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Musik »REISST DIE BARRIEREN NIEDER!«

»Diese Musik«, sagt der amerikanische Jazzkritiker Ralph Gleason, dessen Kolumnen von mehr als 50 US-Tageszeitungen nachgedruckt werden, »besitzt die Respektlosigkeit und die Aggressivität des Jazz sowie jene Spontaneität, die man seit je mit dem Jazz verbindet« -- er meint die Beatmusik. Seit englische und amerikanische Beatmusiker authentischen Blues spielen und wie ihre Jazz-Kollegen improvisieren, ist die Grenze zwischen Jazz und populärer Musik verwischt: Jazzmusiker nehmen Popmusik-Platten auf, Popmusiker werden in Publikumsumfragen unter die führenden Jazzsolisten gewählt. Deutsche Jazzexperten jedoch wollen die partielle Fusion von Jazz und Pop, die in der internationalen Fachpresse kaum noch bezweifelt wird, nicht dulden. Auf einer Tagung in Hechingen haben neun Musiker und Musikjournalisten, die »wissenschaftlich und praktisch mit dem Jazz zu tun haben« -- darunter der Präsident der Deutschen Jazz-Föderation (DJF), Wolfram Röhrig -, einen offenen Brief verfaßt« mit dem sie »diesen Tendenzen entschieden entgegentreten«. Die Hechinger Neun meinen, daß eine »Verschmelzung musikphänomenologisch nicht gegeben« sei und die »Propagierung« einer Fusion »mit den Tatsachen nicht übereinstimmt«.
aus DER SPIEGEL 5/1969

SPIEGEL: Herr Röhrig, neun Jazz-Funktionäre, darunter auch Sie, haben dekretiert, daß Jazz- und Popmusik nichts miteinander zu tun haben dürfen. Das eine sei Kunst, das andere Unterhaltung. Welchen Grund haben Sie eigentlich für diesen Erlaß?

RÖHRIG: Wir haben nicht gesagt, sie dürfen nichts miteinander zu tun haben, das wäre völlig falsch.

SPIEGEL: Sie schreiben, die Verschmelzung von Jazz- und Popmusik sei »musikphänomenologisch nicht gegeben«, ihre Propagierung sei daher »irreführend«.

RÖHRIG: Moment, zwischen Verschmelzung von Jazz und Pop und Nichts-miteinander-zu-tun-Haben ist nach meiner Ansicht ein großer Unterschied. Es geht nur darum, daß das Wort »Verschmelzung« nach unserer Ansicht nicht zutreffend ist, Ich würde es »eine Begegnung« nennen.

SPIEGEL: Kennen Sie eigentlich die Fakten, die Sie mit Ihrem offenen Brief vom Tisch fegen? In der letzten Publikumsumfrage des US-Magazins »Down Beat« zum Beispiel wurde eine Beatplatte wie »Wheels of Fire« von der Band »The Cream« unter den »Jazzplatten des Jahres« ausgezeichnet. Und wenn ein Jazzmusiker wie Barney Wilen Beatmusiker in seine Gruppe aufnimmt und eine Art Pop-Jazz zum Programm der Combo macht -- einer der Unterzeichner Ihres Briefes hat diese Gruppe sogar auf Platte produziert -, dann ist das doch der Beweis für eine Fusion.

ROHRIG: Was ich von der Barney-Wilen-Gruppe kenne, ist für mich absolut Jazz und nicht Beat. Es gibt Beispiele für Begegnungen von Jazz und Pop, aber keinesfalls ist daran eine Tendenz abzulesen ...

SPIEGEL: ... eine Tendenz zum Niederreißen jener Barrieren, die Sie mit Ihrem offenen Brief wiederaufrichten.

RÖHRIG: Ich bin immer dafür gewesen, daß die Barrieren zwischen Musikarten niedergerissen werden.

