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Rein ins Leben

Die Neuheiten des Bücher-Frühlings: Abstürze und Angestelltenwelten, Terror und Melancholie - die Literatur sucht einen neuen Realismus.
Von Malte Herwig
aus DER SPIEGEL 12/2007

VERLIEBT IN BERLIN

Mathias Nolte schreibt über einen Absturz, der zum Aufbruch wird.

Es gibt ein paar Dinge, die ein Mann um die fünfzig erledigt haben sollte. Karriere und Kinder zum Beispiel, und auch die Sache mit der großen Liebe sollte man geklärt haben. Jonathan Schotter hat das beinahe alles geschafft. Er hat eine tolle Frau, sein Posten als Senior Vice President in einer Werbeagentur wirft genug Geld ab für eine Altbauwohnung, Urlaub in Saint-Tropez und Alden-Schuhe. Die Kinder sind zumindest in Planung.

Doch dann der Absturz: Seine Frau Susanne brennt mit einem argentinischen »Dichter und Polospieler« durch, und seinen Job verliert der Held an einen jüngeren Kollegen. Wie benebelt stolpert Jonathan durch die Straßen West-Berlins, auf der Suche nach ein bisschen Zukunft. Und die findet er auch, als ein junges »Ossi-Mädchen« seinen Laptop in der S-Bahn vergisst. Es ist eine kalte, alles verschlingende Stadt, die Mathias Nolte, 54, in seinem zweiten Roman »Roula Rouge« beschreibt. Voller Verlierer ("weil in Berlin Verlierer weniger auffallen als an irgendeinem anderen Ort der westlichen Hemisphäre"), Verzweiflung und kultureller Barrieren.

Jonathan wühlt sich durch die Datenwelt der 18-jährigen Roula Rouge, studiert wie besessen alle Aufzeichnungen, E-Mails, Fotos und verliebt sich bald in sie. Mehr und mehr ist er fasziniert von diesem jungen fremden Leben und beginnt, sich mit seinem geheimen Wissen eine unsichtbare Spur zu ihr durch die Stadt zu legen.

Ein hinreißender Liebesroman zwischen Charlottenburg und Prenzlauer Berg, zwischen Stillstand und Aufbruch und schließlich eine kurze Geschichte vom langen Gleiten durch die Zeit. VERENA ARAGHI

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VERDOPPELTE FREIHEIT

Johanna Straub weiß viel vom Glück, das aus dem Unglück kommt.

Susanne ist die beste und klügste Frau, die Bernd finden konnte. Aber dann wird er Vater, und während er im Flur der Entbindungsstation wartet, lässt er sein Leben rückwärtslaufen. »Freiheit ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt«, hatte ein Freund gesagt, doch für Bernd fühlt es sich eher umgekehrt an in diesem Moment. Rund zehn Jahre später verlässt Bernd Susanne und die zwei Töchter; um die ältere der beiden, Philippa, ist der Episodenroman gruppiert. Jedes Kapitel lässt einen anderen Ich-Erzähler zu Wort kommen, Philippas Großmutter, die nicht versteht, warum Susannes Ehe scheiterte; Philippas Freund, den das Ortsschild »Herzsprung« an das herannahende Ende der Beziehung erinnert; ihren Mann Daniel, der nach den Ursachen seiner Unfruchtbarkeit erst forschen will, wenn er auch Karriere macht.

Dass man Augenblicke des Glücks nur leben kann, wenn man das Unglück kennt, darum geht es im Debüt der Hamburgerin Johanna Straub - keine neue Erkenntnis, aber realitätsnah und unprätentiös aufgeschrieben. MARIANNE WELLERSHOFF

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LIEBE IN DER SCHWEBE

In seinem Erstling erzählt Olivier Adam von der Melancholie der Beziehungen.

Alles an diesem Text schwebt. Lili schwebt, die zarte Heldin, deren »Wahnsinnslächeln« grobe Kerle gierig macht und den schüchternen Julien derart aus der Fassung bringt, dass er sich beinahe nicht getraut hätte, sie anzusprechen. Alles schwebt aber auch, weil es Olivier Adam in seinem ersten Roman gelungen ist, das Wesentliche, die Melancholie der Beziehungen, zu erzählen, indem er nicht zu viel erzählt, Gefühle, Gedanken, Sehnsüchte in der Schwebe hält. Anstatt zu studieren, arbeitet Lili an der Kasse eines Supermarkts. Die junge Frau ist aus dem Gleichgewicht, seit ihr geliebter Bruder Jahre zuvor verschwunden ist, einfach abgehauen nach einem Streit mit den Eltern und nicht zurückgekommen. Nur gelegentlich bekommt Lili eine Postkarte von Loïc: »Keine Sorge, mir geht's gut.« So heißt auch die deutsche Fassung des Romans, dessen Verfilmung jetzt in die Kinos kommt (siehe Seite 182).

