaft: »Wie eine Erdgöttin« hatte sich eine Jungmutter gefühlt, als sie mit dem Sohn schwanger ging. Konsens nach der Diskussion: »Schwanger sein ist (wieder) schön.«

Wie auf imaginäres Kommando hin besinnen sich die Frauen wieder aufs Kinderkriegen: Zum erstenmal seit 15 Jahren stieg in der Bundesrepublik im letzten Jahr die Geburtenrate wieder an. Rund 620 000 Babys wurden geboren, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Allenfalls mit einem Anstieg von zwei Prozent hatten die Experten beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden gerechnet.

Der unverhoffte Fünf-Prozent-Zuwachs geht, so erklärten die Wiesbadener Statistiker das Phänomen, auf die »große Zahl der nachgeholten Geburten« zurück: Bisher kinderlos gebliebene Frauen zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig zeigen plötzlich (so der Statistiker-Jargon) »ein verändertes generatives Verhalten« und bringen ihr erstes Kind zur Welt.

Den neuen Trend beobachten auch die Frauenärzte. »Immer älter«, so der Hamburger Gynäkologe Simeon Simov, seien in seiner Praxis die Erstgebärenden geworden. Auch im Marienkrankenhaus der Hansestadt hat sich laut Auskunft des Leitenden Arztes S.198 Hans-Harald Bräutigam die Zahl der erstgebärenden Frauen über dreißig im letzten Jahr »ganz auffallend« gesteigert.

Im Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung wird registriert, daß nun plötzlich auch Ehepaare, die vier bis sieben Jahre lang kinderlos verheiratet waren, die »lange hinausgezögerte Geburt« eines Kindes nachholen. Karl Schwarz, Leiter des Instituts, vermutet »eine Art Gebärschlußpanik« bei den Nachzüglern; vorwiegend seien Akademiker davon betroffen.

Umfassender suchten drei Münchener Psychologen, Lutz von Rosenstiel, Günther Oppitz und Martin Stengel, in einer Langzeitstudie die »Motivation des generativen Verhaltens« zu ergründen.

Eine jetzt veröffentlichte Zwischenbilanz bestätigt die Befunde der Statistiker: Nach Konsum- und Freizeitorientierung, nach Freßlust und Wohnwelle sei nun unversehens »Kinderfreundlichkeit wieder ''in''«, konstatiert Psychologe Stengel. Vor allem auch bei berufstätigen Frauen entdeckten die Münchener Psychologen plötzliche Schwangerschaftsgelüste.

Stengels Deutung: Viele Frauen hätten offenbar erkannt, daß ihnen eine »meist stark formalisierte Berufstätigkeit unheimlich wenig bietet«. Die Erwartungen, mit denen sie an den Beruf herangingen, hätten sich »einfach nicht erfüllt«. Bequemer und begründeter als über das Mutterdasein scheint der Ausstieg aus einem ungeliebten Beruf kaum möglich.

»Was ist los mit der Karrierefrau?«, fragte kürzlich auch das US-Magazin »Newsweek«. Denn unerwartet brachte auch in den USA das letzte Jahr reichen Kindersegen. 3,6 Millionen Neubürger wurden geboren, die höchste Zahl seit 1970.

Und auch dort gibt es den Nachzügler-Effekt: Um 37 Prozent höher als in den vergangenen Jahren ist der Anteil der über 30jährigen Frauen unter den Gebärenden. Im Northwestern Memorial Hospital in Chicago beispielsweise ist das Durchschnittsalter der niederkommenden Frauen mittlerweile auf 33 Jahre angestiegen.

Diesen »aus der Tiefe kommenden Baby-Hunger« sieht der Psychiater Donald E. Bloch vom New Yorker Ackerman-Institut für Familientherapie gerade bei jenen Frauen, die bisher das Kinderkriegen hinausgezögert haben -bei berufstätigen, in Städten lebenden Frauen über dreißig.

Die in den USA »sich ausbreitende Seuche« (so die New Yorker Psychologin Iris Fodor) macht auch vor Feministinnen nicht halt. So stellte noch vor wenigen Jahren die Radikal-Feministin Phyllis Chesler in ihrem Buch »Frauen -- das verruchte Geschlecht?« die Frage, wie Frauen sich vom Gebärzwang und von der Kindererziehung befreien könnten; Aufgabe der Wissenschaft sei es, »den Frauen die Bürde der Fortpflanzung abzunehmen«.

