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MUSIK / MOORMAN Reis im Haar

aus DER SPIEGEL 35/1967

Im Rhythmus der »Träumerei« von Schumann vibriert eine bloße Brust. Das Vibrato ist die Stärke der amerikanischen Cellistin Charlotte Moorman, 29. Wo immer sich Gelegenheit bietet, macht sich die Virtuosin von überkommenen Interpretationsmethoden frei: In Rom und Reykjavik, in Florenz und Stockholm, in der Berliner Galerie René Block und in einer Gondel auf Venedigs Canale Grande bot sie zum Saitenspiel dem Publikum die Brust.

Die Blöße, an der sich europäische Konzertbesucher bislang nicht stießen, erregte jüngst die New Yorker Polizei: Als die Moorman, in geschlossener Gesellschaft, zu einem Cello-Stück (Titel: »Opera Sextronique") des koreanischen Komponisten Nam June Paik die Bluse abstreifte, griffen Beamte in Zivil zu. Sie untersagten die Darbietung und führten die Topless-Streicherin zu mehrtägiger Untersuchungshaft ab.

Auf dem Weg zur Zelle hat die Cellistin die Polizei-Eskorte studiert: »Das waren Leute, die das Wort »Kunst' nicht kannten und die ganz bestimmt beim Betrachten der Venus von Milo onanieren.

Auch der Richter ("Pablo Casals musiziert ja auch nicht mit nacktem Unterleib"), dem die Moorman vorgeführt wurde, hatte wenig Sinn für den Halbakt der Cellistin. Für ihn war das freie Spiel mehr Brunst als Kunst. Und so sprach er denn die »schwache und unreife« Moorman »schuldig wegen unanständigen Auftretens in der Öffentlichkeit«.

Doch weder das Urteil noch die obszönen Anträge, die sie seit der Gerichtsverhandlung telephonisch und telegraphisch erhält ("Wann kann ich mit Ihnen schlafen?"), noch die lukrativen Nachtklub-Angebote können die auf staatliche Arbeitslosen-Unterstützung angewiesene Künstlerin von ihrer Überzeugung abbringen: »Nacktheit ist ein integraler Bertandteil vieler Musik-Werke.« Den Beweis für ihre Ansicht, so brüstet sich Miß Moorman, liefern die Komponisten selbst; »denn nur mit ihrer Zustimmung ziehe ich mich aus«.

Sie hat, so glaubt sie, vor allem die Zustimmung von Erik Satie ("Drei Stücke in Birnenform«, »Wirklich schlappe Präludien für einen Hund"), der in seinem Ballett »Relâche« zum Beispiel nackte Interpreten sehen wollte und der »überhaupt alles Nackte liebte« -- so die Satistin Moorman. Anweisungen für das Entkleidungs-Spiel bekam Miß Moorman auch von zeitgenössischen Komponisten: so von Karlheinz Stockhausen, der in seinen »Originalen« dem Interpreten die Freiheit läßt, »ganz sich selbst zu produzieren« -- für Charlotte Moorman die unmißverständliche Aufforderung, die Brust frei zu machen -, so von den Großmeistern des musikalischen Happenings John Cage, Mauricio Kagel und Nam June Paik. Sie fordern von ihrer Exegetin sogar den Vollakt, mußten sich jedoch bislang mit einer Moorman im Cellophankleid bescheiden.

Zwar räumt die Cellistin ein, daß es auch Komponisten gibt, die »Nacktheit nicht in ihre Werke einbezogen haben Doch deren Stücke interpretiert sie auf nicht minder eigenartige Weise. Angeleitet von ihrem Busenfreund Paik (wo die Moorman ist, ist auch er), gestaltete sie für eine US-Fernsehstation zum Beispiel eine Bach-Suite zu einem Happening. Nach vier Takten stieg sie im samtenen Abendkleid in eine Tonne und tauchte durchnäßt wieder auf. Nach abermals vier Takten strich sie sich gekochten Reis ins Haar und erklärte den Vortrag für beendet.

Andere Klassiker-Stücke unterbricht sie, um -- streng nach Paiks Bearbeitungs-Vorschriften -- Glas zu zersägen, Rock'n'Roll-Platten abzuhören, den Wetterbericht zu verlesen, ein Gewehr abzufeuern, Würstchen zu brühen, einen Zuhörer zu rasieren oder Paiks nackten Rücken als Cello zu benutzen.

Derlei unterhaltende Zugaben will die Künstlerin jedoch nicht als Happening gewertet wissen. Zusammen mit dem Happening-erprobten Fortner-Schüler Paik hat sie die aus Konzert- und Theater-Rudimenten gemischte Darbietung »Mixed Medium« benannt und zur »Kunstform der Zukunft« erklärt -- eine Form, mit der herkömmlicher Kunstgenuß lächerlich gemacht und das spirituelle Moment der Musik getötet werden soll.

»Meine Gedanken«, sagt Charlotte Moorman, »sind jetzt nur noch in die Zukunft gerichtet; ein Zurück gibt es nicht.«

Vor allem gibt es für sie keine Rückkehr zur herkömmlichen Musik, die Miß Moorman immerhin über zehn Jahre lang pflegte -- zu Hause in Little Rock, an der »University of Texas«, wo sie den Grad eines »Master of Music« erwarb, dann in Leopold Stokowskis »American Symphony Orchestra«.

Nach dreijährigem Orchester-Dienst ließ sich die gründlich ausgebildete Cellistin, die über eine präzise Kenntnis der Standardliteratur ihres Instruments verfügt ("Ich habe ein gutes Verhältnis zu Bach, Brahms und Webern"), von der »American Symphony« abwerben -- der »Action -- Musiker Paik verhieß ihr eine Weltkarriere: Er wollte sie als »Sex-Element« in die Musik einführen. Das Element wurde alsbald Paiks Klangkörper.

»Jeanne d'Arc der Neuen Musik« (Edgar Varèse) kämpft seither für die neue Idee des Mixed Medium in aller Welt -- in Konzerthallen und Kunstgalerien, im Fernsehen und Rundfunk, auf Dachböden und in Stadtparks, auf Hauptverkehrsstraßen, Kanälen und Friedhöfen. Einen letzten Zweifel am Ewigkeitswert des Mixed Medium scheint Miß Moorman indes noch im Busen zu tragen. Die knappe freie Zeit, die ihr die permanente Musik-Revolution läßt, nutzt sie zu Tonleiter- und Fingerübungen. »Denn man kann ja nicht wissen«, so bangt sie, »ob die avantgardistischen Komponisten nicht irgendwann dazu übergehen, richtige Noten zu schreiben.«

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