SPIEGEL: Bitte, lassen Sie uns weiter aufzählen. Wie ist es möglich, daß ein so vorzüglicher Jazzmusiker wie Don Ellis sagt: »Pop hat jetzt die Spannung und den rhythmischen Drive, die mich früher zum Jazz hingezogen haben?« Wie ist es möglich, daß das führende amerikanische Jazzmagazin »Down Beat« plötzlich auch über Popmusik schreibt? Wie ist es möglich, daß ein Magazin wie »Jazz« in New York sich plötzlich in »Jazz & Pop« umbenennt? Wie ist es möglich, daß ein Nachtklub wie Ronnie Scotts Club in London, der von einem Jazzmusiker geleitet wird, im gleichen Programm den Jazz-Bläser Stan Getz und die Beatgruppe »Scaffold« auftreten läßt? Wie ist es möglich, daß auf fast allen internationalen Jazz-Festivals heute auch Pop-Gruppen spielen? Und was ist mit den Musikern, die in beiden Bereichen arbeiten, was mit Gunter Hampel und Mani Neumeyer, die neben ihren Jazzbands auch noch Beatgruppen unterhalten? Und wie wollen Sie es schließlich erklären, daß einer der Mitunterzeichner des offenen Briefes. Joachim Ernst Berendt, bei den Berliner Jazztagen die Popsängerin Julie Driscoll und die »Soul Caravan« in sein Programm eingebaut hat?

ROHRIG: Das ist alles für mich kein schlüssiger Beweis für eine Verschmelzung, sondern die Pop-Gruppen und die Popmusik werden in einem Zusammenhang zur Diskussion gestellt, wo es sich um Soul, Blues und so weiter handelt. Warum sollte Herr Berendt in seinem Festival nicht auch eine Gruppe auftreten lassen, die auf der Grenze liegt und die er für interessant hält? In unserem Brief ging es aber um etwas völlig anderes, nämlich um die Tatsache, daß diese Fusionstendenz so propagiert worden ist, als sei es erstrebenswert, wenn ein Strom vom Pop zum Jazz gehen würde.

SPIEGEL: Kann es sein, daß Sie etwas als Propaganda unterstellen, was eine Feststellung von Tatsachen ist?

RÖHRIG: Ich glaube nicht, sonst hätten nicht so viele andere, auch die acht anderen Unterzeichner des Briefes, in letzter Zeit den Eindruck gehabt, die Verschmelzung von Jazz und Pop werde im Fernsehen und in Zeitschriften als etwas Erstrebenswertes hingestellt, weil der Jazz allein nicht mehr lebensfähig sei.

SPIEGEL: Uns geht es nicht um die Kategorien Jazz und Pop, sondern nur um Qualität. Fühlen Sie sich eigentlich als Gralshüter des Jazz?

RÖHRIG: Was heißt Gralshüter? Wir fühlen uns als Menschen, die dem Jazz verbunden sind. Und jeder Formulierung, der Jazz sei nicht mehr lebensfähig, der Jazz müsse von der Popmusik eine Hilfe bekommen, müssen wir entschieden widersprechen. Das Wort Gralshüter klingt ein bißchen ironisch. In Wirklichkeit ist aber da schon etwas sehr Ernstes dran. Ich bin der Überzeugung, daß die Jazzmusik ein ganz anderes Wertniveau hat als die Popmusik. Die Jazzmusik ist für mich ein Teil der Musik mit bleibendem Wert in der gesamten Musikentwicklung, ein legitimer Teil. Die Popmusik ist etwas ganz anderes; sie bat eine wichtige Funktion, aber sie liegt auf einer anderen Wertebene. Sie ist eine modisch bedingte Musik, die für den Moment, für unsere Zeit ihre Gültigkeit hat und die man genauso schnell vergißt wie die Popmusik von gestern und von vorgestern.

SPIEGEL: Das ist die Ansicht eines Jazz-Puristen. Herr Röhrig. könnte es sein. daß dieser offene Brief geschrieben worden ist, weil gewissen Jazzexperten die Felle wegschwimmen, weil sie um ihren Einfluß und den damit verbundenen guten Geschäftsgang bangen?

