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HIRNSCHÄDEN Reise ins Labyrinth

Mit einer exotischen Sammlung von Krankengeschichten Hirngeschädigter erregte ein New Yorker Neurologe in der Fachwelt Aufsehen. Sein Buch wurde zum Bestseller. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Während draußen Silvesterböller krachen, fällt in der Klinik ein Mann aus dem Bett. Nun sitzt der Unglücksrabe, umringt von beschwipsten und kichernden Krankenschwestern, verstört auf dem Boden. Hektisch, offensichtlich in Panik, zerrt er an seinem linken Bein. Ins Bett will er partout nicht zurück.

Dem eilig herbeigerufenen Doktor erzählt der Patient eine wirre Geschichte: Er sei, so stammelt er, plötzlich aufgewacht und habe neben sich ein fremdes, abgetrenntes Bein entdeckt. Beim Versuch, das schauerliche Fundstück aus dem Bett zu stoßen, sei er hinterhergefallen; und jetzt, »gespenstisch, absolut grauenhaft«, sei das Leichenteil an seiner linken Hüfte festgewachsen.

Die Geschichte vom toten Bein, ein Gruselstück wie von Franz Kafka, stammt aus der Praxis des britischen Neurologie-Professors Oliver Sacks, der am New Yorker Albert Einstein College of Medicine forscht und lehrt. Sein Patient, der in der Neujahrsnacht aus dem Bett fiel und sich in einem Alptraum wiederfand, litt an einem Gehirntumor; das eingebildete Leichenbein wurde er nie mehr los.

Rund 20 ähnlich eindrucksvolle Fallbeispiele schildert Neurologe Sacks in seinem jüngsten Buch, das in den USA und in Großbritannien zum Bestseller aufrückte und das in deutscher Übersetzung jetzt bei Rowohlt erschienen ist. In der buntgemischten Fallsammlung - Titel: »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« - vertieft sich der Autor einfühlsam in das Seelenleben von Patienten, die, meist durch organische Hirnschäden, in eine bizarre, geisterhaft verzerrte Wahnwelt verschlagen wurden. _(Oliver Sacks: »Der Mann, der seine Frau ) _(mit einem Hut verwechselte«, Rowohlt ) _(Verlag, Reinbek; 320 Seiten; 34 Mark. )

Was Sacks bei seinen Expeditionen in die exotische Innenwelt Gehirnkranker zutage förderte, fasziniert Laien und Fachleute gleichermaßen. Als begnadeten Geschichtenerzähler ("Scheherezade der Neurologie") rühmte ihn die Londoner »Sunday Times«. Den britischen Komponisten Michael Nyman inspirierte die Titelgeschichte des Sacks-Buchs zu einer Kammeroper, die im Institute of Contemporary Arts zu London erfolgreich aufgeführt und inzwischen fürs Fernsehen verfilmt wurde.

Doch auch die Fachwelt applaudiert: Sacks, schwärmt etwa der deutsche Neurologie-Professor Thomas Lindner, habe mit seinem »wunderbaren Buch« längst »geheiligtes Wissen vom Sockel gestoßen« und auf seinem Arbeitsgebiet eine »Revolution« vollbracht, ein Lob, das auch andere Experten nicht für übertrieben halten.

Der so Gepriesene, ein sanfter Hüne mit wildem Vollbart, hat sich vorgenommen, endlich ein traditionelles Manko seiner Wissenschaft auszugleichen. Seit mehr als 100 Jahren, klagt er, beschäftige sich die Neurologie fast nur mit der linken Hälfte des menschlichen Großhirns. Im Linkshirn, das wie ein Computer funktioniert, haben die intellektuellen Gaben des Homo sapiens ihren Sitz.

Links etwa liegen die Zentren für das abstrakte, mathematische Denken, für die Sprachlogik, den Wortschatz oder den Zeitsinn. Schäden, »Ausfälle« in den linken Schaltstellen, führen alsbald zu präzise bestimmbaren Funktionsverlusten: Mal bricht der Vokabelspeicher zusammen, mal versagt die Fähigkeit, Erinnerungen chronologisch zu ordnen.

