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MEDIZIN Reiz gestört

Kranke, die sich wegen Durchblutungsstörungen an der großen Körperschlagader operieren lassen, werden häufig impotent. Britische Mediziner lernten jetzt, diese Nebenwirkung zu vermeiden.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Weil sie oft nur noch hinken können, wegen Schmerzen in den Beinen oder weil gar Zehen und Gewebebezirke der Unterschenkel absterben, kommen die Kranken in die Klinik. Kaum einer sagt frei heraus, daß ihn noch etwas anderes quält -- Impotenz.

Die Krankheit, gemeinhin als »Raucherbein« bezeichnet, gilt als Altersleiden. Aber derartige Beschwerden, so fiel den Londoner Ärzten Dr. Sabri und Dr. Cotton auf, plagen auch immer mehr jüngere Männer. Deshalb forschten die Mediziner vom King's College Hospital genauer nach dem Verlauf des meist verschwiegenen frustrierenden Begleitsymptoms.

Ihr verblüffender Befund: Sexuelles Versagen ist in der Regel nach einer Raucherbein-Operation noch weit häufiger als zuvor.

Inzwischen haben Sabri und Cotton. wie sie Anfang dieses Monats im britischen Fachblatt »Lancet« berichteten, eine schonendere, wenn auch kompliziertere Operationsmethode entwickelt. Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr, so konstatieren sie, lassen sich damit weitgehend verhüten.

Der Eingriff war freilich bislang schon schwer und schwierig. Denn das Raucherbein entsteht durch Blutmangel; die Durchblutungsstörungen aber rühren von einer -- durch Rauchen geförderten -- arteriosklerotischen Verengung der großen Körperschlagader, der Aorta, und der Ansätze der Beinarterien her (siehe Graphik).

Um den Stau zu beseitigen, müssen die Chirurgen die Gabelung der Aorta freilegen. Sie öffnen dann die verengten Blutgefäße und lösen die arteriosklerotischen Ablagerungen heraus; mitunter ersetzen sie auch ein Stück der Aorta durch Teflon-Gewebe.

Zu diesem Zweck durchtrennten die Operateure bislang gewöhnlich auch das vor der Aorta-Gabelung liegende Nervengeflecht, den Nervus presacralis. Die Konsequenz, so Sabri und Cotton: »Anscheinend werden die Sexualfunktionen eher durch die Operation als durch die Krankheit gestört.«

Denn vor dem Eingriff sind manche Raucherbein-Kranke impotent, weil wegen mangelnder Blutzufuhr zum Penis die Erektion ausbleibt; im King's College Hospital waren es zwei von neun Untersuchten. Nach dem Eingriff hingegen, wenn das Geflecht von Unterleibsnerven zerstört ist, versagt -- offenbar durch gestörte Reizleitung -- die Ejakulation; den mißlichen Effekt, der die Operierten mithin steril macht, beobachteten die Londoner Mediziner bei sieben Patienten derselben Gruppe.

Unter Chirurgen, kritisieren nun Sabri und Cotton, gilt dieses Sexualversagen »als unausweichliche Operationsfolge«. Und die Patienten beklagen sich ihrer Erfahrung nach nicht, »weil sie glauben, es sei der Preis für die Rettung ihrer Beine«.

Tatsächlich ist die Ejakulationshemmung, wie die Londoner Experten nun bewiesen, zu vermeiden: Nachdem sie die Nachteile der herkömmlichen Operationsmethode erkannt hatten, legten sie bei zehn weiteren Kranken die Aorta-Gabelung frei, ohne den Nervus presacralis zu durchschneiden. Sie trennten vielmehr das Nervengeflecht vor der Körperschlagader lediglich an einer Seite in Höhe der Nieren auf und »gruben sich« (so ihr Bericht) außerdem vom Dickdarm her vor.

Nur einer der zehn nach dieser Methode Behandelten, resümieren Sabri und Cotton, hat Ejakulationsschwierigkeiten. Die drei Patienten dieser Gruppe aber, die vor dem Eingriff impotent waren, berichteten mittlerweile von befriedigendem Geschlechtsverkehr.

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