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AUTOREN Reisen eines Dichters

In seinem Geschichtenband »Handy« gibt sich Ingo Schulze ("Neue Leben") bescheiden - und kaschiert doch nur seinen Mangel an Stil und Stoff.
aus DER SPIEGEL 9/2007

Vielleicht sollte die Literaturkritik sich langsam wieder abgewöhnen, vor lauter Freude über die Erfolge der deutschen Gegenwartsliteratur in ausdauernde und erwartbare Elogen auszubrechen. Eines der Lieblingskinder der Kritiker ist seit langem der 1962 in Dresden geborene Ingo Schulze, der mit seinem zweiten Prosabuch »Simple Storys« (1998) auch ein großes Publikum gefunden hat.

Schulze zählt zu den jüngeren Erfolgswundern unserer Literatur: neben Arno Geiger, Katharina Hacker, Daniel Kehlmann, Ilija Trojanow und einigen anderen. Er ist ein sympathischer und bescheiden auftretender Schriftsteller. Auch ihm könnte es unheimlich werden, wenn seine Bücher mit Lobpreisungen wie »Wunderwerk« ("Süddeutsche Zeitung") und »Geniestreich« ("Frankfurter Rundschau") oder der Losung »Das ist nicht Wende-, das ist Weltliteratur« ("Die Welt") bedacht werden - wie sein allzu umfangreicher, in Detailfülle erstickender Nachwende-Roman »Neue Leben« (2005).

Dem neuen Erzählungsband »Handy« hat Schulze als Gattungsbezeichnung den Untertitel »Dreizehn Geschichten in alter Manier« mitgegeben*. Dahinter lässt sich eine erzählerische Biederkeit verstecken,

die diesem Autor immer schon eigen ist. Vor rund zwanzig Jahren nannte der Amerikaner Harold Brodkey (1930 bis 1996) eine Geschichtensammlung ganz ähnlich: »Stories in an Almost Classical Mode« - doch diese Erzählungen waren verstörend, gespenstisch, ließen den Autor in unterschiedlichen Masken auftauchen.

Derlei scheint Schulze zumindest anzustreben: ein Spiel mit der eigenen Person. Er gaukelt dem Leser eine autobiografische Öffnung vor, die sich dann nicht selten als das altbekannte postmoderne Spiel mit dem Ich entpuppt. Immer wieder ist in diesen Geschichten von den früheren Büchern Schulzes die Rede, mehrfach vom Erstling »33 Augenblicke des Glücks« (1995), natürlich von den »Simplen Storys«, auch von einem in Arbeit befindlichen Roman »Neue Leben«. Und es ist davon die Rede, wie ein erfolgreicher deutscher Schriftsteller Einladungen aus aller Welt erhält und annimmt: ins Gästehaus des estländischen Schriftstellerverbands, nach Kairo zu einer Konferenz, auf der nur Arabisch gesprochen wird, in die USA, wo der Ich-Erzähler einem Friseur sagt: »Ich habe keine Ahnung, was ich schreiben soll.« Und der ihm antwortet: Er sei nur Friseur, aber da erlebe man »eine Menge«.

Das alles gibt sich ironisch bis selbstironisch, doch sind die Beschreibungen dieses Reiselebens bemerkenswert umständlich und nicht selten so hilflos erzählt, als würde hier eine briefliche private Mitteilung zitiert oder parodiert werden: »Was Hosni erzählte, interessierte mich, vor allem das, was er über die zwei Jahre als Kulturattaché in Khartum sagte.«

Die Geschichten, die dieser Band versammelt, gehören unterschiedlichen Erzählgenres an. Die Grenze zwischen Fiktion und Reisereportage ist fließend. Offenbar hat der Autor diese Unklarheit kalkuliert: Ein paar der Texte sind als journalistische Arbeiten schon vorab in Zeitungen und Magazinen gedruckt worden, andere sind klassische Short Stories.

Einen roten Faden gibt es dennoch, und der ist sogar überdeutlich ausgelegt, die alte Frage der Schriftstellerei nämlich: Wie nah komme ich an die Wirklichkeit heran? Und wie gehe ich mit der Unglaubwürdigkeit mancher realer Erlebnisse und Ereignisse um? Lässt sich das, was uns auf Reisen und im Alltag passiert, für Erzählungen überhaupt nutzbar machen?

So wird dann mit dem »unglaublichen Geschehen« gelockt, »von dem ich gleich berichten werde«. Der Ich-Erzähler, der von sich behauptet, er habe »bisher noch nie von der Wirklichkeit abgeschrieben«, lässt sich von seiner Partnerin und frühen Leserin einer noch unfertigen Geschichte belehren, dass es in der Wirklichkeit ohnehin anders zugehe »als in meinen Geschichten«.

Die Mehrzahl der Geschichten ist übermäßig ausführlich erzählt - sollte das mit »alter Manier« gemeint sein? Leider versöhnen sie selten mit stilistischer Eleganz. Obwohl er sein Geld »mit Beobachtungen und der Beschreibung von Situationen und Gefühlen« verdiene, sagt einer der Schriftsteller und Ich-Erzähler, empfinde er sich - im Gegensatz zu seiner schlagfertigen Partnerin - als »geradezu taub und stumpfsinnig«.

Das zumindest ist übertrieben. Es gibt immerhin einige Glanzlichter in diesen Erzählungen (zum Teil als Geschichten in der Geschichte) - wie die Episode von dem Paar, das nackt in einem See badet und hinterher von einer Horde junger Männer am Ufer gezwungen wird, sich seine Kleidungsstücke einzeln abzuholen, wobei beide über diese Erfahrung ihrer Macht- und Hilflosigkeit schwer hinwegkommen.

Oder das Erlebnis in Umbrien, wo der Besitzer drei gestandenen Männern um die vierzig das im voraus bezahlte Ferienhaus einfach nicht überlassen will und sie dermaßen provoziert, dass sie ihn schließlich zusammenschlagen - und plötzlich richtet dessen Partnerin eine Pistole auf sie. Sie entkommen, und das Unheimliche an der Geschichte: Sie hat kein Nachspiel.

Gewiss, manche solcher Alltagserregungen werden geboten. Aber wenn der Verfasser dieser Sammlung nicht Ingo Schulze wäre, fände der Band »Handy« wohl kaum viel Beachtung. VOLKER HAGE

* Ingo Schulze: »Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier«.Berlin Verlag, Berlin; 288 Seiten; 19,90 Euro.

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