Nunmehr, in ihrem neuesten Werk, preist dieselbe Autorin, inzwischen Anfang vierzig und Mutter eines Sohnes, das einst so verabscheute Los des Weibes: »Ach Kindchen. Deine Geburt ist unglaublich, ein Wunder. Es gibt nichts, was daran heranreicht.«

Einen unverminderten »Drang zur Mutterschaft« entdeckte auch die US-Psychologin Myra Leifer, Mitarbeiterin an der University of Chicago, als sie amerikanische Mittelstandsfrauen zum Thema Schwangerschaft und Muttersein befragte.

( Myra Leifer: »Psychological Effects of ) ( Motherhood«. Praeger Publishers, New ) ( York; 296 Seiten; 8,95 Dollar. )

Keine der interviewten Frauen hatte je in Frage gestellt, ob sie überhaupt ein Kind wünscht. Einziges Problem, das mit dem zukünftigen Vater diskutiert wurde, war der Zeitpunkt der Familiengründung.

So als sei alle emanzipatorische Agitation ungehört verhallt, galten Geburt und Erziehung von Kindern den befragten Frauen als »Erfüllung«, »Vollendung der Persönlichkeit« und »Lebenszweck«. Die Antworten, stellt Myra Leifer resignierend fest, hätten auch »in den fünfziger Jahren gegeben werden können«.

Mit Beginn der ersten Schwangerschaft schwemmten Mutterglücksgefühle, so als wären sie lange aufgestaut, alle realistischen Überlegungen zum Thema »Beruf« hinweg.

»Ohne Bedauern« (eine der Interviewten) kehrten die Frauen dem frustrierenden Beruf (in diesem Fall Lehrerin) den Rücken. Fast allen bereitete der Gedanke an die Berufsaufgabe nur »äußerst milde Gewissensqual« (Leifer).

Für die meisten ist es kein Abschied für kurze Zeit, sondern fast schon der endgültige Ausstieg aus dem »Jobmarkt«. Mehr als drei Viertel der befragten Frauen wünschten sich die große, glückliche Familie mit mehreren Kindern, denen sie sich ausschließlich widmen wollen, bis zum Ende der Schulzeit. Das aber bedeutet für die Mütter eine Berufsabstinenz von etwa 15 Jahren, wie die Psychologin errechnete.

Fast alle der von Myra Leifer interviewten Frauen hatten im Beruf Gefühle der Unterlegenheit verspürt; sie zweifelten daran, ihrem Job zu genügen, sahen keine Möglichkeit, sich in der Arbeit voll zu entfalten. Sie empfanden die Mutterschaft als Ausweg aus der Zwangsjacke »Beruf« --Flucht in eine gefühlvolle Idylle.

»Schwanger zu sein«, so erklärte eine der Befragten, »gibt mir ein Gefühl der Macht.« Alle sehen, »daß ich eine fruchtbare Frau bin«. Zwischen dem dritten und sechsten Monat, einer relativ beschwerdefreien Zeit, schlugen die Emotionen »geradezu Purzelbaum« -- enthusiastische Wohlgefühle stellten sich ein.

»Voll in Blüte stehend« fühlte sich die eine, einem »reifen Pfirsich« gleich eine andere. Eine dritte empfand den S.200 gedanklichen Rückzug ins Bauchinnere als Reise »zu einer Insel der Ruhe«; oder das »ungeheure Vergnügen über den schwangeren Körper« (Leifer) wurde mit dem Zustand des »falling in love« verglichen.

Ähnlich inbrünstig -- und mit vergleichbarem Schwulst -- hat sich auch in der westdeutschen Frauenszene ein gewandeltes Mutterverständnis breitgemacht, das schon kultähnliche Züge annimmt.

Erste Einblicke in den neuen Mutterwahn lieferte die Schriftstellerin Karin Struck mit ihrem 1975 erschienenen Roman »Die Mutter«. Nichts anderes begehrt die Heldin des Buches, Nora Hanfland, zu sein als eine »Große Erotische Mutter«, die »so viel Kinder wie kommen« haben will, um »immerzu von warmen Säuglingen im Leib von innen heraus gewärmt zu werden«. Umgeben von Frost und Frust, reduziert Nora ihr Weltbild auf eines nur: Gebärmutter -- welch »kostbares köstliches Wort«.

Karin Strucks Buch war erschienen in einer Zeit, als die traditionelle Mutterrolle bei Feministinnen noch weitgehend Abscheu weckte. Die mythische Verherrlichung des Gebärapparats war dem bei der Lektüre »ergrimmten« Schriftsteller Peter Handke damals nur wie eine »bloße Umkehrung des blödsinnigen Penisneids« vorgekommen. Sogar die »Neue Zürcher Zeitung« erschrak bei dieser Einstellung, »die -vorsichtig ausgedrückt -- konservativem Denken sicher nicht fremd« sei.

