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Ausstellungen Reines Jenseits

Es blaut so blau: die »Farbe der Ferne« als Thema einer großen Ausstellung in Heidelberg.
aus DER SPIEGEL 10/1990

Zeigen Sie mir die blaue Bluse der Romantik.

Der alte Goethe mußte an »Beraubung, Schatten, Schwäche, Kälte« denken, Philipp Otto Runge wurde »eine gewisse Ehrfurcht« nicht los. Dem Impressionisten Camille Pissarro kam der »Stoff von Unterhosen« in den Sinn, Expressionist Wassily Kandinsky verspürte »Sehnsucht nach Reinem«. Sie alle blickten in kurz-, teils auch mittelwellig reflektiertes Licht. Oder einfach: ins Blaue.

Das scheint, in vielen Nuancen und Mischtönen, eine ganz besondere Farbe zu sein. Maler, die damit hantieren, überläuft seit Jahrhunderten eine metaphysische Gänsehaut; kaum einer wahrt so kaltschnäuzig seine Seelenruhe wie Pissarro. Andererseits: Kein anderer hat Blau derart dick aufgetragen wie der französische Schwärmer Yves Klein (1928 bis 1962), dem ein »reines Jenseits ohne Diesseits« am Herzen lag.

Deswegen rührte der Jüngling von der Cote d'Azur pures Ultramarin-Pigment mit einem Spezialbindemittel an und erklärte es zum »International Klein Blue«. Das war seine Tinktur für einfarbige Gemälde, für Schwamm-Plastiken, für »planetarische« Landkartenreliefs, für eine »Blaue Venus« aus Gips sowie für lebende Aktmodelle, die er dann faksimile als »Anthropometrien« auf Leinwände abdrückte. Wer vor den Werken steht, bekommt das Gefühl, sich selber mit der tintigen Farbe vollzusaugen: Blauer geht's nicht.

So geht es dem Besucher seit vergangenem Wochenende in einem Klein-Sanktuarium beim Heidelberger Kunstverein. Fast das ganze OEuvre-Spektrum ist da präsent, nur ein besonders farbintensives, zu Lebzeiten unverwirklichtes Projekt des Künstlers wird auch hier allenfalls angedeutet - durch einen säuberlich abgegrenzten Plexiglas-Sandkasten voll Ultramarin-Pigment. So weit, daß Kunstliebhaber das blaue Zeug, wie Klein sich das gedacht hatte, an ihren Schuhsohlen durchs Haus und auf die Straßen tragen dürften, geht die Romantik nicht einmal in Heidelberg.

Ziemlich weit geht sie schon. Denn der Raum für Klein bildet nur das feierliche Zentrum eines anspruchsvollen, expansiven Schau-Unternehmens. Es trägt den Titel »Blau: Farbe der Ferne« und traktiert sein Thema mit rund 300 Kunstwerken aus sechs Jahrhunderten an diversen Schauplätzen**. Noch der Tourist, der ahnungslos zum »Großen Faß« strebt, bekommt ein wenig Blau ab: Im Schloßgraben hat sich der Exilrusse Jurij Kalenderew mit Steinordnungen aus bläulichem Quarzit und einer blauen Hängebrücken-Konstruktion zu schaffen gemacht.

Hauptquartier und, in jedem Sinne, Ausgangspunkt der Schau ist aber ein neuer Anbau am Kurpfälzischen Museum. Die lichte, arg verspielte und nicht unbedingt zweckfreundliche Architektur nimmt auch den Kunstverein auf und wird zur Einweihung von ihm allein bespielt. Der Anlaß gestattet dem Direktor und »Blau«-Erfinder Hans Gercke ortsunüblichen Aufwand.

Von Kandinskys »Himmelblau« bis zu Robert Delaunays »Blauem Stilleben«, von Ernst Wilhelm Nays »Blau fugal« bis zu JirI (Georg) Dokoupils »Blauen Bildern über die Liebe« bringt die Ausstellung viel sehenswerte Kunst zusammen. Sie entgeht nicht dem Handikap fast jeder Themenschau, daß die Auswahl stellenweise oberflächlich motiviert und zufällig wirkt (manche Bilder sind nun eben blau, na und?) und daß themati** Bis 13. Mai. Katalog im Verlag Das Wunder- horn; 616 Seiten; 58 Mark (im Buchhandel 128 Mark). * »Flucht nach Ägypten« aus einem französischen Stundenbuch Anfang des 15. Jahrhunderts. sche Kriterien bisweilen gerade mittelmäßige Werke qualifizieren. Doch kommen auch Gruppen und Werkreihen von einleuchtendem Sinn zustande.

Was generell das Blau spätgotischer Madonnenmäntel (das vor allem bei einem Miniaturen-Annex in der Universitätsbibliothek aufleuchtet) mit der Farbe des Blauen Reiters zu schaffen hat, ist fraglich. Deren »innerer Klang« (Kandinsky) indes wird auf Bildern des Freundeskreis von Franz Marc bis Gabriele Münter aufs schönste vernehmlich. Er läßt sich auch bei Marianne Werefkin erhorchen, wenn kühles Bergblau eine rote Ruinenstadt hinterfängt; anderswo verbinden sich Rot-Blau-Kontraste mit erotischen Motiven.

Oder: Das Motiv der Blauen Grotte von Capri, einer Entdeckung deutscher Romantiker, wird bis in die Gegenwart verfolgt und provoziert beim Italiener Sandro Chia einen mysteriösen Salto rückwärts. Und in meditativer Yves-Klein-Nachfolge, doch näher am handgreiflichen Material, hat sich Helmut Dirnaichner, ein Bayer in Apulien, aus Zellulose und echtem Lapislazuli-Pulver ein durch und durch blaues Boden-Papier namens »Oltremare« zurechtgewalkt.

Wie kostbar die Substanz »Ultramarin«, die von »jenseits des Meeres«, aus dem heutigen Afghanistan kam, bis zu ihrer chemischen Synthese im 19. Jahrhundert war, wie andere Blau-Pigmente genutzt wurden und werden, was Blau physikalisch ist und wie es wahrgenommen wird, wie blau Ägypter, Chinesen und Moslems malten - mit solchen Auskünften tut das 600-Seiten-Katalogbuch ziemlich viel des Guten. Unersättlichen Interessenten werden obendrein Vorträge ("Die Blaue Stunde") und ein Filmprogramm (unter anderem: Andy Warhols »Blue Movie") angeboten. Die Ausstellung selbst hat auch eine Außenstelle »Blau in der Werbung«.

In entschieden eindrucksvollem Blaulicht schimmern jedoch Andachtsräume, die junge Leute (so Kazuo Katase, Matthias Wagner K, Markus Ambach) mystisch bis konstruktiv teils im Ottheinrichsbau des Schlosses, teils im bisherigen, provisorischen Kunstvereinsquartier eingerichtet haben. Da wird die Kunst einfallsreich aktuell, und das Thema kann ruhig auch mal in Vergessenheit geraten.

Tucholsky wollte seine deutschbeflissenen Amerikaner, nach Erkundigungen über die Bluse der Romantik, noch »Europa, Persien und Heidelberg« besuchen lassen. Ja dann.

Jürgen Hohmeyer

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