In diesem Sommer, den der Autor beschreibt, macht sich Lili auf die Suche nach dem Bruder und findet ein Familiengeheimnis - und vielleicht ein Stück zu sich selbst. »Ein Roman wie ein Chanson«, schrieb der »Figaro Étudiant« über das Debüt, das sich in Frankreich über 60 000mal verkauft hat. BETTINA MUSALL

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PROSA ZUR MUSIK

Wolfgang Schlüter nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn in die Oper.

Das schnurrt wie ein gutgeöltes Maschinchen, possierlichst die Sätze gesetzt, Anmut und Schrulle im Gleichmaß - und wen das nervt, der ist bereits für dieses Buch verloren: Der Schriftsteller Wolfgang Schlüter, 59, Spezialist für versunkene Welten, hat sich in seinem Roman »Anmut und Gnade« ein weiteres Mal als Stimmenimitator betätigt und führt den Leser an der Hand durch die Geschichte einer Operninszenierung in Paris. »Wenn mir dennoch unbehaglich zumute war«, so sagt sein Ich-Erzähler, »dann nur deswegen, weil mich die Worte meines Reisegefährten eher zitiert als originär anmuteten« - so kann's einem gehen mit diesem Buch, und damit ist der einzige Einwand auch schon gemacht, und man darf die Stärken der Sache loben: Es ist ein genau komponiertes Puzzle aus historischen Szenen, zeitgenössischen Erwägungen, klugen Bemerkungen über Musik allgemein und die Oper speziell, Armut und Reichtum einst und jetzt.

Der Leser wird kundig durch die Kabinette von Versailles geleitet, durch den Wochenmarkt des alten Paris und die Straßen der heutigen Banlieues, er bleibt im Bann diverser Geschichten, die von den Abenteuern des Rokoko und des siegreichen Kapitalismus selbstbewusst gerüscht erzählen. Das große Porträt eines Dirigenten im Geiste Nikolaus Harnoncourts versorgt das Publikum mit engagierter Prosa zur Musik, in der die Talente des Autors - Bildungslust und Wortmacht in Technicolor - aufs Allerschönste zur Geltung kommen. Ausstaffiert wie die Verfilmung von Süskinds »Parfum«, gebildet wie Kehlmanns »Vermessung der Welt« und zugleich kritisch wie die Vordenker von Attac: der ideale Bestseller für die gebildeten Stände. ELKE SCHMITTER

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KLUGE FREUNDIN

Die Essays von Siri Hustvedt strotzen vor Wissen und Selbstgewissheit.

Nach Siri Hustvedts letztem großem Wurf, dem Roman »Was ich liebte« (2003), folgt nun eine Essaysammlung: »Being a Man«. Darin denkt Hustvedt über so unterschiedliche Themen wie Korsetts, Geschlechterrollen, den 11. September oder F. Scott Fitzgeralds »Großen Gatsby« nach. Sie teilt intime Gedanken mit und ihr bemerkenswertes literaturtheoretisches Wissen, und da sie in der ersten Person schreibt, ist es, als läse man im Tagebuch einer klugen Freundin. Trotzdem stellt sich ein beklommenes Gefühl ein, denn es ist das Tagebuch einer Freundin, die alles hat, außer Selbstzweifeln. Ihre Eltern lieben sie, der Literaturbetrieb auch und die Leser sowieso. Ihr Mann - übrigens der

Schriftsteller Paul Auster - lässt es im Bett nie langweilig werden, ja selbst ein Penner rappelt sich hoch, wenn Hustvedt vorbeieilt, nur um ihre Schönheit zu würdigen. Was will sie mehr?