Inzwischen sind es die »progressiven« Jungmütter im alternativen und feministischen Lager, die besonders hingebungsvoll nachleben und preisen, was Karin Struck literarisch vorexerzierte.

»Mutterschaft ist heute für Frauen eine böse Falle«, so hatte noch 1976 Simone de Beauvoir, Ziehmutter des deutschen Feminismus, in einem im SPIEGEL (15/1976) veröffentlichten Interview formuliert: Die Abhängigkeit der Frau beginne in dem Augenblick, da sie ein Kind bekommt.

Nun, »seit einigen Jahren«, gebe es eine »Gegenwelle«, konstatiert die Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk in einer Studie über »150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland:

( Herrad Schenk: »Die feministische ) ( Herausforderung -- 150 Jahre ) ( Frauenbewegung in Deutschland«. ) ( Beck''sche Verlagsbuchhandlung, München; ) ( 248 Seiten; 19,80 Mark. )

»Schwangerschaft, Geburt und Stillen rücken als ein zentraler Teil des Frauseins in den Mittelpunkt weiblicher Identität.«

Die Feminismus-Forscherin unterscheidet zwischen einem »alten« und einem »neuen Weiblichkeitsmythos«. Der alte habe die »seelische Mütterlichkeit« als das »wesensgemäß Weibliche« in den Mittelpunkt gestellt und so die erste Frauenbewegung an ein kulturell vorgeformtes Frauenbild verraten -- sie endete im Mütterkult des Nationalsozialismus.

Der »neue Weiblichkeitsmythos« hingegen, meint Herrad Schenk, sei vor allem auf die »Wiederentdeckung des Körpers« ausgerichtet; körperliche Vorgänge, »die von der patriarchalischen Kultur tabuisiert und ins Dunkel verbannt wurden«, sollen nun »von ihrer Negativbesetzung befreit werden«.

So produzieren Emanzipationsblätter ganze Sonderhefte zum Thema »Menstruation«, in den Regalen der Frauenbuchläden stehen meterweise Aufklärungsbroschüren zur »natürlichen Geburt« und Stilltechnik, und lustvoll wird die für Mutter und Kind gleichermaßen risikoreiche Hausgeburt propagiert.

Inbegriff der neuen Mutterseligkeit ist das Stillen. Vor wenigen Jahren noch verpönt, hat diese Nährweise seit 1978/79 »wahnsinnig zugenommen« (Bräutigam) und wird geradezu offensiv betrieben: Vor drei Jahren schon widmete die Berliner Frauenzeitung »Courage« dem Thema ein halbes Heft und ließ die Betrachtungen in den Forderungen einer streitbaren Stillgruppe gipfeln: »Stillen als Kampfmittel«.

Erklärtes Feindbild sind männliche Ignoranten, die bisher »Fähigkeiten des weiblichen Körpers, die nicht zur Befriedigung der üblichen männlichen Sexualität dienen, in keiner Weise« geschätzt haben.

Mittlerweile überziehen Stillgruppen und -clubs von Buxtehude bis München die Bundesrepublik; sogar das »Nordheide Wochenblatt« ist zum Forum der neuen Mütter geworden. Eine Stillgruppe aus Regesbostel, Landkreis Harburg, gibt dort Erfahrungen weiter: »Man muß auf jeden Fall viel trinken. Dadurch wird die Milchproduktion angeregt.« Je länger der Säugling an der Brust liegt, desto lieber ist es den Müttern.

Die Sozialpsychologin Schenk kommt zu dem Schluß, daß sich hier auch die Frauenbewegung wieder »an den alten Vorstellungen vom ''wesensgemäß Weiblichen'' orientiere; so wertet sie den »neuen Weiblichkeitsmythos«, der sich in solcher Mutterseligkeit äußert, als »reaktionär«.

Der Feminismus, so hatte schon 1978 die französische Feministin Christine Delphy formuliert, sei in Gefahr, vereinnahmt zu werden von »der ''neuen Weiblichkeit'', die in Wahrheit eine ganz alte ist«. »Durch die Hintertür«, so Herrad Schenk, schleiche sich hier die alte »biologistische Argumentation« wieder ein, die schon einmal, vor einem halben Jahrhundert, der Anfang vom Ende der Frauenbewegung gewesen sei.

S.195Informationsstand auf der Verbraucher-Messe »Du und Deine Welt«.*S.198Myra Leifer: »Psychological Effects of Motherhood«. PraegerPublishers, New York; 296 Seiten; 8,95 Dollar.*S.200Herrad Schenk: »Die feministische Herausforderung -- 150 JahreFrauenbewegung in Deutschland«. Beck''sche Verlagsbuchhandlung,München; 248 Seiten; 19,80 Mark.*

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