RÖHRIG: Natürlich ist es nicht so. Von den Jazzwissenschaftlern und -experten sieht kein Mensch seine Felle wegschwimmen. Der Jazz war selten so stark, so dynamisch, so vital und qualitativ so hochstehend wie heute. Wir haben uns zu dem offenen Brief entschlossen, weil im Publikum der Eindruck erweckt wird, der Jazz sei eigentlich ein bißchen schwindsüchtig und brauche eine Transfusion von gesundem Pop-Blut.

SPIEGEL: Es gab so viele Fusionen, die von der Deutschen Jazz-Föderation propagiert worden sind: »Jazz und alte Musik«, »Jazz und neue Musik«, »Jazz und Lyrik«, »Jazz meets India«, »Jazz meets the world« und so weiter. Warum hat der Ihrer Meinung nach so gesunde und vitale Jazz eine solche Aufbesserung seines Image nötig?

RÖHRIG: Sie machen es mir leicht, darauf zu antworten, das freut mich. Er hat keine Aufbesserung seines Image nötig. Für mich ist der Jazz eine Musik der Begegnung zwischen Musikern, die miteinander improvisieren und sich gegenseitig befruchten ...

SPIEGEL: ... oder auch nicht, wie das deutsche Jazz-Raga-Experiment so drastisch gezeigt hat**.

RÖHRIG: Wir wollen doch nicht bei Einzelbeispielen bleiben.

SPIEGEL: Gut. Halten Sie denn die Begegnung von barocker Musik und Jazz für fruchtbar?

RÖHRIG: Wenn Sie an Loussier oder Cicero denken da bin ich mit Ihnen völlig einer Meinung: Das ist keine gute Begegnung, das ist eine kommerzielle Sache. Es gibt aber auch sehr gute Berührungspunkte zwischen der Improvisationstechnik des Jazz und der Barockmusik. Ich entdecke bei Ihren Fragen immer wieder diese Tendenz, die wir mit dem offenen Brief angreifen: Eigentlich kann der

* von links: Schulz-Köhn. Herzog zu Mecklenburg, Dauer, Zimmerle, Berendt, Fritsch, Röhrig, Rosenberg.

** Raga = Tonskala der indischen Musik.

Jazz gar nicht mehr, eigentlich hat er solche Fusionen nötig. In Wirklichkeit ist der Jazz eine Musik der Begegnung zwischen den Musikern, den Völkern, den Rassen, den Weltanschauungen, ja sogar den verschiedenen Erdteilen. Daraus folgt aber nicht, daß er schwach ist und Auffrischungen nötig hat.

SPIEGEL: Haben Sie dann eine Erklärung dafür, warum Leute, die sich »wissenschaftlich mit Jazz beschäftigen«, sich gegen etwas wenden, das ihrer Meinung nach gar nicht existiert. Wollten Sie mit Ihrer apodiktischen Erklärung, wie die »Welt« schrieb, »eine Diskussion beenden, die gerade eröffnet wird«, und »eine Entwicklung hemmen, die Interesse verdient?«

RÖHRIG: Wir sind nicht der Meinung, daß wir in der Lage sind, eine Diskussion zu beenden. Zwangsläufig vollziehen sich zwischen allen Musikarten, also auch zwischen Jazz und Pop, Begegnungen. Wir haben nur in dem Augenblick etwas dagegen, wo in der Verschmelzung eine Absicht liegt. Diesen Eindruck, daß eine Absicht darin liegt, habe ich jetzt auch in diesem Gespräch gefunden.

SPIEGEL: Herr Röhrig, wir finden, daß Ihre Resolution an jene Verlautbarungen bayrischer Liedertafeln und Trachtenvereine erinnert, die, um der angeblichen Reinerhaltung des deutschen Volksliedes willen, immer wieder den Jazz als eine perverse Negermusik verunglimpft haben.

RÖHRIG: Natürlich ist dieser Vergleich für mich nicht zutreffend. Der offene Brief ist keine Resolution. Eine Resolution ist eine Entschließung von dafür Zuständigen. Der Brief ist nur ein Diskussionsbeitrag zu einem zweifellos aktuellen Thema. Wir sind nach wie vor der Meinung, daß der Jazz gesund und lebendig ist und keine Hilfe braucht.

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