Ihre Essays zu F. Scott Fitzgerald oder Charles Dickens sind einleuchtend und originell. Andere wirken bemüht und strebsam - »wie Wittgenstein für Dummies«, so höhnte die »New York Times«. Überhaupt ist Hustvedt seit diesem Buch in ihrer Heimat als anmaßend verschrien. Trotzdem sprechen zwei Dinge für sie: Die Frau, die einen auf einer dreistündigen Zugfahrt eleganter unterhält, steigt sowieso nie ein. Und wie wir längst von einem anderen Dichter wissen: Some girls have all the luck. REBECCA CASATI

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DIE CIA HÖRT MIT

Ein Pakistaner vertraut sich einem Amerikaner an - keine gute Idee.

Lahore, eine pakistanische Millionenstadt nicht weit von der indischen Grenze: In einem Café der Altstadt treffen sich zufällig ein geheimnisvoller Amerikaner und ein Einheimischer.

Der Pakistaner heißt Changez, ein junger Universitätsdozent, der in New York auch für eine erfolgreiche Unternehmensberatung gearbeitet hat, bis er Skrupel bekam, sein Geld damit zu verdienen, »das Leben anderer zu zerrütten«, und zugleich die Lust verlor, jener »mächtigsten Zivilisation, die die Welt jemals gesehen hat«, weiter zu dienen - auch weil er wegen seiner Hautfarbe und seines Bartes sogar in New York schon mal als »Scheißaraber« angepöbelt wird.

Changez - so erzählt der in Lahore geborene pakistanische Brite Mohsin Hamid in seinem Roman »Der Fundamentalist, der keiner sein wollte« - musste begreifen, dass selbst ein globalisierter Wirtschaftsprofi wie er dem archaischen Begriff »Stamm« nicht so leicht entkommt; er vernachlässigte fast zielstrebig seinen Job, bis er gefeuert wurde und endlich nach Hause durfte.

Autor Hamid, 35, erzählt die Geschichte von Changez mit schönen Details, leicht und flüssig, als Monolog.

Die Leitartikel-Idee des Ganzen: Nicht jeder Pakistaner, der möchte, dass sein Land unabhängiger von den USA wird, ist ein primitiver Islamist, Antiamerikaner und potentieller Terrorist! Am Ende wird dann klar: Der seltsame Amerikaner, dem Changez alles erzählt, ist wahrscheinlich von der CIA. MATHIAS SCHREIBER

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VERIRRUNG UND VERTRAUEN

Barbara Gowdy versetzt sich in die Seele eines Mannes, der kleine Mädchen liebt.

Als Schuljunge wird Ron von der achtjährigen Jenny verführt, einer Freundin der Familie. Sie will »sexen«, so sagt sie. Als Ron erwachsen ist, tut er sich mit Nancy zusammen, doch insgeheim sehnt er sich nach kleinen Mädchen. Er fährt mit seinem Lieferwagen gern an Schulen vorbei, um die Kinder zu beobachten. Eines Tages sieht er Rachel, ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Rachel, neun Jahre alt, wirkt auf viele Menschen ungeheuer anziehend, und Ron redet sich ein, er müsse sie vor anderen beschützen. Er richtet in seinem Haus ein Zimmer für sie ein und entführt sie kurzerhand. Rachel, zunächst voller Angst, fasst nach einigen Tagen Zutrauen zu ihrem Kidnapper. Und ahnt nichts von dem gefährlichen inneren Beben, das sie dadurch bei Ron auslöst.

Die Geschichte der kanadischen Autorin Barbara Gowdy entfaltet einen ungeheuren Sog. Dabei erzählt sie mit großer Sensibilität von den verschiedenen Formen der Liebe, denen ihre Figuren hilflos ausgeliefert sind. In psychologisch genauen Nahaufnahmen zeigt sie die Einsamkeit ihrer Helden, die auf der Flucht vor sich selbst sind, zeigt, wie sehr die Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung sie antreibt, offenbart ihre Ängste, enttäuscht zu werden, als Liebende zu versagen. Der Roman variiert das Thema Verirrung und Vertrauen konsequent bis zum überraschenden Schluss. ANGELA GATTERBURG

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SCHÖN UND SCHLAU

Claude Arnaud feiert den französischen Aphoristiker Nicolas Chamfort.

