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Reise-Literatur

aus DER SPIEGEL 42/1972

Bei deutschen Dichtern klingelte das Telephon: Ob sie nicht irgendwohin fahren wollten, bis zu vier Wochen an jeden Platz der Welt, wenn nötig, auch zu zweit, alles kostenlos, hinterher was drüber schreiben, natürlich gegen gutes Honorar? Die deutsche Literatur wird zur Zeit vom »Stern« in Urlaub geschickt

zu einer Aktion »Schriftsteller beschreiben Urlaubsparadiese«, die versuchen soll, die Belletristen in die Tourismus-Berichterstattung einzubeziehen. Damit das auch für Illustrierten-Käufer konsumierbar sei, schwärmen nach den Autoren Photographen aus, um die Dichter-Impressionen zu bebildern. Und wohin wollen sie, die Literatur-Touristen? Walser will nach Trinidad, Hochhuth nach Troja (wenn er da bloß nicht gleich noch ein Stück schreibt!), die Wohmann nach Texel, Robert Neumann nach Kent, Horst Krüger nach Kalifornien, Baumgart nach Kenia. Die ganz allererste Garde ist »noch in Verhandlung": Böll, Frisch, Lenz, Johnson überlegen noch; die Bachmann wird noch bearbeitet. Wolf Wondratscheks Wüstentour hingegen ist geplatzt, weil der eine eigene Photographin mitnehmen wollte. Wer noch nicht eingeladen wurde. muß sich nicht grämen: »Die Aktion ist noch lange nicht abgeschlossen« -- und sie ist auch kein Scherz: Hildesheimer ist bereits in seinem Ferienparadies Irland, Andersch ist per Jet nach Mexiko und Rühmkorf tut sich in Malaysia um. Hätte sich die Gruppe 47 früher mit Neckermann liiert, sie könnte noch bestehen vielleicht mit einer Tagung in Nassau?

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