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KUNST Rein und strahlend

Schätze aus der »Verbotenen Stadt« in Peking werden in Berlin gezeigt, darunter Teile vom »kompliziertesten Bild der Weltkunst«. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Die Palastanlage galt als Mittelpunkt der Welt. Hier sollten Himmel und Erde sich berühren, die Jahreszeiten verschmelzen, Wind und Regen unter Kontrolle sein. In der »Verbotenen Stadt«, die ein Abbild des Kosmos war, sorgte der Kaiser von China, seines Amtes waltend, für allumfassende Harmonie.

Als tugendhafter Himmelssohn bewährte sich der Herrscher auch dadurch, daß er in seiner Residenz in Peking Kunstwerke anhäufte: Der Baukomplex wurde eine beispiellose Schatzkammer, und das ist er bis jetzt, 74 Jahre nach Ende der Monarchie, geblieben. Die »Verbotene Stadt«, 1925 zum »Palastmuseum Peking« erklärt, soll etwa 900 000, nur zu einem Viertel publizierte Objekte bergen.

Eine numerisch bescheidene Auswahl von 126 Stücken gastiert nun beim West-Berliner »Horizonte«-Festival. Im Martin-Gropius-Bau erlauben die »Schätze aus der Verbotenen Stadt« von Sonntag an authentische Einblicke ins Kunst-Reich der Mitte. Eine Parallel-Schau im selben Haus zeigt mit Leihgaben westlicher Museen, wie vielfältige Kontakte »Europa und die Kaiser von China« schon seit dem 13. Jahrhundert pflegten. _(Bis 18. August. Katalogbücher aus dem ) _(Insel-Verlag je 300 Seiten; je 24 (im ) _(Buchhandel 32) Mark. )

Den Schlußpunkt dieser Fernost-West-Beziehungen setzt in Berlin allerdings ein Dokument der Distanz und Frustration: ein 1816 geschriebener Brief des britischen Prinzregenten, den dessen Gesandter dem Kaiser von China nicht übergeben konnte, nachdem er den Kotau verweigert hatte.

Holländische Emissäre standen im Ruf größerer Biegsamkeit, und schon ein Stich von 1670 zeigt denn auch Gesandte dieser Nation mit Gastgeschenken vor dem »Mittagstor«, das noch heute in die »Verbotene Stadt« führt. »Horizonte« - Unterhändler Gereon Sievernich hatte dort nun weniger Etikette-Probleme, mußte aber immerhin sechsmal nach Peking reisen.

Die Ausbeute: Jadeschmuck und -gefäße bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück, gleichfalls uralte Bronzen, erlesenes Porzellan, kaiserliche Insignien wie Zepter, Thron und Siegel, kalligraphische Meisterwerke, vor allem aber erstaunliche Erzeugnisse der Malerei.

Was da auf Seidenstoff gepinselt ist, imponiert oft schon durch das Format. Fast 16 Quadratmeter mißt die Komposition, in der Maler Yuan Yao 1746 die »Sage vom Pfirsichblütenquell« dargestellt hat, auf zwölf je 2,20 Meter langen Hängerollen nebeneinander. Eine einzige, dafür aber 66 Meter lange Querrolle mit Festlichkeiten zum 80. Geburtstag des Kaisers Qianlong (Regierungszeit: 1736 bis 1795) läßt sich in Berlin nur halbwegs aufrollen, weil kein Ausstellungssaal groß genug ist.

Und ein Werk, das der Katalog als das »komplizierteste Bild in der Weltkunst« einstuft, ist ohnehin nur abschnittsweise präsentabel: Auf zwölf Rollen, zusammen mehr als 230 Meter lang, hat in den 1690er Jahren Kaiser Kangxi eine seiner Reisen in den Süden des Landes bildlich wiedergeben lassen. Neun Rollen sind

erhalten, fünf davon in Peking; drei kamen nun nach Berlin.

Kangxi, von 1662 bis 1722 auf dem Thron, war wie sein Nach-Nachfolger Qianlong ein besonders fähiger und dazu langlebiger Monarch aus der letzten Dynastie in China, der mandschurischen Sippe Qing, die aber chinesischer Kultur demonstrativ ihre Reverenz erwies; Kangxi glänzte selbst als Dichter und Gelehrter. Auf seinen sechs »Südreisen« sah er nicht nur nach dem Rechten, sondern warb auch geschickt um das Vertrauen seiner Untertanen - so, wie auf einer in Berlin gezeigten Rolle gemalt, durch Opferhandlungen am Grab des legendären China-Herrschers Yu.

In vielen Stationen ist der außergewöhnliche Gnadenerweis dieser Landbereisung dargestellt, bei der Kangxi leutselig Klagen anhörte, Begnadigungen aussprach und Steuern erließ. Am Ende der zwölften Rolle jedoch entschwindet er - dem gemeinen Volk unnahbar - wieder in der »Verbotenen Stadt«.

Die Bildreportage ist ein Werk des Malers Wang Hui, der jahrelang mit Gehilfen daran arbeitete und vom Kaiser durch einen Fächer mit der eigenhändigen Aufschrift »Landschaften, rein und strahlend« ausgezeichnet wurde.

Unter herrscherlicher Gunst und strenger Aufsicht erblühte eine Historienmalerei, die bisweilen auch ins Genrehafte spielte. Thema konnten Eissportvorführungen sein, bei denen Mandschu-Krieger dem Herrscher ihre Pirouetten zeigten, oder die »Freizeitvergnügungen der kaiserlichen Konkubinen«. Der Monarch wurde beim Ritual am Ackerbaualtar gemalt und bei einer so großen und reinen Symbol-Tat wie der Waschung eines Elefanten.

Unterdes schwoll die Sammlung im Palast, eine ästhetische Norm für die Kunst des Landes und zugleich ein Maßstab kaiserlicher Macht, gewaltig an. Der Heidelberger Ostasien-Spezialist Lothar Ledderose nennt Qianlong geradezu den »größten Kunstsammler der Weltgeschichte«.

Unter schwächeren und geldbedürftigen Nachfolgern schmolz der Schatz dann wieder zusammen, und schließlich verbrachten Truppen Tschiang Kaischeks 2000 Kisten aus dem Palastmuseum nach Taiwan. Das kommunistische Regime in Peking verfuhr wie bereits frühere chinesisch-traditionsbewußte Machtergreifer in vergleichbaren Fällen: Es füllte die Lücken nach Kräften auf.

Bis 18. August. Katalogbücher aus dem Insel-Verlag je 300 Seiten; je24 (im Buchhandel 32) Mark.

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