Seine Aphorismen sind verzwickt und verzaubernd. Sie haben den Reiz des Paradoxons, die Tiefe der Erfahrung und den Vorteil des Witzes. »Was ich gelernt habe«, schrieb er, »weiß ich nicht mehr. Das wenige, was ich weiß, habe ich erraten.« Nicolas Chamfort war einer der führenden, wenn auch heute weitgehend vergessenen Intellektuellen in einer der schwierigsten Zeiten der französischen Geschichte. In Clermont-Ferrand 1740 als unehelicher Sohn eines Pfarrers und einer Adligen geboren und bei Pflegeeltern aufgewachsen, erlebte er sowohl das Ancien Régime als auch die Revolution. Marie-Antoinette schätzte ihn, den Revolutionären schrieb er Reden und Pamphlete.

Er sah gut aus, war selbstbewusst bis zum Hochmut und geistreich - der ideale und umschwärmte Bewohner der Salons der Hauptstadt. Auf Zetteln notierte der Dandy und Frauenschwarm vorm Zubettgehen seine Aperçus und funkelnde Anekdoten über die politische und gesellschaftliche Elite seiner Zeit. Als sich seine Schönheit nach einer Syphiliserkrankung verlor, veränderte sich auch sein Denken. Chamfort stellte die Wahrheit der Gefühle über die Logik des Verstandes. 1794 starb er an den Folgen eines Selbstmordversuchs, mit dem er seiner drohenden Verhaftung entgehen wollte.

Der französische Autor Claude Arnaud hat dem großen Unbekannten eine umfassende Biografie gewidmet. Ein verdienstvolles, materialreiches und vor allem Neugier weckendes Werk. Neugier auf den Autor hellsichtiger Erkenntnisse wie diese: »Wenn die Armut den Menschen seufzen lässt, so lässt ihn der Reichtum gähnen. Wenn uns das Schicksal von der Arbeit befreit, drückt uns die Natur mit der Bürde der Zeit nieder.« JOACHIM KRONSBEIN

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OHNE OHR

Neues vom armen Angestellten in einer glitzerkalten Bundesrepublik

Viel ist vorgebracht worden gegen das Werk von Wilhelm Genazino, 64, seit er in den siebziger Jahren mit seiner »Abschaffel«-Trilogie der Beschreibung verzweifelter bundesdeutscher Durchschnittsexistenzen eine bis dahin unerreichte Präzision verlieh. Immer wieder hat die Kritik am Beispiel Genazino die Frage gestellt: Kann die Schilderung des trostlos Alltäglichen verdichtet in genauer Beobachtung mehr sein als alltäglich? Dass dies gelingen kann, hat Wolfgang Koeppen in den Fünfzigern bewiesen, später auch Thomas Bernhard; Genazinos neuester Roman »Mittelmäßiges Heimweh« zeigt es erneut.

Dem Ich-Erzähler - einem Angestellten vor den Trümmern seiner Ehe, unterwegs in Frankfurts Rotlichtviertel - fällt grundlos beim Fußballschauen ein Ohr ab, später verliert er auch noch einen Zeh. Um diese Metapher der Selbstauflösung hat Genazino seine Narration gebaut, und der Ich-Erzähler scheint sich zunächst in sie zu fügen. Dass er am Ende seine Würde retten und abschließend bilanzieren kann »Ich bin beschädigt, ich habe Zeit« - darin zeigt sich die ganze Kunstfertigkeit Genazinos. PHILIPP OEHMKE

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GÖTTLICHE SCHRIFT

Eine Enkelin schildert das reiche und schwere Leben ihrer Großmutter.

Am Anfang ist alles zu Ende. Die Ich-Erzählerin liegt auf dem Totenbett. Sie ist im April 1986 mit 83 gestorben. Wie es der Islam vorschreibt, wird die alte Frau noch am selben Tag bestattet. Der Grabstein verrät, wer dort liegt: Rikkat Kunt (1903 bis 1986), eine Kalligrafin.

So beginnt Yasmine Ghata, 31, in Paris lebende Expertin für islamische Kunstgeschichte, ihren Debütroman über das Leben ihrer Großmutter. Ehrfurcht und Mitgefühl bestimmen Ghatas Geschichte gleichermaßen. Die Autorin nimmt die Kunst des schönen Schreibens, die Profession der Großmutter, sehr ernst. Die Schrift ist etwas Göttliches. Die in Rückblende erzählte Lebensgeschichte Rikkats schildert das Werden einer Kalligrafin als eine Art religiöse Initiation.