Was sich dagegen in der rechten Hirn-Hemisphäre abspielt, ist laut Sacks noch kaum bekannt. Nur soviel ist sicher: Ausfälle im Rechtshirn führen zu diffusen, schwer zu beschreibenden Veränderungen im Gesamtbefinden und produzieren Symptome, die, wie Sacks notiert, von den Ärzten oft als Macken oder »wunderliche Phänomene« abgetan, wenn nicht einfach ignoriert werden.

Von solchem Hochmut, der das rechte Gehirn zu einer schlechten Kopie des brillanten Linkshirns herabstuft, ist der menschenfreundliche Professor Sacks weit entfernt. Er jedenfalls hat, rechts hin, links her, stets das ganze Gehirn und damit das komplette Selbst seiner Patienten im Visier- ihre »Identität«, die sich auch bei gravierenden Hirnschäden immer irgendwie zu behaupten sucht.

Wie das menschliche Zentralorgan auf Defekte reagiert, wie es Schäden kompensiert und dabei manchmal wieder notdürftig Ordnung, oft aber auch ein fürchterliches Chaos in der Psyche schafft - das vor allem ist es, was Sacks an seinen Fällen illustrieren will, so etwa an den Zwillingen John und

Michael, die trotz schwerer Hirnschäden zu erstaunlichen Leistungen fähig waren.

Die gnomhaften Brüder, »eine groteske Variante von Zwiddeldei und Zwiddeldum« (Sacks), verblüfften ihre Mitmenschen durch wahrhaft akrobatische Zahlenkunststücke. Sie waren imstande, endlose Primzahlen-Reihen fehlerfrei herzusagen oder, für 40000 Jahre voraus und zurück, jedes beliebige Datum beim Wochentag zu nennen.

Dabei konnten die beiden nicht einmal die simpelsten Rechenoperationen bewältigen. Nur mit viel Mühe kam Sacks dahinter, wie die Zwillinge ihre monströsen Zahlenspiele zustande brachten: Sie »operierten« nicht mit Zahlen, so erkannte er, sie sahen sie vielmehr plastisch vor sich »wie eine gewaltige Naturszene« - ein imaginäres Zahlen-Universum, das sie zwanglos wie im Traum durchstreiften.

Ein anderes, erheiterndes Beispiel für die Gabe Hirnkranker, ihre Defekte zu kompensieren, erlebte Sacks während einer Fernsehansprache Ronald Reagans. Zuschauende Patienten, die allesamt die Fähigkeit verloren hatten, den Sinn gesprochener Worte zu verstehen, brachen bei der Rede des US-Präsidenten in schallendes Gelächter aus.

Sie hatten, dank einer gesteigerten Sensibilität für Gestik, Mimik und Tonfall, den gekünstelten Auftritt des Ex-Schauspielers Reagan als gekonnte Augenwischerei durchschaut und den Redner deshalb hinreißend komisch gefunden. Der Mann, äußerte eine Patientin, sei »entweder hirngeschädigt, oder er hat etwas zu verbergen« - für Sacks ein Urteil von bestechendem Scharfsinn.

Eher tragikomisch wirkt dagegen die Geschichte des Mannes, dem das Sacks-Buch seinen Titel verdankt. Der Patient ein Musik-Professor und ehemals bekannter Konzertsänger, hatte sich ganz allmählich zu einem zerstreuten Sonderling entwickelt. Auf der Straße etwa tätschelte er Hydranten oder Parkuhren, weil er sie für Kinder hielt, Holzpfosten oder Standuhren begrüßte er liebenswürdig als alte Bekannte.

Mit Hilfe einer Reihe einfacher Tests fand Sacks heraus, daß der Professor an einem Defekt seines Sehzentrums litt. Zwar hatte sein Augenlicht offenbar nicht den geringsten Schaden genommen, wohl aber seine Fähigkeit, das Gesehene richtig zu deuten.

