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LITERATUR Reise in den toten Winkel

Peter Handke erzählt in seiner neuen Geschichte »Kali« von einer geheimnisvollen Nacht - und folgt auf der Bühne beschwingt den »Spuren der Verirrten«.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Viele haben sich gefragt, auch unter den Wohlwollenden und Freunden: Wie wird er danach wieder auftauchen? Nach all dem Schlamassel mit seinen starrsinnigen, nur selten erhellenden oder gar überzeugenden Serbien-Schriften, nach seiner Rede am Grab von Slobodan Milosevic, nach der nicht nur lokalpolitischen Farce um die Vergabe und Rücknahme des Düsseldorfer Heine-Preises?

Manche haben ihn schon abgeschrieben, sehen ihn auch als Schriftsteller beschädigt, doch Peter Handke, 64, zeigt sich unverdrossen. Scheinbar ganz der Alte, kauzig-verspielt als Theaterautor, leserquälend-streng als Erzähler. Diese Woche wird eine Handke-Woche: Ab Montag soll die neue Erzählung »Kali. Eine Vorwintergeschichte« erhältlich sein, am Samstag sein Stück »Spuren der Verirrten« am Berliner Ensemble in einer Voraufführung gezeigt werden (die Uraufführung unter der Re-gie von Claus Peymann ist für den 17. Februar geplant)**.

Das Theaterstück hat das Zeug zu einem Bühnenhit, ist nebenbei auch guter Lesestoff. Denn Handke erzählt gewissermaßen, was sich ereignet, genauer: Er lässt einen idealen »Zuschauer« berichten.

Die Schauspieler treten hauptsächlich paarweise auf. Sie kommen mit Koffern, andere mit Schultaschen, zwei schreiten Hand in Hand daher, ein anderes Paar leicht versetzt: der eine laufend, der andere ihm nach ... Bisweilen geht es dabei schweigend zu wie in Handkes Stück »Die Stunde da wir nichts voneinander wussten« (1992), mehr und mehr aber werden Stimmen laut. Das ist mal wohltuend komisch, auch ironisch und kalauernd, mal von bitterem Ernst, wie bei einem Auftritt von Verletzten und Verwundeten.

In der Erzählung »Kali« dagegen gibt es wenig zu lachen, nichts zu schauen. Dabei unterscheidet sich die Geschichte formal nur wenig vom Theaterstück, sie wirkt vielmehr als verunglückte Verlängerung und Fortsetzung, beginnt erklärtermaßen auf der »Hinterbühne«.

Auch hier gibt es die Figur des Zuschauers, der berichtet. Er folgt einer Sängerin auf Schritt und Tritt, nachdem sie das Konzerthaus verlassen hat. Es ist die Nacht »nach dem letzten Konzert vor dem Winter«, eine Nacht, in der es »wenn nicht tag- so fast bühnenhell« zugeht. Die Observierung der Sängerin durch den Ich-Erzähler (später wird klar, dass er sich alles nur ausdenkt) beginnt in einer größeren Stadt, doch weiß offenbar auch der Verfolger nicht recht, wo man sich befindet ("Wien kann das also wohl nicht sein? Zürich? Oder, warum nicht, Innsbruck? Oder vielleicht Perpignan?")

Ort und Zeit verschwimmen. Ist es ein Traum, ein Spuk? Einmal geht ein Busplatz »gleich über in Kuhweiden - samt das Vorwintergras rupfenden Kühen -, einen Steinbruch, ein Waldstück«. Am Ende der Reise (mit Chauffeur, mit einem Schiff, zu Fuß) kommt die Beobachtete im Land ihrer Kindheit an, im »Toten Winkel« ("Kein Staat war mit ihm zu machen, und das mitten im Vereinten Europa"), dort, wo der Untergrund »bis in die tiefsten Tiefen aus Salz« besteht.

Hinab ins Kalibergwerk geht die Reise - und hinauf auf den Salzhügel, von dem sich die Frau mit einem Bewohner des Ortes Arm in Arm hinabrollen lässt. Ein Liebespaar? Nein, man nähert sich einander hier nur in der Möglichkeitsform. »Und wir hätten uns weitergeliebt«, glauben beide. Sie: »Du wärst mein Körper gewesen.« Er: »Und du der meine.«

Die Zeichen der Zeit sind gleichwohl in dieser weltenthobenen Märchengegend mehr als deutlich. Von den Flüchtlingen »dieses neuen Jahrtausends« ist die Rede, die »ganz und gar nicht mehr heimisch« würden: »Die heutigen Flüchtlinge bleiben ganz unter sich.« Die »Vorwintergeschichte« - ein Warnruf vor dem Ende der Zivilisation. Die Pastorin predigt: »Das schuldlos Schlechte nimmt inzwischen, machtvoll und auch nicht mehr zu bekämpfen, die Stelle des einstigen Bösen ein.«

Handkes Unlust, aus unserer Alltagswelt zu erzählen, Figuren ein individuelles Profil zu geben, Identifikation zu erlauben, Konflikte zu zeigen und in glaubwürdigen Dialogen zuzuspitzen, wird indirekt von einer jungen Frau angesprochen, die zu den »Auswanderern« gehört: »Weg von den Dreiecksgeschichten. Weg von den SMS, ADN, UPS, AKH, von den Fahrzeugkennzeichen, den Straßennamen, den Künstlernamen, den Kosenamen, den Spitznamen, den Vor- und Nachnamen.«

Das ist programmatisch für die Erzählform. Schon vor vier Jahrzehnten hat Handke klargestellt, dass er nicht für ein Massenpublikum zu schreiben gedenkt. Als »Bewohner des Elfenbeinturms« erklärte er 1967, er könne in der Literatur keine Geschichten mehr ertragen. Die Erfindung, die Fiktion, sei überflüssig. Im Jahr zuvor hatte er sich als Theaterautor mit einem Stück ohne jede Handlung vorgestellt, das exakt bot, was der Titel ankündigte: »Publikumsbeschimpfung«.

Die Bühne erweist sich bis heute als robustes Medium: Was in der Erzählung stilistisch verkrampft, allenfalls unfreiwillig komisch wirkt, könnte dem »Spuren«-Stück problemlos aufgeladen werden - hier wären die putzigen Dialoge der Sängerin und ihres Partners, die Philippika der Pastorin und der Ausruf der jungen Frau leicht zu integrieren.

Und wenn dann am Ende der Zuschauer einschreitet und zur Schauspieler-Beschimpfung anhebt, dann gewinnt das alles spielerischen Ernst, eine wunderbare Leichtigkeit: »He, ihr! Keine Tragödien vortäuschen. Alles nicht wahr. Auf, ihr Knochen. Tut was für mein Geld.« So wird ein Kunststück daraus, so ist die Welt zu begreifen. Davon ist die schwer beladene Erzählung weit entfernt. VOLKER HAGE

* Probe am Berliner Ensemble.** Peter Handke: »Kali. Eine Vorwintergeschichte«. 164 Seiten;16,80 Euro. »Spuren der Verirrten«. 92 Seiten; 14,80 Euro. BeideSuhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

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