Die Autorin verführt den Leser dazu, über die kunstvollen Bögen der arabischen Buchstaben zur Poesie des Islam vorzudringen.

Ghatas schöner Roman erzählt von den Bedrängungen eines islamischen Frauenschicksals.

Das Verdienst dieser Autorin besteht darin, in den Zeiten des Erschreckens über den Islam den geheimnisvollen Zauber dieser Religion dem Leser näherzubringen. NIKOLAUS VON FESTENBERG

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HINTER DEN DINGEN

Ein Sommer in Schweden erweist sich für eine junge Frau als Liebesfalle.

Im schwedischen Värmland hat sich eine Gruppe Männer und Frauen gefunden, die hier einen Sommer lang ein Feriencamp für Jugendliche betreuen. Sie heißen Ralf, Sabine, Svenja oder Anja, sie kommen aus Ostdeutschland, und als der Roman »Kältere Schichten der Luft« einsetzt, da kann man im kühlen Dämmerlicht des frühen Abends schon den beginnenden Herbst erahnen. Herbst heißt Rückkehr nach Deutschland, Rückkehr in eine ungewisse Hartz-IV-Realität. Vorher schwärmen aber alle noch am Lagerfeuer davon, wie viel Glück sie gehabt haben, ihren Sommer in der Wildnis zu verbringen.

Wie Antje Rávic Strubel das allzu nachdrückliche Beschwören des eigenen Glücks bei ihren Figuren beschreibt, gehört zu den Stärken des neuen Romans. Und so hat ihre Ich-Erzählerin Anja ein ausgeprägtes Gespür für die Dinge hinter den Dingen. Auch deshalb passt sie, die lesbische Frau, nicht wirklich in die Gruppe der Alltagsflüchtlinge. Aber Schweden, ein weites Land, in dem viel möglich scheint, ist ihr Ort.

Eines Tages erscheint eine Frau und wünscht sich bedingungslose Liebe. Anja folgt dieser geheimnisvollen Frau, die ihr den Namen »Schmoll« gibt und von der man nicht genau weiß, wie real sie ist. Das ist poetisch geschrieben. Doch die philosophische Versuchsanordnung schimmert zu sehr durch. Ein interessantes Buch, kein verführerisches. CLAUDIA VOIGT

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DER UNSICHTBARE VATER

Zwei erwachsene Kinder erforschen das geheime Liebesleben der Eltern.

Ahnenforscher der Welt, schaut in dieses Buch! Dann werdet ihr sehen, dass Familienforschung keine nette Genealogen-Gaudi ist, sondern direkt ins Souterrain der eigenen Seele führen kann.

Der Ich-Erzähler Thomas im Roman »Liebesarchiv« des Schweizers Urs Faes ist wenig erfreut, als ihm eine alte Frau anvertraut, die Geliebte seines Vaters gewesen zu sein. Zu irritierend ist die Erinnerung an jenen Sommer, als der Vater Mutter und Kinder verließ und erst nach acht Monaten und ohne Erklärung zur Familie in das kleine Schweizer Dorf zurückkehrte. Der Vater lebt fortan wie ein Fremder unter ihnen, schuldbeladen und krank. Die Mutter verschließt sich und klammert sich in der Erinnerung an eine unerfüllte Jugendliebe aus Riga.

War der Mann vielleicht Thomas' Vater? Pater semper incertus est, der Vater ist immer unsicher, wissen nicht nur die Genealogen, und diese Vaterhypothek bewegt den Erzähler schließlich dazu, sich mit der Vergangenheit einzulassen.

Er besucht Vera, die Tochter der Geliebten seines Vaters, und erforscht mit ihr zusammen das »Liebesarchiv": die Hinterlassenschaft aus Fotos und Briefen der verbotenen Liebe seines Vaters und ihrer Mutter. Darin lernt Thomas einen anderen Vater kennen, einen, den er nie hatte: glücklich, befreit, zuversichtlich. Aber auch einen, der sich »zu früh verlobt und zu spät verliebt hatte«. Warum sind die Liebenden damals zurückgekehrt in ein Leben, in dem sie nicht ankommen, nicht glücklich werden konnten?

In Faes' Prosa glüht die Liebe dunkel und melancholisch wie bei einem García Márquez. Ein Roman voller Schönheit und Trauer - vielleicht doch kein Buch für Ahnenforscher. MALTE HERWIG

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