So nahm er etwa ein Gesicht nicht mehr als ein sofort identifizierbares Ganzes wahr; was er sah, war zunächst nur ein Sammelsurium von Formen und Farben. Aus diesem Durcheinander verfertigte sein Sehhirn, ähnlich wie ein Polizeicomputer, ein ungefähres, schematisches Konterfei, wobei es entscheidend auf besondere Kennzeichen (Schnurrbart, Hut oder Zahnlücken) ankam - bei Fehlanzeigen blieb das Bild verschwommen oder völlig nichtssagend.

Immer tiefer Verirrte sich der Professor in seine namenlose Gespensterwelt, doch zugleich fand er, wie von selbst einen Ausweg. Mehr und mehr übersetzte er, ständig vor sich hin summend seine visuellen Eindrücke in Musik. Bei der Arbeit, den Mahlzeiten oder Spaziergängen verknüpfte er alle Bewegungsabläufe mit charakteristischen Tonfolgen. Zwar erkannte er seine Studenten nicht, solange sie still saßen, doch wenn sie sich bewegten, vernahm er eine Art Erkennungsmelodie für jeden einzelnen. Er konnte bis zum Tod seinen Unterricht fortsetzen.

So tröstlich, mit einem halben Happy-End wenigstens, gehen nicht alle Geschichten aus, die Sacks in seinem Buch erzählt. Manche künden von Hirn-Katastrophen, die ihre Opfer als Schattenwesen oder wie zerbrochenes Spielzeug zurücklassen.

Da gibt es etwa den Fall jenes U-Boot-Matrosen, für den die Zeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs unwiderruflich stillsteht. Nichts, was seither geschah, hinterließ im Bewußtsein des hirnkranken Seemannes jemals eine Spur, die länger haftete als höchstens ein paar Minuten. Immer wieder aufs neue bestaunt er in den Zeitungen Bilder, die zeigen, was es anno 1945 auf der Welt noch nicht gab.

Da gibt es, ferner, die Krankengeschichte einer jungen Frau die über Nacht ihr »Körper-Ich« für immer verlor.

Jeden Schritt, jede Handbewegung muß sie seitdem mit konzentrierter Willenskraft überwachen und steuern. Sobald ihre Anspannung nachläßt, bricht ihr Körper zusammen wie eine in ihre Fäden verhedderte Gliederpuppe.

Daß Sacks aus seinen suggestiv geschilderten Patientengeschichten kein übersichtliches Konzept der Hirnfunktionen ableitet, sondern wie ein Sammler seine neurologischen Trouvaillen aneinanderreiht, hat sicher die Faszination für seine Laien-Leser beträchtlich erhöht: Sie werden durch ein unergründliches Labyrinth geführt und haben dabei das schwindelerregende Gefühl, auf einer hauchdünnen Eisdecke zu wandeln.

Jederzeit, so lautet die Botschaft des Sacks-Buchs, kann das scheinbar so stabile Ich aus den Fugen gehen; ganze Stockwerke des stolzen Bauwerks können, manchmal sogar unbemerkt, spurlos in einem schwarzen Loch versinken - wie etwa bei jenen Hirnpatienten, die nicht nur jählings erblinden, sondern dabei auch für immer vergessen, was Sehen überhaupt bedeutet.

Die Intensität, mit der Sacks seinen Lesern solche Tragödien nahebringe, meint die britische Kritikerin Fiona Mac-Carthy, mute fast schon genüßlich an. Wie ein »Connaisseur«, ein verwöhnter Kenner, serviere Sacks die erlesensten Kostbarkeiten aus seiner New Yorker Praxis.

Doch seine Einfühlungsgabe hat Sacks, zumindest einmal, auch am eigenen Leibe schulen können. In Norwegen hatte er, auf Wandertour, vor einem wütenden Bullen flüchten müssen und sich dabei schwer am Schenkel verletzt. Nach einer Operation, die danach notwendig wurde, quälte ihn lange das Gefühl, auf einem fremden Bein zu stehenmal fühlte es sich dünn wie ein Streichholz an, mal dick und lang wie ein Eichenstamm.

Dem Fall Sacks hat der Neurologe Sacks seinerzeit gleich ein ganzes Buch gewidmet.

Oliver Sacks: »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte«,Rowohlt Verlag, Reinbek; 320 Seiten; 34 Mark.

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